Ich kenne die Zeilen wohl, und ihr auch, sei es von Haus aus oder weil ich hier nicht zum ersten Mal darüber schreibe.
Es ist der 23. Psalm. Er beginnt mit »Der HERR ist mein Hirt: mir mangelt nichts«. In Vers 4 dann diese berühmte Vergewisserung:
Müßt‘ ich auch wandern in finsterm Tal: ich fürchte kein Unglück, denn du bist bei mir: dein Hirtenstab und dein Stecken, die sind mein Trost.
Seien wir stets ehrlich: Wir wandern heute durchs finstere Tal, und licht erscheinen diese Zeiten nur den Kindern der Dunkelheit (sowie wohl den Umnachteten).
Ein Regierungsmitglied der Netanyahu-Regierung schreibt auf X:
Für jede Träne einer israelischen Mutter müssen tausend libanesische Mütter weinen. Ganz Libanon muss brennen! (…)
Wir könnten es als blutrünstiges Gefasel abtun, wenn wir nicht ahnten, dass diese Figur sehr wohl zurechnungsfähig ist. Es ist derselbe israelische Politiker, der mit Schaumwein anstieß, als das israelische Parlament sich seinerzeit ganz offiziell die Möglichkeit gab, Palästinenser auch »legal« hinzurichten. (Siehe dazu den Essay »Schaumwein, weil jetzt Galgen möglich«.)
Nein, wir können es auch deshalb nicht ignorieren, weil der Herr der agierende israelische Minister für nationale Sicherheit ist. Was er sagt, muss deshalb als Regierungslinie gedeutet werden. Und es klingt mir wie der Aufruf zum Massenmord. Was Ben-Gvirs Aussage, beim Wort genommen, anderes bedeutet als Genozidaufruf, ist nicht leicht zu sagen.
Dies ist nicht betrunkenes Lallen im privaten Kreis. Dies ist eine öffentliche Verlautbarung eines einflussreichen Regierungsmitglieds. (Aktuell, Stand Abend des 20.6.2026, wurde diese Erklärung nicht zurückgenommen. Interessanterweise hat X sie mit dem Hinweis versehen, dass der Gewaltaufruf zwar gegen X-Richtlinien verstößt, aber wegen öffentlichem Interesse online bleibt.)
Wo war der Panzer?
Man könnte versuchen wollen, die Äußerung zu verteidigen. Etwa indem man den Anlass recherchiert. Nun, der Anlass war, dass vier israelische Soldaten von einer Hisbollah-Drone getötet wurden.
Wo aber waren diese Soldaten, als sie getötet wurden?
In einem Panzer.
Und wo war der Panzer?
In Kfar Tebnit.
Wo liegt Kfar Tebnit?
Im Libanon.
Auf Deutsch: Israel besetzt den Libanon, setzt dabei laut Berichten weißen Phosphor in zivilen Gebieten ein, und so weiter.
Wenn aber die eigenen Soldaten angegriffen werden – ja, während einer »Waffenruhe«, doch diese sind in der Region ohnehin meist eher wacklig –, kündigt die Regierung wie selbstverständlich an, das besetzte Land gleich ganz niederzubrennen.
Durch das Tal
Wir leben in einer Welt, in der eine Regierung nicht nur zum Massenmord und Niederbrennen eines Landes aus Vergeltung aufruft, und die üblichen Länder mit den Schultern zucken.
Der Hirtenstab und Stecken, so schrieb ich im Essay »Mir mangelt nichts«, sind Werkzeuge des Hirten. Der Stab dient zur Verteidigung gegen Angreifer, mit dem Stecken gibt der Hirt den Schafen die Richtung vor. In Sachen der Seele aber sind »Stab und Stecken des Hirten« die einzige mir bekannte tragfähige Antwort auf den Horror. Das finstere Tal ist das Tal, durch welches der Hirte selbst schritt, auf dem Weg nach Golgatha.
Mich erschreckt nicht nur, dass es passiert. Mich erschreckt der Zustand der Menschheit, die es geschehen lässt. Die Welt, die es hinnimmt oder sogar finanziert und fördert, gleich dem finsteren Tal, durch das wir wandern. Wie, wenn nicht mit teuflischen Gewalten ist eine Welt zu erklären, die dies erlaubt?
Ich schloss den letzten Essay mit dem Epheser-Brief, und ich will es tun, denn ich will diese Wahrheit mir und euch ins aktive Bewusstsein eingraben:
Denn wir haben nicht mit Wesen von Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit den (überirdischen) Mächten, mit den (teuflischen) Gewalten, mit den Beherrschern dieser Welt der Finsternis, mit den bösen Geisterwesen in der Himmelswelt.
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Der Essay Tausend libanesische Mütter weinen von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/muetter-weinen/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
