Wie ist es ethisch zu bewerten, dass Donald Trump dieser Tage die Einverleibung Grönlands in die USA ankündigt?
Nun, wie auch in der Juristerei gilt in der Ethik: Es kommt darauf an!
Ob wir eine Handlung gut oder böse nennen, hängt davon ab, welche Strukturen dabei verändert werden, ob diese Veränderung eine Stärkung oder eine Schwächung darstellt – und welche der veränderten Strukturen wir als »relevant« empfinden.
Welche Strukturen würden also wirklich durch eine amerikanische Annexion Grönlands berührt – und wie relevant sind diese wirklich?
Für die Sicherheit
Seit nun einem Jahr spricht US-Präsident Trump öffentlich davon, Grönland zu einem Teil der USA zu machen. Zuletzt wurde Trump maximal deutlich. Er wolle die Grönländer und Dänemark finanziell motivieren – oder militärisch. (Siehe foxnews.com, 16.1.2026 und viele andere Quellen.)
Trumps Motivation erscheint auf den ersten Blick recht transparent: Zu Grönlands Bodenschätzen zählen die in KI-Zeiten so wichtigen Mineralien (»seltene Erden«). Und Grönland liegt geografisch ohnehin näher an den USA als an Europa. Damit wäre Grönland für die Sicherheit der USA relevanter als für die Dänemarks oder Europas.
Ist die Angelegenheit aber wirklich so »einfach«?
Jein.
Ohne Widerstand ausbaubar
Gegen die These von der militärischen Motivation spricht, dass die USA bereits über volle Militärkontrolle und Militärbasen auf Grönland verfügen. Mit der Pituffik Space Base (siehe Wikipedia) verfügen die USA sogar über eine Weltraumstation, sprich: eine Basis zur Überwachung von Raketenstarts und Weltraumaktivitäten. Warum also sollten sie viel Geld investieren, wenn sie Grönland ohnehin kontrollieren?
Gegen die These von Mineralien als Motivation spricht, dass auf Grönland derzeit schlicht die Infrastruktur fehlt, diese Schätze auch zu heben. Die Einrichtung würde mindestens 10 Jahre dauern. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.
Doch selbst wenn die USA erhöhtes Interesse an den Mineralien in Grönlands Boden hätten, sind doch gerade die USA dafür bekannt, Rohstoffe in »befreundeten« Ländern weltweit zu fördern, ohne die Länder selbst zu besitzen. Starke Militärbasen, wie auf Grönland ja vorhanden und ohne Widerstand ausbaubar, genügen.
(Trump selbst wirkt widersprüchlich in der Frage, ob ihn die Bodenschätze zur Grönland-Annexion motivieren. Es wirkt, als würde er da bewusst eine rhetorische Nebelwand produzieren.)
Relativ effektiv abgebremst
Da die »üblichen« Motivationen nicht vollständig überzeugen, kursieren verschiedene »alternative« Deutungen.
Trump selbst befeuert die Spekulation, seine Motivation sei verletzter Stolz, weil ihm nicht der Friedens-Nobelpreis verliehen wurde, also lasse er seine Wut auf Norwegen an Dänemark aus (foxnews.com, 19.1.2026).
Andere, zum Beispiel @UlrichVosgerau, 19.1.2026, vermuten, dass Dänemark in der Deutung der USA in 20 bis 30 Jahren mehrheitlich muslimisch sein wird und man kein bewaffnetes islamisches oder sogar islamistisches Land an der Hausschwelle haben will. Gegen diese These spricht, dass gerade Dänemark nicht nur den Migrationswahnsinn relativ effektiv abgebremst hat und der Anteil von Muslimen gerade in Dänemark zu gering ist, um absehbar mehrheitlich muslimisch zu werden.
Besonders schillernd aber sind die Reaktionen aus Russland. Je näher die Kommentatoren philosophisch am Kreml sind, desto positiver sehen sie die Pläne zur Grönland-Annexion (siehe etwa Reuters via Yahoo News, 19.1.2026).
