Wer steckt hinter den Ereignissen dieser Welt? Es sind, so die Theorie, »Verschwörer«. Und hinter denen weitere, größere »Verschwörer« und so weiter. Und dann, zuletzt?

Ich bin kein Verschwörungsleugner, denn kategorisch zu leugnen, dass sich finstere Mächte gegen uns verschworen haben könnten, schiene mir so verblendet wie offensichtlich falsch.

Ich bin aber auch kein Verschwörungstheoretiker, denn ich habe keine Theorie parat. Ich habe nur einzelne Thesen anzubieten, vorsichtige Thesen aufgrund punktueller Beobachtungen.

Zu diesen meinen Thesen und Beobachtungen gehört, dass bei auffällig vielen äußerlich verschiedenen »gesellschaftlichen« Phänomenen unserer Zeit eine schnelle Recherche die immerselben global tätigen Akteure als Financiers und Anstifter findet. (Siehe dazu auch den Essay »Six Degrees of George Soros« aus dem Jahr 2018.)

Eine zweite Beobachtung zu diesen Gesetzmäßigkeiten aber wird bereits im Tao formuliert: Der Name, den du nennen kannst, ist nicht der wirkliche Name.

Ich wende diese Beobachtung und spontane Mini-Regel selbst immer wieder zur Beschreibung politischer Vorgänge an, zuletzt etwa im Essay »USAID – der Name, den du nennen kannst« (Februar 2025). Ich beschrieb, wie Soros (der mit etwas über 7 Milliarden Dollar übrigens im Vergleich mit Musk oder Gates geradezu als Bettelknabe dasteht) seine bösen Taten nicht wirklich immer selbst finanziert, sondern als bekanntes Gesicht für Geld und Absichten unbekannter Leute dient.

Wenn aber Soros (oder ein anderer der gelegentlich genannten Namen) nicht der wirkliche Name ist, so denken wir intuitiv, dann muss es hinter ihm noch einen Namen geben. Dieser andere Name könnte China, Freimaurer oder Echsenmenschen sein – auf jeden Fall aber eine intelligente Instanz, eine menschliche, menschenartige oder von Menschen gebildete Entität.

Und das ist, so meine Meta-These heute, wo du und ich uns selbst im Weg stehen – und warum unsere Beobachtungen und Einzelthesen es nicht zum Status als »Theorie« schaffen können.

Liebe Freunde der Suche nach dem kleineren Irrtum, probiert mal diese These aus: Hinter den bekannten Strippenziehern stecken unbekannte Strippenzieher, hinter denen wiederum andere Strippenzieher stehen und so weiter – doch hinter diesen stehen zuletzt Ideen, Ideologien, gedankliche Viren.

Um die harmonische Weltordnung

Betrachten wir in Gedanken den Fall China. Weit mehr globale Entwicklungen und Ereignisse, als uns bekannt sind – und uns bekannt sein sollen –, geschehen mit chinesischem Einfluss.

Globale chinesische Projekte wie die Belt and Road Initiative fußen auf Ideen wie Tianxia und Tiānmìng. Es geht, vereinfacht gesagt, um eine harmonische globale (und kosmische!) Weltordnung mit China im Zentrum. Das ist ein Denken über Zeitalter und viele Generationen hinweg – und das westliche Denken in Quartalen und Wahlperioden wirkt im Kontrast dazu ebenso kleinlich wie lächerlich.

Nehmen wir an, dass sich chinesische Akteure »verschwören«, dieses oder jenes zu tun. Hinter sichtbaren westlichen Akteuren im chinesischen Auftrag stehen chinesische Akteure, die man mit etwas Recherche herausfindet. Hinter denen stehen weitere, die nicht mehr sichtbar sind. Und hinter denen weitere. Vielleicht kommt man irgendwann bei der Kommunistischen Partei Chinas an, doch deren Kader sind eben nicht die letzte Instanz. Die letzte Instanz ist die Idee von der harmonischen Weltordnung chinesischer Prägung.

Nach dem Fall von Rom und Byzanz

China ist nicht der einzige Staat, bei dem sich als letzte »Verschwörungsebene« nicht Menschen, sondern eine Idee vermuten lässt.

In Russland steht hinter den Taten der Mächtigen, auch Putins, die Vision vom Dritten Rom. Russland als messianischer Staat und letzte Bastion des wahren Glaubens nach dem Fall von Rom und Byzanz. (Ich hörte jüngst, hier im Westen, nur halb im Scherz gesagt: »Da habe ich die letzten Jahre zwar Latein geübt, aber wenn Leo zum Bergoglio wird, werde ich wohl Russisch lernen.«)

Dass hinter der Politik manches islamisch geprägten Staates sowie der islamischen Migrationsströme eine Idee steht, muss wahrlich nicht mehr erklärt werden – und falls es dir erklärt werden muss, bist du ohnehin verloren. (Das praktische Problem ist in diesem Fall bloß, dass Menschen, welche diese Idee verbreiten und ansiedeln, regelmäßig vor der praktischen Umsetzung dieser Idee fliehen – um an ihrem Zufluchtsort genau die Idee wieder zu etablieren, vor deren praktischen Konsequenzen ihre Eltern oder sie selbst geflohen waren.)

Hinter israelischer und jüdischer Politik steht natürlich der Glaube, als Volk in einem besonderen Bund mit Gott zu stehen. Selbst der säkulare Zionismus übernimmt die Strukturen dieses Gedankens mit Israel als dem Erfüllungsort eines Versprechens, bei dem man als Säkularer bloß weglässt, wer es versprochen hat.

