Abschiebeflug gestartet – kurz vor Wahlen geht es doch!
30.08.2024 · Lesezeit 5 Minuten · Bild-Titel: »Geht doch!«
Die Top-Meldung eines jeden dieser Tage ist, im besten Deutschland aller Zeiten, eine weitere Episode in der großen Showserie »Menschen, Messer, Migrationen«. Heute ist keine Ausnahme – leider.
(Und nein, nicht alle migrantischen Männlichen messern. Mindestens ein affektierter Ausländer fällt vor allem mit albernen Alliterationen auf.)
Vor einer Woche hat ein Nichtabgeschobener drei Deutsche … wie formuliert man es wieder? … ins Reich des Nichtlebens abgeschoben? Ach, wie der Wirtschaftswürger wohl wohlfeil worten würde, (nicht nur) dabei wie ein Miet-Eulogist auf Stundenbasis wabernd: »Die sind nicht tot, die atmen bloß nicht mehr.«
Wir lasen diese Woche: Die »Opfer des Messer-Anschlags in Solingen setzten sich für Integration ein« (focus.de, 28.8.2024). Etiam bonis mortuis nihil nisi bene.
Das folgende Wochenende nun finden symbolstarke Wahlen in zwei Bundesländern statt. Solingen-Thüringen ist aber ein absehbarer und unangenehmer Doppelschlag für die Etablierten. Kurz vor Wahlen werden faule Politiker fleißig.
Merz machte der SPD hektisch ein unmoralisches Angebot – und, typisch Merz, kassierte es kurz darauf wieder ein.
Gestern einigte sich die Regierung auf ein »Asylpaket« (focus.de, 29.8.2024), das teils lächerlich bis niedlich ist – teils problematisch. Man will unter anderem das Waffenrecht verschärfen und Springmesser verbieten. Der Attentäter von Solingen bediente sich wohlgemerkt eines Messers aus der Küche der Asylunterkunft. Aktionismus halt.
»Auf solch einen Anschlag muss man reagieren«, sagt die Innenministerin (tagesschau.de, 29.8.2024). Was für eine unverschämte Aussage, Frau Faeser! So einen Anschlag galt es zu verhindern, statt zusammen mit Ihrem Kollegen Haldenwang die zu bekämpfen, die vorbeugen statt reagieren wollen.
Am Morgen dieses Freitags nun, eine Woche nach der Extra-Vielfalt auf dem »Festival der Vielfalt« und zweimal Schlafen vor jenen zwei Landtagswahlen im Osten, welcher sich nun nachträglich das erste »D« in »DDR« zu verdienen ansetzt, in den frühen Morgenstunden, wenn sonst Polizisten ausrücken, um bei kritischen Bürgern das Haus zu durchsuchen, startet plötzlich der erste Abschiebeflug nach Afghanistan, seit dort die mit US-Waffen ausgerüsteten Taliban herrschen.
Der Charterflieger der »Qatar Airways« hob in Leipzig mit 28 afghanischen Straftätern ab, so erfahren wir (focus.de, 30.8.2024). Aha. Interessant, dass es kurz vor Wahlen plötzlich doch möglich ist!
Die meistgesprochene Sprache in Afghanistan ist übrigens Dari-Persisch, und ein möglicher Abschiedsgruß auf Dari-Persisch heißt »Be zudi mi binamet« (به زودی می بینمت), und das bedeutet auf Deutsch: »Bis bald!«
Korrigiert mich bitte, doch die Tatsache dieses Abschiebeflugs legt eine spannende Wahrheit nahe: Wenn 28 afghanische Straftäter abgeschoben werden, sinkt damit das Risiko, dass konkret diese Fachkräfte in Deutschland jemanden töten.
Diese 28 werden aber nur aus Nervosität vor den Wahlen in Sachsen und Thüringen abgeschoben, aus Panik vor dem absehbaren Erfolg der AfD. Und wenn durch die Abschiebung das Risiko für Deutsche sinkt, und wenn die Abschiebung aus offensichtlicher Angst vor den Wahlen durchgezogen wird, kann man logischerweise sagen: AfD rettet Leben, heute schon!
Nun, das war der Nachrichtenteil meines heutigen Essays. Lasst mich einen Aspekt kommentieren, der mich heute wieder besonders quält.
Ich bin es leid, jeden Tag über dieselbe Handvoll an Themen reden zu müssen, von denen keines produktiv ist. Keines, wirklich nicht ein einziges dieser wiederkehrenden Themen macht uns glücklicher, macht uns klüger oder sichert unsere Zukunft – ganz im Gegenteil!
Wann habt ihr eigentlich zuletzt in den Nachrichten davon gehört, dass jemand etwas Tolles erfunden hat?
Ich kann mich daran erinnern, dass ein Freund, den wir in den frühen 90ern in den USA besuchten, uns sagte: »Dieses Internet, schaut euch das unbedingt an. Das wird groß!«
Wann habt ihr von einem wirklich interessanten neuen Künstler gehört? Oder sogar von einer interessanten Kunstrichtung?
Könnt ihr euch vorstellen, dass es Zeiten gab, in denen Musik und Musiker für Empörung sorgten?
In den 20ern – also: 1820ern – die Verärgerung über Beethovens späte Quartette – zu komplex, zu chaotisch. In den 1920ern die Zwölftonmusik, davor Ragtime und Jazz. Die Frisuren der Beatles, der Hüftschwung des Elvis. 1970er der Punkrock. 1980er der Hip-Hop mit Bands wie N.W.A. (ja, das lassen wir schön abgekürzt).
Es gab mal Zeiten, da wurde im Fernsehen tatsächlich Literatur diskutiert – und zwar ernsthaft und qualifiziert. In Deutschland mit Marcel Reich-Ranicki – ach, wie ich ihn vermisse. Literarische Qualität von Texten als Selbstzweck, nicht zuerst Narrativ und Nützlichkeit für Propaganda. Könnt ihr euch das heute überhaupt vorstellen? Tempi passati, vergangene Zeiten.
Heute haben wir diese »Kunstschaffenden«, die »ein Hurra auf die Macht!« rufen, auf dass ihnen ein paar Brosamen der Förderung aus dem Steuersäckel ins Mietmäulchen fallen.
Götter, seht ihr uns? Lacht ihr oder weint ihr? Ach nein, die Götter lachen nicht und die Götter weinen nicht. Die Götter würden mit den Augen rollen, wenn sie denn Augen hätten.
Es ist, wie es ist, so sage ich mir. Und ich versuche, darin ein bisschen stoische Ausgeglichenheit zu finden.
Doch wahr ist auch: Es ist, wie es ist, denn du lässt zu, dass es ist, wie es ist.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Abschiebeflug gestartet – kurz vor Wahlen geht es doch! von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/geht-doch/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!