- English (AI)
- German
Eine Frau beschwert sich im Smalltalk auf einer Party: »Ich habe von diesem Solipsismus gehört. Faszinierend! Leider kann ich niemanden davon überzeugen, wie vielen Leuten ich davon auch erzähle.«
Dieser Solipsismus ist eine philosophische Idee. Das lateinische Wort solus bedeutet allein, und ipse bedeutet selbst. Wenn man das gedachte Verb einsetzt, das sein bedeutet. Also: esse. Hier gebeugt als: sum.
Wir kennen sum aus »Cogito ergo sum«, und das bedeutet: »Ich denke, also bin ich.« (Ja, auch mich inspirieren manche unserer Zeitgenossen zum Versuch der Negation dieses Satzes, also: »Ich denke nicht, also bin ich nicht.«)
»Solus ipse sum« würde also etwa bedeuten: »Nur ich selbst existiere.«
Der Solipsismus ist jenes philosophische Denkexperiment, wonach nur mein eigenes Bewusstsein gewiss ist. Alles andere – inklusive all meiner Mitmenschen und der Interaktionen mit diesen – ist für mich nicht von einer Projektion oder einem Traum zu unterscheiden.
Ein verwandtes philosophisches Konzept ist die Simulationstheorie. Die geht davon aus, dass eine Außenwelt existiert, für unseren Geist aber eine andere Wahrnehmung simuliert wird.
Die populärste Ausgestaltung der Simulationstheorie ist der Film Matrix (Wachowski-Geschwister, 1999). Der berühmteste Vorläufer ist natürlich der Täuschergott in den Meditationes de prima philosophia (René Descartes, 1641).
Laut Solipsismus kann die Existenz einer Außenwelt nicht bewiesen werden – nicht einmal einer, die sich grundlegend von unserer Wahrnehmung unterscheidet. Also ist eine mögliche rationale Reaktion, davon auszugehen, dass keine Außenwelt existiert. (Wenn ein Gegenstand genauso gut existieren wie nicht existieren kann, ist die Behauptung seiner Existenz ein Glaubenssatz, keine unmittelbar und universell gerechtfertigte Erkenntnis.)
Jene Anekdote von der frischgebackenen Solipsistin bezieht ihren Witz aus einer grundlegenden praktischen Absurdität: Warum argumentiert die Dame für den Solipsismus gegenüber Leuten, die nur in ihrer Einbildung existieren?
Ja, das Ansinnen, die eingebildeten Mitmenschen davon zu überzeugen, dass sie eingebildet sind, ist absurd.
Und doch könnte die Dame aus der Anekdote heute auf gewisse Weise erfolgreich gewesen sein.
Lasst mich erklären!
Stets redlich bemüht
Ich musste an jenen alten philosophischen Scherz denken, als ich dieser Tage die politischen Debatten in den USA und Europa betrachtete – stets redlich bemüht, am Wahnsinn unserer Zeit nicht selbst wahnsinnig zu werden.
Es ist eine Krankheit im Denken unserer Zeit, ein schwerer funktionaler Fehler, wenn Menschen meinen, ein Sachverhalt oder ein moralischer Wert sei dadurch ausreichend gerechtfertigt, dass sie es sind, die ihn für wahr oder für gut halten.
Es ist das quasi-offizielle erkenntnistheoretische Modell des Individualismus. Ich nenne diese Haltung den epistemischen Solipsismus.
Also bin ich gerechtfertigt
»Epistemisch« bedeutet: die Erkenntnis betreffend.
Epistemischer Solipsismus sagt: »Ich halte es für wahr, also ist es wahr.«
Ja, der epistemische Solipsismus unserer Zeit ist radikal, und er geht noch weiter, wenn er aktiv Emotion als Rechtfertigung einsetzt: »Es fühlt sich gut an, das für wahr zu halten, also bin ich gerechtfertigt, es für wahr zu halten.«
Während eine solche Rechtfertigung der Wahrheit durchaus etwa im Religiösen ihren Platz hat (aber besser nicht als einzige Rechtfertigung), kann der epistemische Solipsismus in Wirtschaft, Wissenschaft oder Politik zu verheerenden Konsequenzen führen.
Massenweise überzeugt
»Ich denke, also bin ich«, sagt Descartes.
»Es fühlt sich gut an, das für wahr zu halten, also ist es wahr«, sagt der epistemische Solipsismus.
»Warum kann ich niemanden davon überzeugen, dass er lediglich in meiner Einbildung existiert?«, fragt die Dame im philosophischen Scherz.
