Aus Fehlern wird man klug, das ist wahr, doch vorzuziehen ist stets, so meine ich, aus den Fehlern anderer zu lernen. Lasst uns heute aus dem Fehler eines Herrn H. klüger werden. Der Fehler des Herrn H. ist paradigmatisch. Und dass Herr H. sich in unserer Position auf dem kulturellen Zeitstrahl zu irren scheint, macht den Fehler lehrreich. – Lasst mich erklären!
Wenn nicht sogar
Wenn ich »Herr H.« sage, meine ich hier eine Online-Persona, die auf X.com als @JohannesHano auftritt. Dieser Account schrieb jüngst dies:
Mal schauen wie lange es dauert bis die MAGA Mitläufer und ihre Freunde hier beteuern werden sie hätten von nichts gewusst.
Es könnte sein, dass dieser Account tatsächlich vom Journalisten Johannes Hano betrieben wird (siehe Wikipedia). Dieser arbeitet wohl als ZDF-Korrespondent. Sein aktuellster Film für das ZDF heißt offenbar »Putins Helfer«, in dessen Intro es heißt: »Pflegen US-Präsident Donald Trump und seine engen Berater tatsächlich geheimnisvolle Kontakte zum autokratischen Russland? Verfolgen beide Regierungen gemeinsam dunkle Ziele?« – Ja, wir schmunzeln. Das Lebenswerk dieser Person ist 100% korrekt. Wenn nicht sogar 150%.
Aber gut – es könnte sein, dass der Account @JohannesHano von jenem Journalisten persönlich betrieben wird. Er ist nicht prominent genug, um so aufwändig imitiert zu werden. Es ist wahrscheinlich, nicht garantiert, wie so manches dieser Tage. Für unsere Untersuchung des obigen X-Posts ist es schillernder Kontext, aber nicht zwingend erheblich. (Wir werden aber sehen, wie sich jener Filmtitel desselben abgedroschenen rhetorischen Kniffs bedient wie der Post auf X.)
Beschuldigt, verurteilt und bestraft
Als weitere Prämisse und zur schnellen Wiederholung: Im deutschen Propagandastaat herrscht eine als politische Waffe eingesetzte Holocaust-Vergleich-Asymmetrie. Etablierte Kader setzen ihre politischen Gegner unentwegt mit den Tätern des Dritten Reichs gleich. Wer die Regierung oder die irre Ideologie des Tages kritisiert, gilt als »Nazi«, »Faschist« et cetera (und aus Hollywood-Filmen lernte die Welt, dass wer »Nazi« ist, seine Menschenrechte verwirkt hat). Man gilt zum Beispiel als »Nazi«, wenn man sich gegen Zwangsimpfung oder für Grundrechte einsetzt – nein, es hat schon lange nichts mehr mit einer sachlichen Bedeutung des Begriffs »Nationalsozialismus« zu tun.
Die Asymmetrie besteht nun darin, dass derjenige, der Parallelen im Handeln und Denken etablierter Mächtiger zum Handeln und Denken der NS-Zeit aufzeigt, schnell wegen angeblicher Holocaust-Relativierung o. Ä. beschuldigt, verurteilt und bestraft wird.
Etablierte Macht in Deutschland setzt heute täglich ihre politischen Gegner und Abweichler mit NS-Tätern gleich, ohne dies weiter zu erklären. Ja, der Staatsfunk darf mit gerichtlicher Bestätigung eine Oppositionspolitikerin in einer seiner Propagandasendungen sogar wörtlich als »Nazi-Schlampe« herabwürdigen (rsw.beck.de, 11.5.2017). Doch wer genau darin strukturelle Parallelen eben zur NS-Zeit sieht, könnte von denselben Gerichten etwa wegen »Holocaust-Relativierung« verurteilt werden.
Ins allgemeine Bewusstsein
Es hat sich allerdings ein rhetorisches Werkzeug etabliert, strukturelle Parallelen aufzuzeigen – oder zumindest solche zu behaupten –, ohne es explizit zu sagen.
