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Tausende junger Marokkaner stürmen die alten spanischen Enklaven Ceuta und Melilla, wollen in die EU. Am Tag zuvor begnadigte Marokkos König 1.788 Verurteilte. Es sieht sehr koordiniert aus – aber koordiniert durch wen?

Am 25. Mai 2019 twitterte der Sohn eines bekannten Regierungschefs dies:

Dear Arabs and Muslims. Want to free occupied Arab Islamic lands? Here’s a good start!

@YairNetanyahu, 25.05.2019 (archiviert)

Dazu aber postete er eine Landkarte, welche die spanischen Besitzungen in Nordafrika markierte: Ceuta, Melilla, den Peñón de Vélez de la Gomera, den Peñón de Alhucemas, die Isla de Alborán und die Chafarinas-Inseln.

Auf Deutsch bedeutet sein Tweet: »Liebe Araber und Muslime. Wollt ihr besetzte arabisch-islamische Länder befreien? Hier ist ein guter Anfang!«

Der Vox-Vorsitzende Santiago Abascal nannte ihn damals ignorant und leichtfertig. Netanyahu junior antwortete, Ceuta und Melilla seien winzige Gebiete auf einem anderen Kontinent – und man möge sich vorstellen, wie Israel sich fühle, wenn Spanien die Räumung von Judäa und Samaria fordere (timesofisrael.com, 27.05.2019). Eine einmalige Entgleisung war das nicht: 2025 wiederholte er die Drohung und stellte zusätzlich die Anerkennung eines katalanischen Staates in Aussicht (elespanol.com, 01.10.2025).

Und das ist noch lange nicht alles. Und ja, wir reden von genau den Zonen, von denen ihr gestern in den Nachrichten gehört habt.

Per Gerichtsurteil entwaffnet

Am 30. Juli 2026 haben Tausende überwiegend junger Marokkaner die Grenze zur spanischen Enklave Ceuta überwunden, die meisten schwimmend um die Mole von El Tarajal herum; in Melilla wurde der Grenzübergang Beni Enzar nach Eindringversuchen geschlossen (elindependiente.com, 30.07.2026). Damit sind sie rechtlich nach Spanien eingedrungen – und also in die EU-Zone. Sogar der deutsche Staatsfunk sah sich genötigt, zu berichten (tagesschau.de, 30.07.2026), wenn auch wie gewohnt unvollständig. Ich werde es erklären, doch zunächst die bekannten Fakten.

Der unmittelbare Anlass ist ein Urteil des eigenen Landes gegen das eigene Land: Nach einem Spruch des spanischen Tribunal Supremo (poderjudicial.es, 08.07.2026) dürfen Menschen, die schwimmend eindringen, nicht mehr im Schnellverfahren zurückgewiesen werden. Spaniens Außenminister Albares stellte ausdrücklich den Zusammenhang mit dem Urteil her.

Spanien und Marokko haben inzwischen vereinbart, die Eingedrungenen »so bald wie möglich« zurückzuführen. Erfahrungsgemäß bleibt ein erheblicher Teil dennoch im Land, reist über Algeciras aufs Festland weiter – und davon wiederum ein guter Teil nach Deutschland.

Das Weiße Haus machte gestern umgehend Spaniens Politik verantwortlich. Italien erwägt die Aussetzung des Schengen-Abkommens gegenüber Spanien und bestellte Madrids Botschafter ein (elespanol.com, 30.07.2026).

Es gibt noch viele weitere Fakten hierzu, und ich komme zu diesen, doch erlaubt mir einen »kurzen« Exkurs in die Geschichte.

