Ich will nicht über den Staat Israel schreiben. Nicht über Pogrome von Siedlern in der West Bank oder meine Angst vor der Samson-Option. Ich will über Feindesliebe und Poesie schreiben. Und Leonard Cohen zitieren.

Ich werde heute nicht wieder über den Staat Israel schreiben, so habe ich mir vorgenommen.

Ich werde nicht über die Pogrome an Palästinensern schreiben, die israelische Siedler gerade »veranstalten« (bbc.com, 22.3.2026).

Ich werde nicht analysieren, was die »Samson-Option« ist (siehe Wikipedia) – und wie sehr sie dem ähnelt, was der Staat Israel dem Iran als mögliche Absicht vorwirft (@IsraelMFA, 21.03.2026).

Ich werde nicht in vielen Absätzen den Kopf schütteln, wenn der Staat Israel eine Kraken-Karikatur publiziert, mit Iran als Kopf des Kraken (@IsraelMFA, 22.03.2026).

Nein, all das werde ich nicht tun. Oder womöglich genauer: Ich will es nicht.

Nicht ein Iota

Ich werde derweil nicht ein Iota von meiner Islamkritik zurückweichen. Siehe dazu Essays wie »Grüne sagte WAS über Islam?!«, »Nein, wir fürchten den Islam nicht« und »Islam und Rosen ohne Dornen«.

Und doch: Ich werde zugleich nicht von der These abweichen, dass auch Palästinenser Menschen sind.

Ich werde nicht einmal die Debatte führen, welche »Wertegemeinschaft« man teilen kann/will/soll mit einer Gesellschaft, in welcher die Entmenschlichung der Gegner statistisch »normal« ist, ob in höchsten Ämtern oder auf offener Straße (siehe Wikipedia »Dehumanization of Palestinians in Israeli discourse« und schmerzhaft viele Statements von Israelis in Sozialen Medien).

All das werde ich nicht diskutieren.

Ich nehme es zur Kenntnis. Und ich leugne es nicht.

Begriff vs. Begriff

Ich werde auch nicht leugnen, dass der Name Israel für Christen knapp 1960 Jahre lang zuerst das Christentum meinte.

Im Alten Testament bezeichnet Israel zuerst das Volk, das mit Gott den Bund geschlossen hat. Nach Paulus in Römer 11:16-24 aber ist Israel wie ein Ölbaum, in den neue Zweige eingepropft und dem die alten Zweige abgeschnitten wurden.

Wer irrte? Paulus und alle Christen bis nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – oder politiknahe Theologen unter dem Eindruck der Nachkriegsdebatte? Sei’s drum.

Der Staat namens Israel ist weder mit das jüdische Volk noch mit das biblische Israel begriffsidentisch – weit davon entfernt.

Nein, all diese Dinge will ich nicht weiter diskutieren. Ich will sie lediglich notieren.

Bitte weniger Molotov-Cocktails

Und ich liste einiges auf, was ich heute ablehne.

Ich lehne die heute populäre, teils im- und teils explizite These ab, dass ich, um mich zu verteidigen, den Angreifer hassen und entmenschlichen muss – oder darf.

Ich lehne die zur Verteidigung militärischer Gewalt vorgebrachte These ab, dass Jesus »keine Vorteile« gegenüber dem »Dschingis Khan« hat. (@dushanwegner, 19.03.2026)

Ich sehe die Bilder (timesofisrael.com, 22.3.2026), wenn israelische Siedler in der West Bank das Zuhause von Palästinensern in Flammen setzen, Molotov-Cocktails werfen und die Bewohner zusammenschlagen. Es heißt, die Pogrome seien Vergeltung für den Tod eines Siedlers beim Zusammenstoß zweier Fahrzeuge zuvor (timesofisrael.com, 21.3.2026). Niemand wurde festgenommen.

Ich empfinde Mitleid mit den Opfern und ihren Familien. Es sind Menschen!

Ich fühle hilflose Wut. Und doch will ich nicht hassen.

Wenn Hass anklopft

Der jüdisch-buddhistische Dichter und Musiker Leonard Cohen schreibt:

When hatred with his package comes,
You forbid delivery.
– Leonard Cohen, You Have Loved Enough

Das bedeutet: Wenn Hass mit seinem Paket kommt, lehnst du die Annahme ab.

Wenn Krieg ist – und sei es gegen meine Gegner – gehe ich nicht auf eine Aussichtsplattform und rauche einen Joint, um mich am Töten zu belustigen (lemonde.fr, 23.7.2025). Ich bete für die Seelen der Toten, für die Einsicht der Lebenden und für baldigen Frieden.

Das neue Israel

Ich wollte nicht über den Staat Israel schreiben. Eigentlich will ich viel lieber über das neue Israel im Sinne der Bibel schreiben. Über dich und mich.

Und ich will selbstbewusst jenen Vers zitieren, der heute mit schrägen Dschingis-Khan-Vergleichen verhöhnt wird:

Liebet eure Feinde und betet für eure Verfolger, damit ihr euch als Söhne eures himmlischen Vaters erweist. Denn er lässt seine Sonne über Böse und Gute aufgehen und lässt regnen auf Gerechte und Ungerechte.
Matthäus 5:44-45

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Der Essay Ich werde nicht hassen von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/ich-werde-nicht-hassen/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!