Freunde, lasst uns heute einen lateinischen Satz lernen! (Ich bin ohnehin der Überzeugung, dass in der Mehrheit der möglichen Welten der Westen nicht zu retten ist. In den wenigen möglichen Welten aber, in denen dieses Wunder gelingt, lernen die Kinder wieder (oder weiter) Latein – mit ihren Eltern.)
Der lateinische Satz für heute soll also sein: »Amicus Plato, sed magis amica veritas.«
Das ließe sich etwa so übersetzen: Platon ist (m)ein Freund, aber die Wahrheit ist ein noch größerer Freund.
Platon steht für die Autoritäten, für die Riesen, auf deren Schultern auch wir Zwerge stehen. (Ach, hätten die »Experten« von heute doch nur die Größe eines Platon!)
Freund steht für die emotionalen und sozialen Bindungen, die allesamt zweifellos psychologisch wichtig und von mir aus ethisch wertvoll sind – die uns aber in Situationen bringen können, zwischen emotionaler Bindung und der Wahrheit entscheiden zu müssen.
Ich hatte an dieser Stelle erwogen, zwischen Fürwahrhalten und Aussprechen der Wahrheit zu unterscheiden. Also dass ein Mensch die Wahrheit als solche kennen kann, sie aber um der »Freundschaft« willen leugnet. Wir wissen allerdings aus Erfahrung, dass ein solcher Widerspruch regelmäßig das ganze Leben des Zerrissenen zur Lüge werden lässt. (Außer natürlich, er bereut schnell und aufrichtig, siehe Petrus.)
Motto einer kleinen Minderheit
Der lateinische Satz »Amicus Plato, sed magis amica veritas« wird von verschiedenen Autoren verwendet und zitiert. Gedanklich geht er auf Thomas von Aquin und zuvor auf Aristoteles zurück.
Platon ist mein Freund, aber die Wahrheit ist ein besserer Freund – es ist das Motto einer Minderheit.
Im Essay »8 Gründe, warum wir auf Lügen hereinfallen« erwähnte ich das Asch-Experiment. Dieses ist ein psychologisches Labor-Szenario, das die Probanden durch sozialen Druck manipuliert, eine offensichtliche Unwahrheit zu behaupten – und diese vermutlich auch zu glauben.
Der Sinn und Zweck von Propaganda und des milliardenschweren deutschen Staatsfunks liegt darin, die Mehrheit der Menschen durch sozialen Druck quasi zu zwingen, offensichtliche Unwahrheiten zu glauben.
Die Wahrheit zu sagen, wenn man dadurch einen Freund verliert: Ist das ethisch zu rechtfertigen? Wenn die Freundschaft für ihr Fortbestehen zwingend auf Lügen angewiesen ist – war es wirklich eine Freundschaft? Existiert eine Hierarchie der Lügen, von denen manche in Freundschaften zu rechtfertigen (oder sogar empfehlenswert) sind, während andere die Natur der Freundschaft als solche infrage stellen?
Und wie verhält es sich mit Platon als Autorität? Wir wissen, dass schmerzhaft viele unserer Mitmenschen bereit (und auch in der Lage) sind, offensichtliche Lügen zu glauben, wenn sie von einem »Experten« im TV behauptet werden. Es kann dem direkten Augenschein wie auch dem grundlegenden Menschenverstand widersprechen – wenn der Staatsfunk es sagt, werden die Gehorsamen es gern glauben.
Du aber, der du sagst, dass die Wahrheit dir ein größerer Freund als selbst Platon ist, du wirst bald allein dastehen.
Oder?
Nun, die Praxis zeigt dann eben doch, dass du nicht der einzige Freund der Wahrheit bleibst.
Und selbst als Christ, der doch christlich bleiben will, ist die Priorisierung relativ deutlich.
Und jeder, der Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen verlassen hat, wird das Hundertfache empfangen und das ewige Leben erben. (Matthäus 19:29)
Wenn man Jesus mit »die Wahrheit« gleichsetzt, so wird ausdrücklich versprochen, dass es sich lohnt, für die Wahrheit sogar seine Familie und sein Vermögen zu verlassen – es wird einem hundertfach vergolten werden.
Täglich um einen Tag kürzer
Nein, ihr müsst und sollt nicht wegen der kleinen politischen Wahrheiten des Alltags eure Familie zerschlagen. Bisweilen werden sie euch aber gar keine Wahl lassen, etwa wenn Familienmitglieder von der Propaganda zu Non Player Characters reduziert wurden. Und dann stellt sich die Frage: »Hast du deinem Verräter die Windeln gewechselt?«
Nein, kündige nicht Freundschaften auf und zerschlage gewiss nicht deine Familie aus irgendwelchen vulgären ideologischen Gründen. Doch lass dich nicht zum Lügner machen! Ja, dem Lügner auch nur »Guten Tag« zu sagen, kann dich zum Komplizen machen, wenn es impliziert, dass du seine Lügen als neues Normal hinnimmst. Nein, es ist nicht einfach.
Wenn sie dich erpressen wollen, eine Lüge zu leben, genau dann brauchst du Mut – unter anderem den Mut zur Wahrheit in eigener Sache.
Lege die Illusionen ab und plane den Rest deines Lebens neu. Bedenke: Der Rest deines Lebens wird ja täglich um einen Tag kürzer!
Wenn sie dich mit Autorität und anderen Tricks zwingen wollen, eine Lüge zu leben, dann sage ihnen: Amicus Plato, sed magis amica veritas.
Platon ist mir ein Freund, aber die Wahrheit ist ein größerer Freund! Ich bin überzeugt, dass Platon zugestimmt hätte.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Amicus Plato, sed magis amica veritas von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/amicus-plato-sed-magis-amica-veritas/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
