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Es ist eine brutale Erkenntnis: In den Gehirnen von Millionen unserer Mitmenschen hat Propaganda die Verbindung von »Handlung« und »Verantwortung für Konsequenz« durchtrennt. »Schlimm«, sagen sie und wählen genau die, die es schlimm gemacht haben.

Eine Leserin aus den USA ist ratlos, und ich bin es auch. Es geht, noch immer, um die Ermordung von Charlie Kirk, aber natürlich auch und immer drastischer um die Reaktionen (und: Nicht-Reaktionen) der sogenannten normalen Menschen … der sogenannten Freunde.

Die Leserin berichtet »von Freunden, mit denen man seit mehr als 20 Jahren die Höhen und Tiefen seines Lebens teilt, die behaupten, die gleichen moralischen Werte zu haben, ein Lippenbekenntnis zu der Ermordung abgeben, dass politische Gewalttätigkeit niemals gerechtfertigt ist – ihren politischen Stimmzettel aber für die Partei ausfüllen, deren Rhetorik und Kompromisslosigkeit unsere Gesellschaft in genau diese schreckliche Situation gebracht haben.«

Oh, ja, ich kenne den Schmerz, den diese Leserin hier empfindet. Doch wie nennt man diesen Schmerz? Wir kennen Mitleid und wir kennen Fremdschämen, also die Spiegelung von Gefühlen, die wir einem anderen Menschen zuschreiben. Wie aber nennt man den Schmerz, den ich empfinde, wenn ein anderer Mensch sich im Zustand eines heftigen kognitiven Widerspruchs befindet?

Schuld an dem, was ich tat

Ein kognitiver Widerspruch ist bekanntlich ein Widerspruch in den Überzeugungen, Werten und Handlungen einer Person.

Ein Raucher etwa, der eigentlich das Leben für eine wertvolle Angelegenheit hält, genau dieses aber durchs Rauchen aktiv verkürzt, befindet sich in einer kognitiven Dissonanz. (Und die Aufschriften auf den Packungen sollen diese schier unerträglich werden lassen. Kann aber wirklich eine kognitive Dissonanz stärker sein als körperliche Abhängigkeit?)

Auch ein Ehebrecher glaubt zumeist, dass Ehebruch falsch ist, und doch tut er es. (Er will die Scham und den Schmerz des kognitiven Widerspruchs lösen, indem er sich Lügen erzählt wie: »Die Ehe war doch schon tot« oder »Mein Ehepartner ist schuld an dem, was ich tat«.)

Die wortreichsten Kapitalismuskritiker erfreuen sich regelmäßig an feinen Markenprodukten – wir kennen ja diese Salon-Kommunisten.

Und so weiter. Ein modernes und tatsächlich ethisch interessantes Beispiel für kognitive Dissonanz sind aber vielfliegende Grünen-Wähler.

Es ist bekannt, dass Grünen-Wähler als Wählergruppe am häufigsten und am weitesten in den Urlaub fliegen – während sie gleichzeitig Flugverbote fordern, »wegen Klima«.

Interessant ist daran allerdings, dass Grünen-Wähler zugleich das schlechteste Gewissen bezüglich des Fliegens berichten! (siehe tagesspiegel.de, 19.07.2019)

Ja, manche Grüne »merken noch etwas«, und was sie da merken, ist eine kognitive Dissonanz.

Es ist Buße genug

Eigentlich ist der Schmerz der kognitiven Dissonanz, wie jeder andere Schmerz auch, dafür da, den Menschen zu motivieren, die Ursache für diesen Schmerz zu beseitigen. Doch Grünen-Wähler haben den Schmerz an der eigenen Dissonanz, man könnte auch sagen: das schlechte Gewissen, zur Buße erhoben: »Ja, ich bin ein Heuchler, doch dass ich an diesen Widersprüchen leide, ist Buße genug für mein Tun. Und mein Leiden daran zeigt, dass ich ein besserer Mensch bin als all die, die nicht leiden. Also darf ich mehr davon tun.«

Doch ach, ich fürchte, dass die Menschen, von denen die Leserin spricht, nicht einmal solche kognitive Artistik praktizieren müssen, um ihre inneren Widersprüche zu überwinden.

Im Denken zu vieler unserer Mitmenschen fehlen schlicht das Bewusstsein und der Schmerz bezüglich ihrer kognitiven Widersprüche.

Als Beispiel: In NRW und in Köln wurde dieser Tage gewählt. Man erlebt etwa Leute, die an gewissen Zuständen in den Schulen ihrer Kinder leiden – und dann wählen sie genau die Parteien, die diese Zustände herbeiführten. Zeigt man ihnen den Widerspruch auf, werden sie kurz aggressiv, speien die üblichen Propaganda-Vokabeln – und werden dich zukünftig lieber meiden.