Nun, wenn epistemischer Solipsismus die Überzeugung ist, dass eine Annahme oder ein moralischer Wert dadurch ausreichend gerechtfertigt sind, dass ich diese Annahme für wahr halte oder den Wert so empfinde, dann wurden Menschen heute tatsächlich massenweise davon überzeugt, dass zumindest der epistemische Solipsismus valide ist.
Wäre es nicht so fatal
Niemand ist leichter zu betrügen, so wissen wir, als einer, der sich für schlauer hält. (Oder einer, der die Regel nicht verinnerlicht hat: Wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein, dann ist es wahrscheinlich nicht wahr.)
Ähnlich gilt: Niemand ist weniger selbstbestimmt, als einer, der meint, völlig selbstbestimmt zu sein.
Es ist im besten, bösesten Interesse der Propagandisten, Marketing-Psychologen und sonstigen Manipulatoren, dass die Massen allesamt epistemische Solipsisten sind.
Listet im Kopf die großen, folgenreichen Fehler der letzten Jahrzehnte. Was haben sie gemeinsam? Ob Klimalüge, offene Grenzen, Ausstieg aus Atomkraft oder Aufgabe freiheitlicher Demokratie zugunsten der totalitären Staatsform »Unsere Demokratie«: Das aktive Staatsversagen setzt stets auf eine Mehrheit epistemischer Solipsisten, die via psychologischer Manipulation davon überzeugt wurden, dass jeder von ihnen selbst und zufällig zu genau der Erkenntnis gelangt ist, die von der Propaganda für den Tag gewünscht wird.
Wäre es nicht so fatal, wäre es geradezu amüsant: Epistemische Solipsisten werden sich im Gleichschritt heute für die mRNA-Injektion stark machen, morgen für das Verschieben von Milliarden Euro in ein bekannterweise korruptes Land, übermorgen für das Verbot der Opposition zur Rettung der Demokratie – und jedes einzelne Mal werden sie meinen, sie seien wirklich allein und selbst zu dieser Meinung gelangt.
Auch die Feinde jenes Systems
Das einzige Rezept für epistemische Solipsisten gegen totale Manipulation ist der bewusste Bezug auf bewährte Denk- und Wertsysteme.
Für das Denken empfehlen sich die alten Regeln der Logik (etwa dass eine Aussage nicht wahr und unwahr zugleich sein kann).
Für die Werte empfiehlt sich das einzige System, das über die Jahrtausende funktionierte, indem es das Leben – auch das innere Leben der Individuen – besser machte. (Auch die Feinde jenes Systems wollen weiter in und von diesem System leben.)
Für alle Unglücklichen
Wer seine eigene Erkenntnis für das Maß aller Erkenntnis hält, wer sich auf keine alten Werte und Traditionen als Plan und Prüfstein berufen will, ist als Individuum zunächst »nur« ein lästiger, bedauernswerter Narzisst.
Gelangt der epistemische Narzisst aber an Macht – ob über einen Staat (ob durch Funktion oder indirekt durch Wahlstimme) oder »nur« über einen Haushalt –, dann ist er eine Gefahr für alle Unglücklichen in seinem Einflussbereich.
»Ich habe von diesem Solipsismus gehört. Faszinierend«, so sagt die Frau auf der Party, »leider kann ich niemanden davon überzeugen, wie vielen Leuten ich davon auch erzähle.«
Dies die beste Welt?
Ich will den Solipsisten, Narzissten und alltäglichen Psychopathen um uns herum zurufen: Ihr seid überzeugt, dass die Welt aus euren Gedanken entsteht, dass eure Gefühle bestimmen, was die Realität ist – und dies ist die beste Welt, die ihr euch denken könnt? Was für armselige Gedanken ihr doch pflegt! Was für sadistische, masochistische Ideen euer ungepflegter Geist gebiert.
Wenn ich Solipsist wäre, ich würde mir eine so viel angenehmere Welt ausdenken.
Ja, vielleicht sollte ich Solipsist sein. Es wäre angenehmer für alle.
Ich muss nur genug Menschen davon überzeugen, dass sie bloß in meiner Einbildung existieren.
Dann werden die Menschen auch bestimmt alle gleich klüger sein. Höflicher und hübscher sowieso.
Weiterschreiben, Wegner!
Das Schreiben dieser Essays ist nur mir Ihrer Unterstützung möglich. Werden und bleiben Sie Teil meiner Arbeit!
Bitte wählen Sie Ihren freiwilligen Leserbeitrag:
E-Mail-Abo
Lassen Sie sich automatisch benachrichtigen, sobald ich hier etwas Neues veröffentliche! (Gratis, jederzeit abbestellbar.)
Der Essay Epistemischer Solipsismus von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/empirischer-solipsismus/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