Im Sprechen über das Dritte Reich haben sich einige typische und leicht erkennbare Redemuster etabliert.
Als Beispiel: 1996 veröffentlichte der Historiker Daniel Jonah Goldhagen das Buch Hitler’s Willing Executioners: Ordinary Germans and the Holocaust. Der deutsche Titel: Hitlers willige Vollstrecker: Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust.
Dieser Titel (und Gedanke) aber ging als seine griffigere (und etwas weniger schmerzhafte) Variante »Hitlers willige Helfer« ins allgemeine Bewusstsein ein.
Der Filmtitel »Putins Helfer« setzt also – für deutsche Propaganda wenig überraschend – Putin und Hitler in eine »reimende Parallele«. Gleichzeitig führt er die NS-Zuarbeiter und Trump parallel.
Ich kritisiere an dieser Stelle nicht diesen rhetorischen Trick. Ich selbst habe ihn mehr als einmal angewandt. Im Essay »Seid nicht wie der doofe Hund!« fragte ich 2019 etwa, ob Journalisten »wenig mehr als willige Helfer« sind. In »Angriff der grünen Dämpfe« sprach ich 2023 über die willigen Helfer der Grünen. Und im Essay »Wieviel Teufel steckt in der Politik?« stieg ich eine sprachliche Ebene hinauf (ins Meta) und zugleich inhaltlich eine Ebene hinab (in die Hölle) und diskutierte Dämonen als »des Teufels willige Helfer«.
Ich sage nicht, dass dieser rhetorische Kniff per se zu verurteilen ist. Ich sage, dass er aufgedeckt werden muss. (Und dass es traurig wäre, wenn es das einzige rhetorische Werkzeug im publizistischen Arsenal sein sollte.)
In dieser Breite und Tiefe
Betrachten wir also ein weiteres Mal jenen X-Post:
Mal schauen wie lange es dauert bis die MAGA Mitläufer und ihre Freunde hier beteuern werden sie hätten von nichts gewusst.
Einer der Gründe, warum dieser Post als in dieser Breite und Tiefe untersuchenswert erscheint, ist die Kombination gleich zweier Anspielungen auf NS-relevante Formulierungen.
Der Begriff »Mitläufer« ist, ähnlich wie »Helfer« und »willige Helfer«, eine Anspielung auf das Reden über die NS-Zeit und Diktaturen generell.
In ganz offensichtlicher Unkenntnis – oder als aktive propagandistische Lüge – diffamiert der Autor die Unterstützer Donald Trumps als »Mitläufer«. Doch damit spricht er ihnen nicht nur eigene Erkenntnis und individuelle Moral ab. Er setzt die ideellen und praktischen Unterstützer in Parallele zu den »Mitläufern« der NS-Zeit. Aber auch zu den »Hundertfünfzigprozentigen« der DDR (was natürlich eine ungewollte Ironie hätte).
Die zweite Parallele in diesem Post aber grenzt an eine Gleichsetzung von Juden-Massenvernichtung und der Durchsetzung geltenden US-Einwanderungsrechts.
Plötzlich abgeholt
Wenn Herr H. »von nichts gewusst« formuliert, dann spielt er auf genau einen Topos an: Deutsche, deren jüdische Nachbarn plötzlich »abgeholt« wurden, behaupteten später beharrlich, »von nichts gewusst« zu haben. Das »nichts« bezieht sich in »traditioneller« Verwendung auf den Holocaust, in der Verwendung durch Herrn H. auf die Durchsetzung geltenden US-Immigrationsrechts. Herr H. lässt beides sich »reimen«.
Barack Obama hat in seiner Amtszeit ca. 2,7 Millionen illegale Einwanderer außer Landes bringen lassen (migrationpolicy.org, 25.01.2017).
Wenn man die »freiwilligen« Rückkehrer einbezieht, wurden unter Clinton sogar 12,3 Millionen Menschen aus den USA »entfernt« (migrationpolicy.org, 25.06.2024).
