»Der große Austausch« ist als Theorie fast schon allgemein akzeptiert. Die neue große Theorie ist »Die große Demütigung« mit ihren vielen Demütigungsritualen. Es genügt nicht, uns zu erniedrigen, wir sollen es auch fühlen.

Liebe Freunde der Klugheit, heute wollen wir uns mit einer der wenigen »Verschwörungstheorien« beschäftigen, die zwar naheliegend, aber (meines Wissens) noch nicht de facto offiziell bestätigt sind. Und ich will gleich sagen, die Angelegenheit ist demütigend, gerade weil sehr viel für diese Verschwörungstheorie spricht.

Ja, ein neuer Begriff ist in das Vokabular der denkenden Kreise eingegangen: das Demütigungsritual – auf Englisch: humiliation ritual.

Eine Form des Demütigungsrituals kann sein, dass Prominente sich öffentlich und quasi-ritualisiert demütigen lassen, oft zum Gelächter ihrer Showbiz-Kollegen (knowyourmeme.com, 24.6.2025). Beispiele sind halb-freiwillige Nackt-Auftritte, öffentliche Mea culpa wegen Trivialitäten oder als Mann in Frauenkleidern fotografiert zu werden. Es soll Fälle geben, in denen der Erfolg genau nach der öffentlichen Demütigung einsetzte – der Begriff hat es inzwischen bis in den Mainstream geschafft (gq.com, 15.7.2025).

Doch laut gewissen Verschwörungstheorikern findet zugleich ein weiteres, viel größer angelegtes Demütigungsritual statt.

Die rituelle Demütigung

Es ist die Demütigung der Masse, des Volkes. Die rituelle Demütigung von Nationen, genauer: die Demütigung des Westens, noch genauer: die rituelle Demütigung des weißen und christlichen Westens.

Wir sehen es ja in Werbung und Propaganda. Was die Welt aus der Barbarei befreite und ins Heute voranbrachte, von sorgender Mutterschaft bis zum männlichen Heldenmut, von Familie bis Kirche, von der grundlegenden Bildung bis hin zur ins Göttliche tastenden Schönheit, wird pervertiert, lächerlich gemacht und in sein hässliches Gegenteil verkehrt. Wir werden gedemütigt, indem das, was an uns groß und gut war, verunglimpft und in den Dreck gezogen wird.

Ein aktuelles Beispiel ist die neue Verfilmung der Odyssee von Homer, durch Christopher Nolan. Christopher Nolan ist der Super-Regisseur von Inception (mit Leonardo di Caprio) und der Batman-Trilogie (mit Christian Bale und Heath Ledger). Jetzt liefert er plötzlich mit Odyssee woken Schrott ab. Es ist eine Demütigung, und die Frage ist, ob dabei »nur« westliche Kultur gedemütigt wird oder womöglich auch der Filmemacher.

Theorie und Vorhersage

Die große Demütigung und die Existenz von Demütigungsritualen sind (noch) Verschwörungstheorien. Die deutsche Propaganda spricht gern von Verschwörungs-Mythen oder Erzählungen, denn sie will davon ablenken, dass eine Theorie sehr wohl die Realität beschreiben kann. Eine Theorie bewährt sich, indem sie vorhandene Phänomene erklärt und zukünftige Phänomene dieser Art korrekt vorhersagt. Und das will die Propaganda wirklich, wirklich nicht: dass wir Aktuelles erklären und Zukünftiges vorhersagen.

Alle Wissenschaft (sprich: Theoriebildung) beginnt damit, die Phänomene der Welt zu beobachten und Thesen über die Mechanismen hinter dem Beobachteten aufzustellen. Wir sehen distinkte, doch kontextähnliche Phänomene, die alle darauf hinauslaufen, genau jene Menschen und Gruppen zu demütigen, deren Leistungen die moderne Welt möglich machten – und in genau den funktional wichtigen Eigenschaften.

Zeige mir eine Gruppe, die gedemütigt wird (etwa: weiße Männer), und eine Eigenschaft, die verächtlich gemacht wird (etwa: unternehmerische Leistung) – und ich zeige dir, was uns einst stark machte.

Eine Verschwörungstheorie stellt fest, dass Beobachtetes eben nicht nur Einzelfälle und Grundrauschen sind, sondern Teil einer nicht-zufälligen Entwicklung.

Cui bono

Der denkende Mensch fragt sich dann: Cui bono? Zu wessen Nutzen ist es?

An dieser Stelle gehen manche Verschwörungstheoretiker bisweilen einen mutigen und argumentativ schwierigen Schritt etwas vorschnell.

Sie stellen ein größeres Phänomen fest (Stichwort: Mustererkennung).

Sie sehen, welchen Akteuren es nützlich ist.

Sie schließen dann darauf, dass die Profiteure dies folglich auch geplant und angestiftet haben.

Doch damit verstoßen sie gegen das, was ich einst »Wegners Rasiermesser« genannt habe (siehe Video vom 15.4.2020): Erfolgreiche und mächtige Leute sind deshalb genau das, weil sie (oder ihre Vorfahren) sich darauf verstanden, bestehende Chancen zu nutzen. Es ist nicht zwingend, dass sie die Phänomene auch verursacht haben (aber auch nicht ausgeschlossen).

Es kann sein, dass ein Verursacher auszumachen ist; doch ist dieser dann womöglich nur ein weiteres Zwischenphänomen. Beispiel: Glaubt denn wirklich jemand, die Somalier hinter den jüngst aufgedeckten US-Betrugsfällen (cbsnews.com, 26.6.2026) waren die eigentlichen Drahtzieher?