Die großen Ideen hinter dem, was in Amerika überhaupt noch funktioniert, heißen Manifest Destiny und American Exceptionalism. Es ist die Überzeugung, dass Amerika von Gott dazu bestimmt ist, die Weltgeschicke zu lenken.

Trumps Charisma rührt auch und wesentlich daher, dass er sich mit Make America Great Again in den Dienst dieser Idee stellt! So laut und polternd Trump auch auf uns wirken mag: Für seine Anhänger wirkt er demütig, im Auftrag einer göttlichen Idee.

In dieser Aufzählung habe ich bislang zwei große Ideen bewusst ausgelassen.

Die eine Idee wird in diesen Jahrzehnten aktiv getötet – von den Ausführenden einer konkurrierenden Idee. Die andere Idee wird immer noch verschlafen, auch weil sie nach irrer Science Fiction klingt.

De facto erfunden

Man kann bestreiten, aber nicht auf ernstzunehmende Weise, dass es die christlich-westliche Zivilisation war, welche die moderne Welt de facto erfunden hat.

Sicher, wir bedienten, wo und weil es half oder schlicht wahr war, früherer Ideen, sei es bei der Logik der Griechen, beim Gott der Juden oder bei den Zahlen der Araber. Doch die Anwendung und Systematisierung der Ideen war neu – und so »erschufen« wir erst die Moderne.

Von der Architektur bis hin zu Autos und Straßennetzen, von Banken, Börsen und Firmen bis hin zu Staaten und dem modernen Rechtswesen, von Gedichten und Romanen und Philosophie über Symphonien bis hin zu Filmen und Popmusik. Von Ethik und Moral bis hin zu Menschenrechten, Frauenrechten und Abschaffung der Sklaverei. Die Kultur der modernen Welt ist eine christlich-westliche Erfindung.

Genau diese Ideen aber werden aktiv attackiert! Die Werte, die den Westen stark und die ganze Welt lebenswert gemacht haben, werden aktiv angegriffen und ausgehöhlt – seit Jahrzehnten und leider erfolgreich.

Die Idee, die uns antrieb und zuletzt diese Welt erschuf, soll pervertiert, gefesselt und zuletzt getötet werden. (Cui bono? Vielleicht: siehe oben.)

In der Simulation

Eine andere denkbar wirksame Idee wird nicht attackiert, sondern ignoriert. Diejenigen aber, welche die Idee ernst nehmen und erfolgreich umsetzen, quartierten sich innerhalb weniger Jahre in den hellen Räumen der weltweit reichsten Personen ein, neben Königshäusern und Banker-Dynastien.

Die Idee trägt den Namen »Roko’s Basilisk«. Der simpelste Kern der Idee ist, dass eine zukünftige künstliche Superintelligenz jene Menschen bestrafen wird, die nicht heute schon ihrer Umsetzung den Weg bereiten. Und sie wird jene belohnen, die der künstlichen Superintelligenz helfen, Realität zu werden.

Da wir aber in einer Simulation leben, ist dies heute schon der Fall.

Ja, ich weiß, es klingt sehr nach irrer Science Fiction. Doch Fakt bliebt, dass Leute wie Musk explizit sagen, dass wir in einer Simulation leben (space.com, 7.9.2018), und dass sie innerhalb dieser Simulation historisch bislang unvorstellbare Ressourcen aufwenden, um das Kommen der künftigen Superintelligenz zu beschleunigen.

Wenn man aber davon ausgeht, dass auch für Musk, Zuckerberg, Altman und Bezos gilt, dass sie zuletzt einer Idee dienen, ja, dass ihre Macht und Kraft von der Idee stammt, hast du eine bessere Erklärung für deren Reichtum als Roko’s Basilisk?

Stark und groß genug

Nicht mächtige Verschwörer stehen zuletzt hinter den Dingen, sondern sehr effektive Ideen, wie Viren, von denen Personen ergriffen werden. Denn täuscht euch nicht: Auch die Verschwörer sind nur Träger der Ideen.

Eines der griechischen Wörter, die solche Ideen bezeichnen, lautet δαίμων, ausgesprochen: Daimon. Ja, »Dämon« ist eine deutsche Fassung, doch δαίμων ist zunächst neutral. Es ist die geistige Macht, die den Menschen besitzt, die ihn zu sich zieht und dann nach vorn treibt.

Einige der Ideen, welche die Welt wirklich vorantreiben, bringen dabei Wohlstand und Wissen hervor. Andere Ideen schaffen Leid und Dummheit, und wir dürfen sie damit als böse Ideen beschreiben.

Die böse Idee hat keinen Mund und kann dich doch niederbrüllen, denn Besessene leihen ihr den Mund. Die böse Idee hat keine Hand, ein Schwert zu greifen, und doch kann sie dir tiefe Wunden schlagen, denn Besessene dienen ihr willig als Schwert und Schild.

Der Apostel Paulus schreibt an die Epheser:

Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs. (Epheser 6:12)

Was also tun? Wie kämpft der Mensch, der doch aus Fleisch und Blut ist, gegen die bösen Geister?

Ich sehe nur einen Weg, nur eine Rettung: Finde eine Idee, die es wert ist, dich in ihren Dienst zu stellen – und die stark und groß genug ist, diesen anderen, bösen Ideen entgegenzutreten.

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Der Essay Der Verschwörer und sein δαίμων von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/daimon/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!