Wir sind wie Zwerge, die auf die Schultern von Riesen geklettert sind. Und dann beschlossen wir, von diesen Schultern herunterzuspringen. – Warum eigentlich? Wer redete uns das ein?

Es war einmal, vor gar nicht so langer Zeit, da ergriff die Zwerge ein Wahnsinn, und sie sprangen herunter den hohen Schultern der Riesen.

Ihr müsst wissen, in jener Zeit hatten die Riesen wenig zu sagen, obwohl sie doch allgegenwärtig waren. Zwerge waren es, welche die Geschicke des Landes lenkten. Zwerge, welche die großen Reden schwangen und die Gesetze verkündeten. Zwerge, die auch bei hochstehender Sonne relativ lange Schatten warfen, da sie ja auf den Schultern von Riesen saßen.

Dann aber wehte eine böse Idee über das Land, wie eine giftige Wolke. Jemand flüsterte den Zwergen ein: »Ihr macht euch klein, wenn ihr auf den Schultern von Riesen sitzt! Ihr könnt selbst so groß wie Riesen sein, wenn ihr nur von den Schultern jener Riesen hinabspringt und auf eigenen Beinen steht!«

Gehört, gehüpft! Die Zwerge sprangen von den Schultern der Riesen auf den Boden. Einige Zwerge brachen sich dabei die Zwergenbeine. Andere Zwerge stießen sich am Kopf und waren davon leicht beduselt, was aber eine Gnade war, denn so machten sie sich weniger Gedanken, ob der Sprung auf den Boden wirklich eine gute Idee gewesen war.

Als die abgesprungenen Zwerge alle auf dem Boden angekommen waren, zogen sich die Riesen still und bescheiden zurück. Vielleicht waren sie sogar vom Herumtragen der Zwerge müde geworden. Man muss wissen, der Zweck dieser Riesen war es gewesen, die Zwerge zu tragen – bis die Zwerge der Wahnsinn ergriff.

Alle Zwerge lebten nun unten auf dem Boden. Sicher, man baute keine Baumhäuser mehr, denn ohne die Riesen waren die Baumkronen nur noch schwer zu erreichen. Und ohne die Riesen konnte auch kein Zwerg mehr über den nächsten Hügel hinaussehen. Doch wozu auch? Von dort, von hinter den Hügeln, war ja schon seit langer Zeit keine Gefahr mehr gekommen.

Die Zwerge gaben ihr Bestes, ihr neues Zwergenleben zu organisieren.

Sicher, einige Zwerge jammerten, dass ihnen doch die gewohnte Weitsicht fehlte, doch diese Zwerge wurden schnell niedergebrüllt. Was erlaubten die sich, Zweifel an der kollektiven Zwergenklugheit laut werden zu lassen?

Nachdem die lautesten der zwergischen Zweifler auf die eine oder andere Weise zum Schweigen gebracht worden waren, lebten die Zwerge einige Zeit friedlich vor sich hin, solide auf dem Boden.

Doch eines Tages, plötzlich und unerwartet, hörten sie lautes Stampfen von hinter den Hügeln.

Sorge und Schrecken ergriffen sie, und plötzlich standen andere Riesen auf dem Hügel und blickten aufs Zwergendorf hinab.

Auf den Schultern dieser anderen Riesen saßen andere Zwerge.

Es stellte sich heraus, dass andere Zwergenvölker nicht von den Schultern der eigenen Riesen abgesprungen waren.

Im Gegenteil!

Die anderen Zwerge hatten sogar nachgedacht und geforscht, wie sie ihre Riesen zur Kriegsführung und Landnahme einsetzen könnten.

Die fremden Riesen stapften die Hügel hinunter, die fremden Zwerge auf ihren Schultern. Mit ihren Riesenfüßen trampelten sie die neuen Zwergenhäuser zu Schutt und Staub.

Einer der Bodenzwerge grübelte und murmelte dann: »Haben die fremden Zwerge uns eingeredet, von unseren Riesen herabzuspringen und unsere Riesen zu entlassen?«

Ein anderer antwortete ihm mit einer neuen Regel: »Schreibe nicht Verschwörungen zu, was mit dummem Stolz und stolzer Dummheit ausreichend zu erklären ist!«

Der Grübler sagte: »Es ist kein Widerspruch. Deren bescheidene Klugheit kann unsere stolze Dummheit ausnutzen.«

Doch es war keiner mehr da, ihn zu hören und seine Worte zu bedenken. Es war nie jemand da gewesen. Und dann war es auch egal.

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Der Essay Dann kamen die anderen (mit ihren Riesen) von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/zwergenstolz/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!