Aber sei’s drum: Oft ist die Frage, ob ein konkreter Verursacher eines Phänomens auszumachen ist, ohnehin nur eine irrelevante Ablenkung. Es spielt für dich praktisch keine Rolle, ob die Covid-Panik oder der Bevölkerungsaustausch oder die große Demütigung wirklich von einer zu benennenden Person oder Gruppe inszeniert wurde oder sich als »zufällige« Emergenz ergab.

Für dich ist entscheidend, dass eine Demütigung geschieht. Dass wir als Gruppe, wir als Kultur und wir als Einzelne gedemütigt werden.

Erniedrigung und Demütigung

An dieser Stelle fragen wir natürlich, was Demütigung bedeutet. Nehmen wir als Arbeitshypothese dies: Demütigung ist die ablehnende emotionale Reaktion auf Erniedrigung.

Ja, so einiges an dieser Arbeitshypothese ist diskutabel! Beginnend mit der Implikation: Ist Demütigung »nur« eine »emotionale Reaktion«? Und worin besteht die Erniedrigung, auf die der Gedemütigte reagiert? Erklären wir etwa einen Begriff mit einem Synonym?

So wie ich die Wörter verwende, bedeutet Erniedrigung eine Herabsetzung des Status im weitesten Sinne. Wenn ein Mensch arbeitslos wird, wenn eine Krankheit sein Gesicht entstellt, wenn eine moralisch problematische Handlung bekannt wird – all das kann seinen Status in der Gesellschaft und vor sich selbst (sein »Selbstbild«) herabsetzen.

Kurz gesagt: Eine Erniedrigung senkte den Wert eines Menschen (in einer weiten Bedeutungsspanne für »Wert«).

Die Demütigung aber ist dessen emotionale Reaktion auf die »Entwertung«. Im Alltagsgebrauch werden Erniedrigung und Demütigung schon mal synonym verwendet. Doch tatsächlich ist der Unterschied erheblich!

Dass ich eine Handlung als Demütigung empfinde, setzt voraus, dass ich a) die Erniedrigung auch wahrnehme und als solche erlebe und dass ich b) die Erniedrigung »an mich heranlasse«.

Ein und dieselbe Situation kann mal demütigend wirken und mal nicht, je nach Umständen und Prägung.

Je nach Kultur und Kontext kann dieselbe Kleidung als normal oder als schlimme Demütigung empfunden werden. Ein Angestellter kann sich sehr geehrt fühlen, zum Bereichsleiter befördert zu werden – oder gedemütigt, wenn er zuvor Vizepräsident war und zum Bereichsleiter erniedrigt wurde.

Demut vor der Eucharistie

Ich laborierte an diesem Essay länger als üblich, denn das Klarwerden war diesmal ein komplizierterer Prozess. Der erste Stolperstein: Demut ist eine zentrale Tugend des Christentums. Wie können Erniedrigung und Demütigung also per se schlecht sein?

Am Sonntag, auch während der Messe, dachte ich über Demut vs. Demütigung nach.

Und dann, als wir zur Eucharistie anstanden, stand ein paar Plätze vor mir ein großgewachsener, fitter Mann, der ganz offensichtlich Stunden im Fitnessstudio verbracht hatte. Stehend eineinhalb Köpfe größer als der Pfarrer, kniete der breitschultrige Hüne sich demütig hin und öffnete den Mund, um den Leib Jesu zu empfangen, wie es sich gehört.

Demut ist die Einsicht des Menschen in seine wahre Rolle. Demütigung ist die Einsicht, von seinem vermeintlichen Status hinabgestoßen zu werden.

Wer die Demut aufgibt

Nein, ich weiß nicht, warum öffentliche Demütigungsrituale mit Promis durchgeführt werden. Warum baut man Stars erst auf und reißt sie dann wieder runter? Vielleicht um die Menschen hinter den Stars gefügig zu halten? Vielleicht um zu verhindern, dass wir jemanden haben, zu dem wir hinaufschauen können?

Ich habe leider eine recht präzise Ahnung, warum jemand ein Interesse daran haben könnte, den Westen und seine Ureinwohner zu erniedrigen. Man verhöhnt und zerschlägt, was uns eine gewisse Größe verlieh. Es genügt nicht, dass wir erniedrigt werden, wir müssen es auch in den Knochen spüren, sprich: Wir müssen gedemütigt werden.

Eine gedemütigte Nation wird sich nicht verteidigen, wenn sie ganz ohne Armee und Krieg übernommen und ausgebeutet wird. Ein gedemütigtes Volk wird sich nicht wehren, ersetzt zu werden.

Unsere Größe begann mit der Demut. Dann verloren wir sie. Und jetzt werden wir gedemütigt.

Wir verloren unsere Demut, als man uns überzeugte, dass unser Wohlgefühl im Augenblick und unser eigener, privater Verstand über alten Werten und Tradition steht.

Protestantismus, Aufklärung und Vatikan II lehrten den Menschen, stolz zu sein auf seine Bibeldeutung, seinen Gebrauch der Vernunft, seiner Hände Werk. Der Mensch setzte sich an Gottes Stelle, doch ab da musste er sich auch als Gott bewähren.

Jeder Trickbetrüger weiß, dass wer sich selbst für extra schlau hält, extra leicht auszutricksen ist. Ähnlich ist es mit dem »Aufgeklärten«, der sich an Gottes Stelle setzt. Wer die Demut aufgibt, wird gedemütigt werden.

Ja, der große Austausch und die große Demütigung finden aus demselben Grund statt: weil wir die Demut aufgegeben haben.

Wir werden Demut wieder lernen müssen. Wer Demut lernt, wird stark, weil die Demütigung der Welt ihn nicht mehr anficht. Es liegt an jedem Einzelnen, wie viel Erniedrigung notwendig ist, bis er Demut lernt.

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Der Essay Das große Demütigungsritual von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/das-grosse-demuetigungsritual/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!