Aktuell bringt die Trump-Regierung durchschnittlich etwa 810 illegale Einwanderer pro Tag außer Landes (factchequeado.com, 20.8.2025), was zumindest unter den Spitzenwerten der Obama-Zeit liegt. In den ersten 7 Monaten von Trumps zweiter Amtszeit wurden von ICE »nur« ca. 200.000 illegale Einwanderer ausgewiesen.
Der wahre Unterschied liegt offenbar darin, dass es Trump ist, der ausweisen lässt. Und wenn es Trump ist, der das Gesetz durchsetzen lässt (auch gegen wie irrsinnig handelnde weiße Frauen), dann, so die Anspielung des Herrn H., besteht eine diffuse Parallele zum Holocaust.
Wie ihr heute seid
Der Irrtum des Herrn H. aber ist ein doppelter. (Zur Erinnerung: Ich weiß nicht, was der Mensch hinter dem Account @JohannesHano »wirklich« denkt. Ich weiß nicht, ob wirklich jener Journalist dahinter steckt, wenn es auch plausibel scheint. Ich schreibe über die Persona, die vor allem durch diesen Post »entsteht«. Es ist paradigmatisch genug für die kaputte öffentliche Debatte in Deutschland – und für deren Blindheit gegenüber ihrem realen Status quo.)
Der erste Irrtum liegt darin, die Maßnahmen des Donald Trump durch einen rhetorischen Trick sich auf den Holocaust »reimen« zu lassen.
Sein zweiter Irrtum aber ist in der Konsequenz geradezu tragisch.
Ein sehr kluger Mann sagte einmal:
Wenn ihr euch fragt, wie das damals passieren konnte: weil sie damals so waren, wie ihr heute seid.
– Henryk Broder
Das »Problem« dieses klugen Satzes ist – so meine These –, dass er wie eine Warnung klingt und in der Gegenwart der Angesprochenen verankert ist – seine Zeit aber tatsächlich abgelaufen ist. (Zu aktuellen »Nebenwirkungen« dieses Satzes siehe reitschuster.de, 7.1.2026.)
Ja, wir sind an diesen Punkt der Geschichte geraten, weil »wir« die letzten zehn Jahre (und auf andere Weise die Jahrzehnte zuvor) gewisse Eigenschaften zeigten, welche auch »damals« zu anderen verheerenden Konsequenzen führten.
Eine grobe Untertreibung
Als der fatale Eisberg gesichtet wurde, hätte die Titanic mindestens 37 Sekunden gebraucht, um ausreichend beizudrehen (encyclopedia-titanica.org) – doch die Kollision erfolgte genau 30 Sekunden später. Tatsächlich hatte die Titanic aber schon Stunden vor Sichtung und Kollision nicht weniger als sechs Warnungen vor Eisfeldern erhalten.
Herr H. irrt erstens darin, dass es seine politischen Gegner sind, die reimartige Parallelen zum »bösen Damals« aufweisen.
Herr H. irrt zweitens (wieder: implizit) darin, dass Verhaltensänderungen nach entsprechenden Warnungen heute noch »das Schiff herumreißen« könnten.
Wir haben längst den Eisberg geküsst, unsere Flanke ist aufgerissen und die billigen Ränge laufen schon voll Eiswasser. Es sind nicht mehr diese kollektiven Eigenschaften, welche die nächsten Schritte steuern.
Es sind andere Überzeugungen und Verhaltensweisen, welche deine nächsten Momente und dann den Rest deines Lebens bestimmen werden – und des Lebens deiner Kinder. Persönliche Überzeugungen, individuelle Verhaltensweisen.
Überzeugungen und Verhaltensweisen, die deutlich älter sind als das »Damals«. Und für die »tausendjährig« eine grobe Untertreibung wäre.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Mal schauen, wie lange es dauert von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/mal-schauen-wie-lange-es-dauert/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
