Von einem politischen Publizisten erwartet das Publikum einen Standpunkt. Einen Aufruf, eine Marschrichtung. Ich scheitere darin. Meine ehrlichste Deutung ist heute: Ihr liegt alle falsch – und ich weiß es auch nicht besser.

Ich bin diesen Sommer in Toledo, Spanien.

Eine Stadt, deren Geschichte mindestens bis ins Jahr 192 vor Christus zurückreicht. Die Römer unterwarfen damals die hier lebenden Hirten und gründeten »Toletum«.

Wenn wir aber heute den Namen »Toledo« hören, denken wir an die Geschichte des christlichen Europas. Wir denken an Reconquista. Wir denken an die Suche nach dem christlichen Umgang mit wenig christlichen Besatzern.

Ich werde in den kommenden Tagen versuchen, diese Geschichte besser zu verstehen. Ich werde die Steine anfassen und so weiter.

Vor allem aber bin ich hier, um täglich an der Alten Lateinischen Messe teilzunehmen.

Ihr wisst schon: »Unser täglich Brot gib uns heute.« – »Panem nostrum quotidianum da nobis hodie.«

Versteht mich nicht falsch: Ich bekomme auch hier die Nachrichten mit. Es wäre schwer, sich in Spanien aufzuhalten und nicht die für Europa relevanten Nachrichten mitzubekommen.

Und ich denke viel darüber nach. Bei aller Bescheidenheit: Ich habe das Gefühl, dass ich mehr über unsere sogenannte Realität nachdenke, als die meisten der Leute, die öffentlich und lautstark die aktuelle Lage kommentieren – und immer eine Meinung haben.

Gerade weil ich darüber nachdenke, tue ich mich mit dem Reden darüber schwer. Und es ist nicht (nur) die taktische Vorsicht, die mich zögern lässt.

Ja, einige Wahrheiten dürfen nicht offen ausgesprochen werden, wenn man sein Leben nicht gecancelt haben will. Für diese gilt aber ohnehin meist: Wer weiß, der weiß. Und wer nicht weiß, der will und wollte auch nicht wissen.

Ich habe nicht einmal eine politische Meinung, ich habe eher eine politische Ahnung: Ich ahne heute, dass links von Martin Sellner nur der Abgrund klafft, der nationale Suizid.

Meine Schwierigkeiten, über Nachrichten und Politik zu reden, sind ohnehin eher logischer Natur.

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen, so sagt Wittgenstein. Zu viele halten sich nicht daran.

Nehmen wir Spanien und Pedro Sánchez. Ich verstehe nicht, was er tut. Auf der einen Seite scheint er klug und gewissenhaft zu reden. Auf der anderen Seite tut er Dinge, die sind – sagen wir mal – mir nicht begreiflich.

Ich weiß aber, dass heute wenig wirklich so ist, wie es aussieht. Ist das denn nicht die einzige zuverlässige Konstante dieser Ära?

Von einem politischen Publizisten erwartet das Publikum einen Standpunkt. Aufruf und Marschrichtung. Der Kommentator soll ein Anker in stürmischen Zeiten sein.

Doch je mehr ich weiß, je mehr ich nachdenke, desto klarer wird mir: Ich verstehe es nicht. Zu viel erscheint mir widersprüchlich. Ich bin mir heute eigentlich nur darin sicher, dass sowohl die Version des Propaganda-Mainstreams als auch die Version des alternativen Mainstreams beide falsch liegen.

Die offizielle Wahrheit ist so falsch, dass selbst das Gegenteil nicht richtig ist. Wir geben nicht bloß die falschen Antworten, wir haben das Problem nicht verstanden.

Meine ehrlichste Deutung ist: Ihr liegt alle falsch, und ich weiß es auch nicht besser.

Wir werden in Gedanken zurückgehen müssen an den Punkt, als noch etwas richtig war. Und ab da neu denken.

»Ad Fontes!«, so lautet ein alter Kampfruf der Denkenden. (Zurück) zu den Quellen! Die Quellen zurückerobern!

Zurück zu dem Zeitpunkt, als das Wasser, das wir täglich trinken, noch einigermaßen klar war. Als das Wasser noch Leben spendete und unseren Durst löschte.

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