Es wäre kindisch, im reflexhaften Stil linker Nichtdenker zu polemisieren, dass Russland sich »natürlich« freuen wird, Trump von Putin gekauft sei und Grönland sofort weiter an Russland verscherbeln würde. Solche simplen Russland-Verschwörungen gehen davon aus, dass der US-Präsident vollständig allein entscheiden kann – oder der gesamte US-Apparat von Putin bestochen sei.
Doch Trumps Motivation (präziser: die kollektive Motivation seines inneren Kreises) und die fröhliche Stimmung des Kremls könnte tatsächlich ihre Ursache in derselben Tatsache haben. Damit aber wären wir bei meiner diesbezüglichen »Theorie«.
Zur blanken Bosheit
Die USA haben seit über einem Jahrhundert ein begieriges Auge auf Grönland geworfen. Warum also will (und wird) Trump nun Grönland heute annektieren? Die Antwort ist dieselbe wie auf die Frage, warum der Hund sich die Eier leckt: Weil er es kann.
Europa als EU-Besatzungszone ist mindestens moralisch und militärisch schwach. Letzte Woche entsandte die Bundeswehr stolze 15 Soldaten nach Grönland, auf »Erkundungsmission«. Wollte man Stärke demonstrieren gegenüber den USA? Mit 15 Soldaten? Es wirkt kindisch, traurig, symptomatisch. Und als sei die Selbstdemütigung nicht elend genug, reiste man nach zwei Tagen hektisch wieder ab. Vielleicht weil Trump mit Strafzöllen gegenüber der EU gedroht hatte (tagesspiegel.de, 19.1.2026).
Seit Jahren erleben wir in der deutschen und europäischen Politik das schräge Phänomen, dass jede politische Handlung der Schwächung Deutschlands und Europas dient. 2021 fragte ich rhetorisch, ob die Politik »wirklich so ›naiv‹« sei. Jede größere politische Anstrengung von Deindustrialisierung bis zur Masseneinwanderung hat den Effekt, Deutschland und Europa zu schwächen. (Und dafür ist es unerheblich, ob die Verantwortlichen das wirklich so »wollen«. »Sind die dumm oder böse? Macht es überhaupt einen Unterschied?«, so fragte ich 2018. Nein, es macht keinen Unterschied. Wenn die Ergebnisse von Dummheit aber offenbar werden und man dennoch weitermacht, wird die fortgesetzte Dummheit ohnehin zur blanken Bosheit.)
In Europa schwebt das öffentliche Denken in Sphären, die für den Rest der Welt – und für den Rest der Menschheitsgeschichte – in pathologischem Grad realitätsfremd wirken.
Wie Sektierer, die das anstehende Weltende erwarten und also ihre Existenz aufgeben, deindustrialisiert Deutschlands Politik das eigene Land. Die Länder Europas zerstören ihre eigenen Gesellschaften und dämonisieren die eigene Identität.
Es war ein Kuriosum, als es kürzlich plötzlich »Grönland den Grönländern« hieß. Für die gleiche Forderung, nur mit Deutschland oder Engländern, stünde dir in Deutschland oder Großbritannien noch am selben Tag die Polizei ins Haus.
Nicht nur heimlich
Trump kann Grönland als den 51. Staat der USA annektieren, weil Europa schwach ist. (Neben allen praktischen Vorteilen würde es Trumps Stärke demonstrieren – ein Plus für die anstehenden Midterm-Wahlen oder Trumps potenzielle vierte Wiederwahl für seine dritte Amtszeit. I said what I said.)
Die primäre Frage scheint mir nicht zu sein, ob die Staaten Europas sich militärisch gegen die USA behaupten könnten, selbst wenn sie sich nicht militärisch und finanziell in der Ukraine verausgabt hätten.
Die Frage ist, ob sich irgendwer moralisch an Europas Seite stellen würde.
Die Antwort darauf scheint recht klar: Nein. Im Gegenteil. Europa ist heute der nervige, dümmliche Moralapostel, über dessen Abreibung der gesamte Schulhof lacht – nicht nur heimlich.
