Du bist jemand anders. Oder du warst jemand anders, und du genießt jetzt hoffentlich den verdienten Lohn für ein produktives Leben als jemand anders.
Nein, ich meine jetzt nicht den Horváth-Satz »Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu« (siehe »Etwas dagegen zu tun ist schlimmer«. Das mag zusätzlich der Fall sein, doch ich meine hier ein anderes Anders.
Ich meine: Du bist vermutlich der, von dem die anderen reden, wenn sie davon ausgehen, jemand anders würde dieses oder jenes leisten.
Jemand anders wird das Geld verdienen, das Linke um sich und in ferne Länder werfen.
Jemand anders wird die Straße kehren.
Jemand anders wird Kinder gebären und aufziehen.
Jemand anders wird Nahrung herstellen, Arbeitsplätze schaffen, für Sicherheit und Ordnung sorgen.
Wenn du diesen Text liest, wenn du dir Gedanken machst, stehen die Chancen gut, dass du einer von denen bist, auf die es sich tatsächlich bezieht, wenn es heißt: jemand anders.
Vorhersagen sind schwierig, so sagt man, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Doch schwierig heißt nicht unmöglich.
Wenn du zwei Finger in die Luft hältst, kann ich dir recht sicher vorhersagen, wie viele Finger du in die Luft halten wirst, wenn du zwei weitere Finger hochhältst.
Ich kann dir vorhersagen, was passiert, wenn du Menschen aus Krisenregionen ins Land bringst und sie ermutigst, genau die Philosophie auszuleben, die in ihrem Geburtsland überhaupt erst zur Krise führte.
Kannst du vorhersagen, wie es um die Zukunft eines Landes bestellt ist, wenn nicht mehr genug Jemandandere eben jemand anders sein wollen?
Was, wenn zwar noch genug Jemandandere ihren Dienst leisten, aber als Eltern ihren Kindern davon abraten, im Land zu bleiben und selbst jemand anders zu werden?
Jugendliche, die Influencer statt Elektriker werden wollen, NGO-Aktivist statt Krankenschwester. Wer soll sich dann um die Verkabelung von Haus und Mensch kümmern? Jemand anders.
Wie ist es um die konkrete Zukunft eines Landes bestellt, wenn zu wenige Menschen bereit sind, jemand anders zu sein? Diese Vorhersage kannst auch du gewiss anstellen.
Ich sage gewiss nicht, dass es geringzuschätzen oder gar böse wäre, jemand anders zu sein. Im Gegenteil! »Irgendwem musst du dienen«, so singt schon Bob Dylan. Es ist nicht nur eine praktische, sondern auch eine seelische Notwendigkeit. Der Mensch findet Glück in der Selbstaufgabe für eine höhere Struktur – wenn und nur dann, wenn diese es wert ist, sich ihr hinzugeben.
Du bist vielleicht jemand anders in der Familie. Mal ehrlich: Ist die Familie es wert? Leider werden hier nicht alle Jemandandere sofort laut rufen: »Ja, natürlich ist meine Familie wert, dass ich ihr Jemandanders bin!«
Du bist jemand anders im Staat. Ist der Staat es noch wert?
Du bist jemand anders in der Firma … ach, du kennst die Frage.
Ja, sei jemand anders, sei es mit Herz und Überzeugung. Doch prüfe regelmäßig, welchen relevanten Strukturen du als jemand anders dienst.
Denn es gilt auch weiterhin: Jeder Tag kommt nur einmal, jedes Leben ebenso.
Zum Schluss des irdischen Teils deines Lebens wird man nicht fragen, ob du ein Held warst, ob du berühmt warst oder Reichtümer angehäuft hast.
Eine der letzten Fragen hier wird lauten: In welcher Angelegenheit warst du der zuverlässige andere Jemand?
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Das macht jemand anders von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/jemandanders/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
