19.2.2021

Ernst darf nicht mehr Auto fahren

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Simon Rae
In Berlin will eine Initiative das Autofahren nur noch 12 mal pro Jahr erlauben. Man würde ja drüber lachen, wenn man nicht Angst hätte, dass es tatsächlich umgesetzt wird – bundesweit!
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»Aus Spaß wurde Ernst« – wir kennen diese Redensart. Und viele von Ihnen, verehrte Leser, werden auch den bekannten Scherz-Spruch kennen, mit welchem dieser Scherz oft fortgeführt wird.

Die bekannte Redensart lautet dann, zum Witz erweitert: »Aus Spaß wurde Ernst, und Ernst ist jetzt drei Jahre alt.«

Wie Sie gewiss wissen, seziere ich gern Frösche (ich erwähnte es etwa im Essay vom 4.3.2019); und offensichtlich ist das mit den Fröschen ein Sprachbild, frei angelehnt an jene alte Weisheit (wohl vom Ehepaar White stammend, siehe quoteinvestigator.com), wonach einen Witz zu erklären wie die Vivisektion eines Frosches sei: Man lernt zwar ein wenig über den Frosch, das ist wahr, doch leider stirbt der Frosch dabei.

Sei’s drum – dieser Frosch wird hier und heute dran glauben müssen (und wir hoffen durchaus, dass er selbst wiederum aufs Froschjenseits hofft, denn wenn wir mit unserem Untersuchungsgegenstand durch sind, dann sind Frosch wie Witz beide durch).

Zunächst, die Redensart, die zur Exposition des Witzes wird: »Aus Spaß wurde Ernst.«

Nicht nur Eltern fürchten jene Situationen: Die Kinder balgen und messen spielerisch ihre Kraft, alle sind fröhlich – doch dann testen die Kinder ganz praktisch Matthäus 7:3 aus, sprich: einer hat einen Balken im Auge. – Aus dem Spaß des Spielplatzes wird der Ernst der Notaufnahme.

Die zitierte Erweiterung jener Redensart aber ist auf gleich mehreren Ebenen witzig (sprich: sie formuliert realen Schmerz, jedoch auf erträgliche Weise).

Ob man die Pointe als »Ernst ist drei Jahre alt« formuliert oder »Ernst lernt jetzt laufen«, entscheidend ist, dass für den Hörer überraschend klar wird, dass »Ernst« ein Homonym ist, sprich: Dass »Ernst« sich auf zwei unterschiedliche Arten von Entitäten beziehen kann, einmal auf eine ernsthafte Angelegenheit, und einmal auf eine männliche Person dieses Namens (im Althochdeutschen bedeutete ernust übrigens Streit oder Kampf, und ein Ernst ist ein besonders entschlossener Mann).

Durch die unerwartete Umdeutung des Wortes »Ernst« in der erweiternden Pointe wird auch der »Spaß« umgedeutet, und der Schmerzen sind hier viele: All unsere Vorstellungen von dem Menschen als »Abbild Gottes« und vom Zeugen eines Kindes als Akt tiefer Liebe, all das wird reduziert auf »Weihnachtsfeier im Büro mit etwas zu viel Eierlikör«.

Natürlich ist es falsch, das so zu reduzieren, so sagen wir uns, und doch scheint es eben nicht ganz falsch, und doch ist der witztypische »wahre Kern« dran und drin, und deshalb ist es schmerzhaft und also auch witzig – womit wir bei der Politik des Tages wären.

Berlin Man

In den USA kennt man jene berüchtigten Schlagzeilen, die mit »Florida Man« beginnen; es folgen zuverlässig reichlich verrückte Begebenheiten, und die mit Alligatoren zählen zu den Harmloseren (siehe etwa nypost.com, 11.11.2020, oder einfach nach »florida man« googlen. 

In Deutschland beginnt sich ein ähnliches Muster zu etablieren. Wenn in einer Schlagzeile zu Beginn die Stadt Berlin erwähnt wird, stehen die Chancen gut, dass danach realsatirischer Irrsinn folgt.

Aktuell lesen wir etwa in welt.de, 18.2.2021: »Berliner Initiative will nur noch zwölf private Autofahrten pro Jahr erlauben«.

Zu normalen Zeiten würde man bei so einer Meldung schmunzeln und seinen Tag weiter betreiben. Das kann doch eigentlich nicht mehr als ein Spaß sein, oder?

Jene Initiative hat, so hören wir, bereits einen Gesetzesentwurf vorgelegt. Beim ersten Mal wird man wohl scheitern. Beim zweiten auch – und dann ist es womöglich plötzlich Realität, wie so manches irre Projekt in diesem Deutschland.

Nicht Gandhi

Wir haben es mit Leuten zu tun, die sich ein fälschlicherweise Gandhi zugeschriebenes Zitat zum Motto erhoben haben – Sie wissen schon: »Erst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, und dann gewinnst du.«

Wir könnten kurz darüber nachdenken, was dieses Zitat wirklich impliziert! Zuerst wurde die Idee ignoriert – wahrscheinlich aus gutem Grund. Dann wurde über sie gelacht – wahrscheinlich ebenfalls aus gutem Grund. Und dann hat die Idee, obwohl sie lachhaft war, irgendwie doch gewonnen – doch dass man gewonnen hat, widerlegt nicht die Gründe, welche ernsthafte Menschen hatten, um die Idee erst zu ignorieren und dann auszulachen!

Wir haben es mit Menschen zu tun, die wissen, dass ihre Idee lächerlich ist, doch die sie in einem irren Trotz eben deshalb durchsetzen wollen. Die »Aufmerksamkeitsökonomie« bestätigt sie bereits (auch wir reden hier ja darüber).

Die Geschichte in ihren verschiedenen Größenordnungen hat uns gelehrt, dass aus dem politischen Unernst sehr schnell Ernst werden kann, gerade in sogenannten Demokratien.

Wir hören diese Spaß-Initiativen, und wir werden nervös, nicht obwohl es so unernst ist, sondern weil es so unernst ist.

Bald könnte es (nicht nur?) in Berlin heißen: Aus Spaß wurde Ernst, und Ernst darf nicht mehr Auto fahren.

Es ist nur ein Spaß, was die da in Berlin machen – wenn auch nicht immer witzig – das stimmt, doch wir müssen den Spaß wohl ernst nehmen.

Ernst, Ernesto, Ernest

Der Frosch ist tot, liebe Leser, lang lebe der Frosch – zurück zum Ernst der Tage! Auf, ob ihr Ernst heißt oder es nur ernst meint, auf in den ernust gegen den Irrsinn, entschlossen und ernsthaft!

Es sind fürwahr weltbewegende Männer, die den Namen Ernst oder eine seiner internationalen Varianten trugen – einige Ernste waren genial, nicht alle waren unumstritten, sei es nun Ernst der Fromme, Ernesto Guevara oder Ernest Hemingway.

Allen Ernsts aber, was auch immer die Umstände ihrer Zeugung gewesen sind, sei hiermit gewünscht, dass sie es einmal in ihrem Leben zumindest zum Ernst der Stunde schaffen – und dem Rest von uns sei empfohlen, dass wir genau diesen erkennen.

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