Putin und der Kreml würden sich über die Annexion Grönlands freuen, weil es die Schwäche Europas dokumentieren würde. Europas Propagandisten würden gezwungen sein, sich argumentativ in Brezelform zu biegen, um Trumps Handlungen irgendwie noch zu rechtfertigen. Der Kreml aber hätte moralisch freie Hand nicht nur für die Krim – auch für Krim 2.0 und Krim 3.0, wo auch immer die liegen werden.
Also wäre es zu begrüßen
Mir fällt spontan nur eine betroffene Struktur ein, deren Veränderung Europäer dazu bringen könnte, die Annexion Grönlands für wünschenswert und moralisch gut zu halten.
Ich erwähnte diese Idee in den Essays »Jetzt noch schneller« (2025) und »Frankreich, jetzt noch schneller« (2024). Die Idee heißt auf Neudeutsch Akzelerationismus (siehe Wikipedia).
Unter den Superreichen (und unter den Marxisten, was einander absurderweise nicht ausschließt) geistert seit Jahrzehnten und Jahrhunderten die Idee herum, dass der totale Kollaps der (westlichen) Zivilisation unausweichlich sei – und es sich also empfiehlt, diesen Kollaps zu beschleunigen (»to accelerate«), um früher und kontrolliert neu beginnen zu können.
Der plausibelste Kontext, innerhalb dessen wir als Europäer die Annexion Grönlands begrüßen können, scheint mir zu sein, dass damit die Schwäche Europas vor der Welt dokumentiert würde, womit der politische Kollaps des latent diktatorischen, selbstzerstörerischen Systems »EU« vorangetrieben würde, woraufhin ein Neuanfang erfolgen könnte.
Als beim letzten Mal
»Lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende«, so mag sich mancher denken, wenn er an die EU denkt.
Vertut euch aber nicht: Als Europa nach dem Zweiten Weltkrieg neu aufgebaut wurde, waren es nicht »nur« Europäer, die den neuen Kontinent politisch und wirtschaftlich bestimmten. Es gab »auch« Einfluss aus Übersee (um es euphemistisch zu sagen).
Wenn Trump nun Europas selbstverschuldete Schwäche vorführt und Europas Kollaps beschleunigt, wird es gewiss einen Neubeginn geben. Europas Äcker, mildes Klima und die Reste an Bildungstradition sind zu wertvoll, um den Kontinent brachliegen und zur Dritten Welt verkommen zu lassen.
Doch Europas Bürger werden beim nächsten Neubeginn noch weniger Einfluss haben als beim letzten Mal. Und schon im Verlauf des Kollaps werden wir feststellen, dass unsere ins Suizidale reichende Empathie grausam einseitig war – von uns an die Welt, ohne Gegenliebe.
Ob Europa es gut findet
Eine Stimme in den Hinterzimmern meines Denkens raunt mir zu, dass all dies, was ich hier beschreibe, tatsächlich längst passiert ist bzw. durchgeführt wird.
Die Annexion Grönlands würde demnach nicht der Auslöser der Beschleunigung sein, sondern ein nachlaufendes Symptom. Wenn das aber wahr ist, ist das hier Beschriebene womöglich auch dann wahr, ob Trump wieder einmal seine Meinung ändert und sich Grönland doch nicht einverleibt.
Es interessiert den Rest der Welt wenig, ob Deutschland sich Plastikstrohhalme verbietet oder seine Energieversorgung abschaltet. Es interessiert die Welt wenig, wie Europa es findet, dass ihm mal eben Grönland weggenommen wird. Europas Befindlichkeit interessiert den Rest der Welt täglich weniger.
Du und ich aber, als Individuen in Europa, wir sollten uns dringend darüber klar werden, was es eigentlich ist, das uns interessiert. (Zählt das eigene Überleben eigentlich noch zu unseren »relevanten Strukturen«?)
Weiterschreiben, Wegner!
Das Schreiben dieser Essays ist nur mir Ihrer Unterstützung möglich. Werden und bleiben Sie Teil meiner Arbeit!
Bitte wählen Sie Ihren freiwilligen Leserbeitrag:
E-Mail-Abo
Lassen Sie sich automatisch benachrichtigen, sobald ich hier etwas Neues veröffentliche! (Gratis, jederzeit abbestellbar.)
Der Essay Werden wir Grönland vermissen? von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/groenland/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
