In der Jüdischen Allgemeinen schreibt ein gewisser Hannes Stein über den US-Israelischen Angriff auf den Iran:
Zugegeben: Die erste Phase dieses Krieges hat Spaß gemacht.
– Hannes Stein, juedische-allgemeine.de, 09.03.2026
Herr Stein ist nicht dumm. Dieser erste Satz ist eine kalte, menschenverachtende Provokation. Die folgenden Sätze sollen wohl »erklären«, was angeblich wirklich gemeint ist.
Der nächste Satz lautet:
Wer freut sich nicht, dass die Verbrecherriege, die den Iran unterjocht hat, zur Dschehenna gefahren ist?
– Hannes Stein, juedische-allgemeine.de, 09.03.2026
Man möchte ihm antworten: Christen zum Beispiel »freuen« sich nicht, wenn ein Mensch in die Hölle fährt. Der Tod keines Menschen ist ein Anlass zur Freude, zumindest nicht in dieser Form.
Man erinnere sich an die Kritik an Merkel, als sie sich über den Tod von Osama bin Laden »freute«; welt.de, 5.5.2011. »Das sind Rachegedanken, die man nicht hegen sollte«, so hieß es, und aus katholischen Kreisen wurde gemahnt, »die Tötung eines Menschen könne für einen Christen nie Grund zur Freude sein«.
Aber so ist es nun mal, Herr Stein freut sich, wenn der iranische Staatschef stirbt und in die Hölle fährt. Palästinenser freuen sich (so sie noch leben), wenn israelische Verantwortliche sterben. In den eigenen Augen ist jeder von ihnen gerechtfertigt.
Er macht es nicht »viel« besser. Auch nicht, wenn er später von tanzenden Iranerinnern berichtet und was-weiß-ich. (Wer glaubt denn im Westen noch irgendeiner öffentlichen Demonstration, dass ihr Anliegen nicht von einer global agierenden NGO vorgegeben ist?)
Und es stimmt ja!
Im »Kampf gegen das Mullah-Regime«, so Hannes Stein, folgt »eine gute Nachricht auf die andere«.
Der Text wird am 9. März 2026 veröffentlicht. Nicht zuerst auf einem privaten Blog wie dieser Essay, sondern in der Jüdischen Allgemeinen, die vom Zentralrat der Juden in Deutschland herausgegeben wird.
Am 9. März sollten sich eigentlich mindestens die Meldungen von der Auslöschung der Mädchenschule in Minab herumgesprochen haben (siehe engl. Wikipedia). Etwa 170 Tote, die meisten davon Schulkinder.
Das ist Teil der ersten Phase des Krieges, und die hat Herrn Stein »Spaß gemacht«?
»Nein, nein«, werden Herr Stein und die Redaktion der Jüdischen Allgemeinen sagen, »das meinen wir natürlich nicht. Wir meinen den Regime Change!« (Der eigentlich bislang keiner ist, aber das ist ein anderes Thema.)
Ich verhandle hier nicht, ob der Angriff auf den Iran moralisch richtig oder falsch ist. »Wenn einer kommt, um dich zu töten, steh auf, und töte ihn zuerst«, so lehrt der Talmud in Sanhedrin 72a. Wir wissen, dass der Iran zwei Wochen vor Fertigstellung der Atombombe steht. Seit Jahrzehnten.
»Und die Israelis haben verdient, endlich ohne Angst vor einer iranischen Atombombe zu leben, die heute, morgen oder in zehn Jahren Tel Aviv in einen radioaktiven Krater verwandeln könnte«, so schreibt Herr Stein. Und es stimmt ja. Netanjahu warnt seit über dreißig Jahren (aljazeera.com, 18.6.2025) vor der unmittelbaren bevorstehenden Fertigstellung der Iran-Atombombe.
Wirklich nicht senil
Aber ja, ich frage mich, was Herrn Stein zu solchen Zeilen bewegt, mit dem »Spaß« und so. Und ich grüble auch, wo ich dem Namen »Hannes Stein« schon mal begegnet bin – und dann fällt es mir ein.
