Der Thüringer Verfassungsschutz, konkret: deren Chef Stephan B. Kramer, lässt die Nation wissen, er sähe auch beim eben neu gegründeten AfD-nahen Jugendverband »Hinweise auf Rechtsextremismus« (rnd.de, 1.12.2025).(Der neue Jugendverband heißt »Generation Deutschland«; eine beeindruckende Namenswahl.)
Die Generation Deutschland wurde offiziell letzten Samstag in Gießen gegründet. (Siehe dazu auch den Essay »Wut und Wahnsinn in Gießen«.)
Im Kontext dieser Veranstaltung kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen durch politische Extremisten. Kein Wunder also, dass ein Landesverfassungsschutz den neuen Verein, ebenso wie seinen Vorgänger Junge Alternative, als extremistisch einstufen will, oder?
»Nein, das ist doch Unsinn!«, höre ich euren Widerspruch. Und natürlich wäre diese Verknüpfung unsinnig. Gewalt und Straßenterror in Gießen, mit – unter anderem – über fünfzig verletzten Polizisten als Opfer, gingen auch diesmal wieder von Linksextremen aus (bild.de, 1.12.2025).
Die so absurde wie verfahrene Lage im deutschen Diskurs ist: Linke verteufeln Rechte und begründen es damit, dass die Rechten angeblich böse Dinge vorhaben. Diese bösen Dinge ähneln allerdings dam, was Linke bereits praktizieren – seit Jahren schon.
Straßenterror, Propaganda, staatliche vorgegebene Wahrheit, Verfolgung Andersdenkender, Macht außerhalb demokratischer Institutionen, Aufhebung des Rechtsstaats – all das wird bereits heute praktiziert. Es wird gerade von dem politischen Lager praktiziert, das genau diese Maßnahmen den »Rechten« als Absicht zuschreibt. (Siehe dazu auch den Essay »Wirf dem anderen vor …«.)
Allzu gewagte Stilmittel
Ist es erlaubt, eine bekannte Metapher und eine (dieser Tage wieder häufiger diagnostizierte) kognitive Schräglage zu kombinieren? Ach, ich will es wagen! (Ob es wohl schon mal zu Straf-Hausdurchsuchungen ob allzu gewagter Stilmittel kam?)
Zuerst: 2018, im Essay »Faktische Realität vs. angenommene Realität – am Beispiel des Kopftuchs«, verwendete ich zum ersten Mal die Zwei-Städte-Metapher von Charles Dickens zur Beschreibung der kognitiven Großwetterlage in Deutschland.
Und dann: Der Begriff kognitiv leitet seinen Namen vom Lateinischen cognoscere her. Cognoscere bedeutet erkennen. Was kognitiv ist, hat mit unserer Erkenntnis zu tun.
Mit unserem Denkvermögen.
Mit unseren geistigen Leistungen – und unseren Fehlleistungen.
Die kognitive Dissonanz ist bekanntlich jener geistige Zustand, in welchem ein Mensch versucht, einander widersprechende Überzeugungen, Werte und/oder Handlungen gleichzeitig zu praktizieren.
An diesem Punkt aber vereinen wir kognitive Erkenntnis und Metapher: Die öffentliche Debatte in Deutschland ist eine Geschichte zweier Städte, oder vielleicht eher: zweier Realitäten.
Wir sollten es als GKD abkürzen, die Große Kognitive Dissonanz. Die GKD ist die primäre und bestimmende Eigenschaft der öffentlichen Debatte in Deutschland.
Eine kognitive Dissonanz ist nicht bloß ein Irrtum. Einen Irrtum können und werden wir korrigieren, sobald wir ihn erkennen. Eine kognitive Dissonanz können, wollen oder dürfen wir nicht korrigieren.
Deshalb geht die kognitive Dissonanz regelmäßig mit einem unterdrückten, aber vorhandenen Bewusstsein des Widerspruchs einher, und dieses Bewusstsein ist schmerzhaft (siehe Wikipedia).
Dann LKWs in Weihnachtsmärkte
Wenn ihr diesen Essay lest, leidet ihr vermutlich nicht an Großer Kognitiver Dissonanz – aber daran, dass Deutschland die GKD in politischen Entscheidungen praktisch umzusetzen versucht.
Vergleicht einmal deutsche TV-Talkshows mit TV-Talkshows vor zwanzig oder dreißig Jahren. Selbst wenn Linke in der Mehrheit sind (der übliche deutsche 4-gegen-1-Schauprozess), ja, sogar wenn sie allein unter sich sind und die Opposition nur als Thema anwesend sein darf (damit sie sich nicht verteidigen kann?), ist die Stimmung zumeist aggressiv und gereizt, wütend und unglücklich.
Die Linken leiden ja selbst unter den kognitiven Widersprüchen. Ähnlich wie gewisse Religiöse, die ihre innere Zerrissenheit auf ihre Gastgeber projizieren (und dann LKWs in Weihnachtsmärkte steuern), leiden Linke unter ihrer Zerrissenheit.
(Für uns aber, die wir Irrtümer korrigieren und das Opfer vom Täter unterscheiden, besteht die Gefahr, dass wir uns anstecken lassen könnten vom notwendigen Unglücklichsein der Dissonanten. Schlechte Stimmung kann ansteckend sein.)
Wehe!
Der Prophet Jesaja mahnt:
Wehe denen, die das Böse gut und das Gute böse nennen, die Finsternis als Licht hinstellen und das Licht als Finsternis, die Bitteres für süß und Süßes für bitter ausgeben!
– Jesaja 5:20
Entweder die öffentliche Debatte in Deutschland wird bald wieder einigermaßen zu Realität und Logik zurückkehren – oder es gilt, frei nach Jesaja: Wehe den Deutschen!
Die Deutschen versuchen, in zwei Städten, zwei Realitäten gleichzeitig zu leben – doch nur eine dieser beiden Städte ist real.
Es ist genug, dass auch wir Nicht-Linken die Folgen linker Lebenslügen mit erleiden müssen. Und es wäre tragisch, wenn wir vor lauter Empathie die Zerrissenheit der Lebenslügner kopieren würden.
Es ist nicht besonders edel, es ist nicht wirklich nobel, stolz darauf zu sein, zumindest nicht zu sein wie die.
Und doch: Etwas Wahrheit zu wagen in Zeiten universeller Lüge soll für den Seelenfrieden bisweilen bekömmlich sein.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Linker Straßenterror, öffentliche Dissonanz von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/grosse-kognitive-dissonanz/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