Tariq ibn Ziyad und andere

Die Geschichte Europas ist sehr wesentlich auch die Geschichte der Abwehr muslimischer Besatzer. Ich habe mir von KI schnell eine Liste erstellen lassen; ihr dürft den Rest dieses Absatzes also als Illustration lesen: 674–678 (Umayyaden, Konstantinopel), 711 (Tariq ibn Ziyad, Guadalete), 717–718 (Maslama ibn Abd al-Malik, Konstantinopel), 719 (Umayyaden, Narbonne/Septimanien), 721 (as-Samh ibn Malik, Toulouse), 732 (Abd ar-Rahman al-Ghafiqi, Tours/Poitiers), 827 (Aghlabiden, Sizilien), 846 (arabische Plünderer, Rom/Alt-St. Peter), 847 (Aghlabiden, Emirat von Bari), 889 (Andalusier, Fraxinetum/Provence), 1086 (Yusuf ibn Taschfin, Sagrajas/Zalaca), 1195 (Abu Yusuf Yaqub al-Mansur, Alarcos), 1212 (Muhammad an-Nasir, Las Navas de Tolosa), 1354 (Osmanen, Gallipoli), 1371 (Osmanen, Maritza), 1389 (Murad I., Amselfeld/Kosovo polje), 1396 (Bayezid I., Nikopolis), 1444 (Murad II., Warna), 1453 (Mehmed II., Konstantinopel), 1526 (Süleyman I., Mohács), 1529 (Süleyman I., Wien), 1570 (Lala Mustafa Pascha, Zypern), 1571 (Devlet I. Giray, Moskau), 1627 (Murat Reis, Island), 1631 (Barbaresken, Baltimore/Irland), 1645–1669 (Osmanen, Kreta/Candia), 1683 (Kara Mustafa Pascha, Wien).

NGOs und Sozialsysteme

Nun, ein moderner Zyniker würde scherzen: Heute wäre es gesetzlich vorgeschrieben, die Osmanen als »Schutzsuchende« zu bezeichnen. Und ihre Waffen wären nicht Schwerter und Kanonen, sondern NGOs und Sozialsysteme.

Wir kennen es ja von Attentätern, die sich explizit auf »Allah« berufen, doch die Behörden stur über die Motive rätseln. Und wir kennen es von jungen Männern, die etwa stolz T-Shirts tragen mit der Zahl »1453«, also dem Fall Konstantinopels, doch wehe man deutet daraus, dass ihnen wieder und weiter der Sinn nach Eroberung und Unterwerfung des christlichen Westens steht.

Die Frage ist also nicht, ob junge männliche Muslime im wehrfähigen Alter nach Europa ziehen. Die Frage ist, ob sie ihrem Glauben folgen und diesen also samt Machtanspruch ausbreiten wollen – oder ob sie sich wirklich dem von Özdemir et al. behaupteten »Euro-Islam«, also einem »Islam light« unterwerfen. (Siehe dazu etwa den Essay »Wenn Politiker sich aufmachen, Religionen zu reformieren« von 2018.)

Nun gut, dies alles sind Fragen, die wir hier seit einem Jahrzehnt verhandeln. Und oft genug lagen unsere wildesten Vorhersagen nur darin falsch, dass die Realität noch wilder über uns hereinbrach.

Doch im Fall des Sturms auf die spanischen Enklaven in Nordafrika haben wir die Gelegenheit, einige nähere Umstände zu beleuchten, und die sind … spannend.

Die Aufforderung von Yair Netanyahu an »Araber und Muslime«, die EU-Enklaven an der Straße von Gibraltar zu stürmen, war womöglich nur ein frühes Gedankenspiel, eine »Spinnerei«. Doch das sagten sie über »Groß-Israel« auch.