Diesen oder jenen Teil

Wir sind, in den USA wie auch in Deutschland, von Menschen umgeben, die nicht (mehr) am kognitiven Widerspruch leiden.

Wir kennen es ja sonst von Menschen, die schrecklichste Traumata durchlitten haben, etwa den Verlust eines Kindes oder die Gewalt eines Krieges, dass sie gewisse Erinnerungen schlicht »abschneiden«. Die Persönlichkeit wird, laienhaft gesagt, gespalten. Ein solcher Mensch ist offenbar in der Lage, diesen oder jenen Teil seines Bewusstseins zu bespielen, ohne dass die Erinnerungen einander beeinflussen. Diese »Spaltung« rettet einem solchen Menschen das seelische Leben, denn wenn er alles auf einmal denken wollte, wäre der Schmerz unerträglich und der Mensch würde Suizid erwägen (was er vermutlich ohnehin tat, bevor sein Geist ihm durch die »Spaltung« noch etwas Aufschub gab).

Wir erleben um uns her allerdings Menschen, deren Denken und Fühlen in Bezug auf die Gesellschaft und Ethik ähnlich gespalten sind, allerdings nicht durch schwere Traumata, sondern durch intensive, jahrelange Propaganda.

Propaganda ist die neue Lobotomie. Diese Patienten leiden nicht am kognitiven Widerspruch, nicht einmal zum Zweck der Buße, da die Propaganda die Verbindungen zwischen den in Widerspruch stehenden Arealen durchtrennt und verödet hat.

Der Bizeps durchtrennt

Einen Linken im Endstadium mit Argumenten und dem Aufzeigen seiner Widersprüche überzeugen zu wollen, ist wie ein Unfallopfer, dem der Bizeps durchtrennt wurde, zu Hantelübungen bewegen zu wollen. Er wird sehr wütend werden – er kann schlicht nicht mehr leisten, wozu du ihn drängst. Und wenn du ihn lange genug »motivierst«, wird er dich loswerden wollen, wie sie Charlie Kirk loswurden.

(Ein »charmantes« Beispiel kognitiver Spaltung liefern jene, die online den Tod von Charlie Kirk bejubelten – und darüber jammern, dass sie daraufhin den Job verloren. Für konservative Meinungen getötet zu werden, erscheint denen als angemessen. Fürs Bejubeln dieser Tat den Job zu verlieren ist für sie hingegen ethisch unvertretbar.)

Was also tun, so fragt die Leserin, wie damit umgehen?

Ich würde zuerst dazu raten, sich in aller Ruhe den Sachverhalt einzugestehen: Wir leben mit Menschen zusammen, bei denen die Propaganda den Geist derart zerhackt hat, dass sie – anders als wir – nicht daran leiden, dass Wahrnehmung, Überzeugung, Werte und Handeln im brutalen Widerspruch stehen.

In einer ruhigen Minute sollten wir dann radikal rational und radikal ehrlich sein, und eine Vorhersage wagen, was die Konsequenz dieser Tatsache ist.

In den USA, so wird geraunt, läuft es auf eine offene Konfrontation zwischen Konservativen und Propaganda-Zombies hinaus. In Europa ist die Sache gemischter. In Großbritannien haben jüngst Millionen gegen die Regierung protestiert, doch Briten sind mit »Brot und Spielen« schnell wieder einzuhegen (besonders wenn das Brot in flüssiger Form gereicht wird). Die Deutschen lösen, wie auch heutige Leninisten wissen, bekanntlich erst ein Ticket, bevor sie den Bahnsteig besetzen. Und von Völkern, die als heißblütig bekannt sind, weiß man, dass heißes Blut schnell müde macht und dann erst mal ausgiebige Siesta einfordert.

Vorsichtiger denn je

»Steht es wirklich so schlimm um uns?«, so fragt heute einer den anderen, und die ehrliche Antwort lautet: »Es steht viel schlimmer. Wir gestehen es uns bloß in so kleinen Stücken ein, wie wir sie gerade noch ertragen können.«

Wer dich heute als »Nazi« oder »Faschist« bezeichnet, sagt damit unverhohlen, dass er dich eigentlich tot sehen will. In seinem Kopf ist die Verbindung durchtrennt, die ihm den Widerspruch zu seinen »Werten« aufzeigen müsste.

Sei vorsichtiger denn je. Gestehe dir ein, dass es ist, wie es ist. Suche in dir nach der notwendigen Kraft, um die absehbaren Konsequenzen und nächsten Schritte auszusprechen.

Und vor allem: Spätestens heute solltest du den Mut aufbringen, vor dir selbst auszusprechen, was du wirklich denkst, glaubst und dann auch tun willst. (Und morgen dann vielleicht die Kraft, es auch wirklich zu tun?)

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Der Essay Kognitive Spaltung: Wenn es (denen) nicht mehr weh tut von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/nicht-mehr-weh/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!