Es war auf X. Ich hatte einen Post des geschätzten Argonerd zitiert, der in typischer Manier die Screenshots zweier Schlagzeilen nebeneinanderstellte. Es ist einer der vielen Argonerd-Klassiker, und ich erwähne ihn im Essay »Wahre Größe ist möglich«.
Einmal diese Schlagzeile: »Nein, Joe Biden ist nicht senil.« (welt.de, 02.02.2024)
Und dann diese: »Unter dem Jackett nichts als Knochen, der alte Mann war nur noch ein Skelett« (welt.de, 22.05.2025)
Im Teaser des zweiten Artikels von 2025 erfahren wir, dass Bidens Gedächtnis versagte und seine Mitarbeiter über einen Rollstuhl für ihn nachdachten.
Und selbstverständlich sah jeder Mensch rund um den Globus schon Jahre zuvor, dass der Mann gesundheitlich ein Wrack war.
»Joe Biden wirkt desolat, seine Worte wirr«, so schrieb ich schon 2020, im Essay »Katz und Maus und Joe Biden«. (Der Essay wurde dann auch von achgut.com übernommen.)
Du musst nicht widersprechen
Diese beiden Meldungen aber, also »Nein, Joe Biden ist nicht senil« aus dem Jahr 2024 und »Unter dem Jackett nichts als Knochen«, stammen beide vom selben Autor, nämlich: Hannes Stein.
Ich kommentierte damals süffisant: »Du musst Qualitätsjournalisten wie Hannes Stein nicht widersprechen. Du kannst auch warten, bis sie es selbst tun.«
Es fällt mir schwer, Herrn Stein zu glauben, dass er sogar im Jahr 2024 noch der ehrlichen Meinung war, dass Joe Biden eindeutig »nicht senil« ist.
Und mein Einfühlungsvermögen streikt bei der Vorstellung, dass ein nicht-psychopathischer Mensch wirklich daran »Spaß hat«, wenn eine Tomahawk-Rakete eine Schule samt den Schülern darin auslöscht.
Es könnte sein, dass Herr Stein (womöglich unbewusst) genau das schreibt, wovon er meint, dass es die jeweilige Redaktion von ihm hören will. 2024 schreibt er für Axel Springer, dass Joe Biden total nicht senil ist. 2026 schreibt er für die Jüdische Allgemeine, dass zumindest die erste Phase des Krieges »Spaß gemacht« hat.
Ich stelle die These in den Raum, dass wir an den Texten von Hannes Stein nicht immer nur ablesen, was Hannes Stein meint, sondern bisweilen eher das, wovon wechselnde »höhere Mächte« (via Redaktion) wollen, dass es gemeint wird. Und auch: empfunden wird.
Mach dich ehrlich, wo es wehtut
Krieg gegen die »Mullahs« soll »Spaß« machen. Wir sollen uns freuen, wenn der Gegner – ein Mensch – in die Hölle fährt, zur ewigen Verdammnis.
Ich stellte schon zu Beginn dieses merkwürdigen Jahres 2026 fest, dass es das Jahr ist, in dem sich die sogenannten Eliten ehrlich machen. Und es bewahrheitet sich täglich. Nein, »die« verstellen sich nicht mehr. Und was wir von denen hören und lesen, könnte uns verunsichern.
Den »höheren Mächten« ist es leidlich egal, ob du oder ich dies alles überleben und in welchem seelischen Zustand. Die wollen vor allem eines: an der Macht bleiben.
Doch spätestens wenn die sich ehrlich machen hinsichtlich ihrer Absichten, sollten du und ich uns hinsichtlich unserer Lage ehrlich machen.
Das Herz des Herrn Stein mag hüpfen. Mein Herz ist etwas nervös. Und mein Verstand ist fest überzeugt, dass die einzige Überlebensstrategie für den Einzelnen damit beginnt, sich auch da ehrlich zu machen, wo es weh tut.
Besser heute die Schmerzen der Wahrheit als zuletzt die Schmerzen aus dem Beharren auf der Lüge.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay »Die erste Phase dieses Krieges hat Spaß gemacht.« von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/spass-gemacht/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