Einen sofortigen Preis

Am 12. März 2026 empfiehlt der ehemalige Pentagon-Berater Michael Rubin, heute am American Enterprise Institute, Trump und Rubio sollten Ceuta und Melilla als »besetztes marokkanisches Gebiet« anerkennen (larazon.es, 20.03.2026). Vier Tage später legt er nach und ruft Marokko dazu auf, im Geist des »Grünen Marsches« von 1975 unbewaffnete Zivilisten in die Enklaven zu schicken, die Zäune abzuräumen und die Flagge zu hissen (moroccoworldnews.com, 27.03.2026). Am 1. April erklärt der republikanische Abgeordnete Mario Díaz-Balart, ein enger Vertrauter von Rubio, die Enklaven lägen nicht auf spanischem, sondern auf marokkanischem Gebiet (moroccoworldnews.com, 04.04.2026). Marokko gilt als Teil amerikanischer »Sicherheitsstrategie«. Mit einer Übernahme von Ceuta und Melilla erhielten die USA (und ihre nahen Verbündeten) die Kontrolle über die Straße von Gibraltar und damit über die Schifffahrt ins Mittelmeer.

Man muss das nicht zwischen den Zeilen suchen. Im April erschien in Ynet, einer der größten Zeitungen Israels, ein Meinungsbeitrag unter der Überschrift, die Abraham-Abkommen erreichten nun die Meerenge – und Israel sei einzigartig positioniert, Marokko bei der Rückgewinnung seines Nordens zu helfen (ynetnews.com, 26.04.2026).

Spanien hatte den USA während des Iran-Feldzugs den Zugriff auf die Stützpunkte Rota und Morón verweigert; ein durchgestochenes Pentagon-Papier spielte daraufhin den Ausschluss Spaniens aus der NATO durch. Als Spanien dann im April auch die israelischen Angriffe auf den Libanon in scharfen Worten kritisierte, warf Israel die spanischen Vertreter aus dem Koordinationszentrum für den Gaza-Waffenstillstand in Kiryat Gat. Wer sich Israel widersetze, so Netanyahu, werde einen »sofortigen Preis« bezahlen (timesofisrael.com, 10.04.2026). Es wurde spekuliert, was genau Israel mit dieser Drohung meinte – und das war wohl auch der Zweck dieser Drohung.

Ende Juli 2026 feierte der König von Marokko sein Thron-Jubiläum. Zur Feier begnadigte er 1.788 Verurteilte; nach Angaben des marokkanischen Justizministeriums wurde davon neun Gefangenen die Reststrafe erlassen, 1.668 wurde die Strafe verkürzt, und 109 der Begnadigten befanden sich gar nicht in Haft (moroccoworldnews.com, 29.07.2026).

Am 30. Juli stürmten Tausende junger Marokkaner die Grenzen zu den EU-Enklaven. In den sozialen Medien verbreiten sich auch Videoaufnahmen, die zeigen sollen, wie junge Männer in LKWs in die Nähe der Grenze gebracht werden; eine unabhängige Bestätigung steht bislang aus (@TalebSahara, 30.07.2026). Die spanische Regierungsdelegation erklärte, die marokkanische Gendarmerie kooperiere; Beamte vor Ort nannten diese Hilfe oberflächlich.

In der Nacht wird von Einbrüchen in Wohnungen von Ceuta berichtet (@davidsantosvlog, 30.07.2026).

Am Morgen des 31. Juli 2026 verbreiten sich Videoaufnahmen, wonach die spanische Armee die Grenze nach Ceuta zwar kurzzeitig kontrolliert habe, sich um 5:00 Uhr aber wieder zurückgezogen habe, woraufhin wieder junge Männer eindringen (@herqles_es, 31.07.2026).

Ebenjener »Berater« vom März hat sich aktuell wieder gemeldet und fordert die »Rückgabe« von Ceuta und Melilla an Marokko (@mrubin1971, 31.07.2026) – sprich: an die USA und damit an ihre »Verbündeten«.

Diese Forderungen sind Bullshit. Melilla ist seit dem 17. September 1497 unter spanischer Kontrolle. Ceuta wurde 1415 von den Portugiesen erobert, kam 1580 unter Spanisch-Habsburger Herrschaft, wählte 1640, unter Spanien zu bleiben, und wurde 1668 im Vertrag von Lissabon förmlich spanisch. Die USA begannen 1776. Der Staat, der sich nach dem biblischen Israel nennt, wurde 1948 gegründet. Der heutige Staat Marokko erhielt seine Unabhängigkeit 1956. Die Forderung nach »Rückgabe« von Ceuta und Melilla, wie ein Herr Rubin sie erhebt, basiert auf einer groben Lüge, und ein gebildeter Mann sollte das wissen. Sie wissen, dass wir wissen, dass sie lügen – und so weiter.

Zehn Tage zuvor

Tatsächlich kann es aber auch sein, dass die amerikanisch-israelischen Forderungen genau das waren: nur Forderungen. Womöglich wird aktuell ein interner Mittelmeer-Konflikt ausgetragen, bei welchem Washington und Jerusalem eher verwundert zuschauen (und dann überlegen, wie sie ihn nutzen).

Am 20. Juli 2026 flog Spanien-Chef Pedro Sánchez nach Algier. Er traf Präsident Tebboune, und man einigte sich politisch darauf, die algerischen Gaslieferungen an Spanien zu erhöhen. Algerien ist inzwischen Spaniens größter Gaslieferant (libertaddigital.com, 21.07.2026).

Für Marokko ist das eine Kränkung. Algerien schloss 2021 lieber die Maghreb-Europa-Pipeline, die über marokkanisches Gebiet verlief, als Marokko weiter Transitgebühren zu zahlen. Mehr algerisches Gas für Spanien bedeutet mehr Geld für Marokkos Erzfeind, über eine Route, an der Marokko nichts verdient.

Zehn Tage später brach die Grenze.

Spanien bezahlt Marokko dafür, seine Seite der Grenze zu schützen. Zwischen 2019 und 2022 flossen über 62 Millionen Euro an die marokkanischen Behörden (elindependiente.com, 11.03.2023); andere Aufstellungen kommen für denselben Zeitraum auf 118 Millionen allein aus dem Etat des Innenministeriums (hispanidad.com, 10.08.2025). Brüssel zahlt zusätzlich. Und auch nach dem Sturm von 2021, als Marokko rund 10.000 Menschen durchließ, zahlte man weiter.

Das spanische Außenministerium hat den Zusammenhang zwischen der Algier-Reise und der Grenzkrise allerdings ausdrücklich bestritten (theobjective.com, 30.07.2026).

Es wäre ja auch mehrfache Ironie. USA und Israel reden seit Monaten über die Meerenge, über »besetztes Gebiet«, über einen zweiten Grünen Marsch. Und dann öffnet Marokko die Grenze – womöglich als Rache für lokale Gas-Käufe.

Und doch, und das ist hier die Tragik Europas, ist das Ergebnis gleich, ob nun Übersee oder lokale Mächte den Einmarsch junger Männer organisieren. Die Amerikaner nennen so etwas eine »distinction without a difference« – etwa: »Unterscheidung ohne Unterschied«.

So oder so oder so: Man wird fragen müssen, wie viel Europa von Europa bleiben wird.

Siglo de Oro

Ich verbringe diesen Sommer im spanischen Toledo. Hier besuche ich täglich die lateinische Messe.

Es wird bis heute darüber diskutiert, wer genau es war, der 711 die Stadttore von Toledo öffnete – von innen – und die Truppen des Tariq ibn Ziyad hineinließ; die Quellen dazu sind spät und unzuverlässig. Fakt ist, dass Europas und Spaniens Geschichte auch ein viele Jahrhunderte langer Kampf gegen fremde Mächte war, bis endlich 1492 mit dem Abschluss der Reconquista Spaniens Goldenes Zeitalter beginnen konnte, das Siglo de Oro (Wikipedia »Siglo de Oro«).

Ich weiß nicht, ob eine neue Reconquista ansteht. Noch ist nicht aller Päpste Ende. Reconquista aber bedeutet Rückeroberung. Ich kämpfe in meiner persönlichen Reconquista, will meinen Geist und meine Aufmerksamkeit aus den Klauen dieser Zeit befreien.

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Der Essay Sturm auf die Tore Europas von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/sturm-auf-die-tore-europas/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!