Es ist hilfreich, seine Gedanken auszuformulieren, so offensichtlich sie sich im Kopf anfühlen mögen. Im Kopf sind die Gedanken wie ein verworrenes Wollknäuel. Ausformulieren zwingt, Gedanken wie auf einen Faden aufzureihen. Die Seele braucht das heute.

Warum formuliere ich das Offensichtliche aus? Eben überlegte ich unvernünftig lange, ob ich gern einfügen sollte, also dass ich gern das Offensichtliche ausformuliere. Doch damit schriebe ich mir Intention und Emotion zu, wo mehr ein Automatismus vorliegt. Warum aber?

Im Essay »Harald Schmidt macht einen Scherz« beschrieb ich einen Sketch mit Schmidt und Andrack als zwei Zugreisenden, die an einem Punkt ihrer Reise wohl sinnierend aus dem Fenster blicken, und einer feststellt: »Schnee!«

Was ist es, dass diese Feststellung »Schnee!« so humorvoll macht? Humor ist, was eine schmerzhafte Differenz von Begriff und Realität aufzeigt und so bei der Schmerzbewältigung hilft. (Siehe dazu etwa »The Left Can’t Meme – Warum Linke keinen Humor können«.)

»Schnee!« ist vielleicht so witzig, weil zunächst einmal eine Offensichtlichkeit ausformuliert wird. Beide Zugreisenden sehen ja, dass da Schnee ist. Damit scheint das Aussprechen überflüssig.

»Schnee!« wurde von Harald Schmidt mit Melancholie in der Stimme vorgetragen. Schmidt spielt in jenem Sketch eine mittelalte Ehefrau, die ihren Mann, gespielt von Andrack, mit allerlei daheim verpackten Köstlichkeiten versorgt, wie Joghurt in Tupperdosen.

Wenn diese mittelalte Ehefrau also sinnierend »Schnee!« feststellt, spüren wir, dass sie damit eigentlich eine tiefere emotionale Wahrheit ausdrücken will, was auf (für uns) schmerzhafte Weise misslingt. Entweder hat sie schlicht keinen Zugang zu diesen Emotionen, welche in ihr vom vorbeifahrenden Schnee ausgelöst werden. Oder, und das ist unser eigentlicher Verdacht, verspürt sie nicht wirklich große Melancholie, doch sie imitiert die Zeichen der Melancholie, die sie irgendwo sah, und die bestanden eben daraus, das Offensichtliche an der Landschaft zu beschreiben.

Warum jedoch drängt es mich, das Offensichtliche zu formulieren?

Nun, Melancholie will ich mir nicht erlauben, noch nicht. Vielleicht formuliere ich das Offensichtliche, um meine Gedanken zu ordnen. Im Kopf sind die Gedanken ja mehr so ein Wollknäuel, und ausformulierte Sätze zwingen die Gedanken dann, zum geraden Faden zu werden, wo eines nach dem anderen passiert.

Wenn ich heute etwa die Kollegen begutachte, die bei freiedenker.de mit uns ihre Gedanken teilen, so stelle ich doch fest, dass bisweilen die Gedanken tatsächlich neu und provokant sind – und zugleich das Offensichtliche formulieren! Manchmal wird dir fürs Ausformulieren des Offensichtlichen gedankt (auch praktisch). Manchmal ganz und gar nicht. Vielleicht weil du noch der Einzige bist, der das so offen und klar zu sehen meint. Vielleicht, weil du es dann doch falsch gesehen hast. Vielleicht, weil die anderen es erst morgen oder in zehn Jahren sehen werden.

Das Offensichtliche in politischen und gesellschaftlichen Angelegenheiten zu formulieren, das ist mal banal und mal kann es dich ins Gefängnis bringen.

Und bisweilen bist du in der Minderheit, offen zu sehen, was dir doch sichtbar ist, und dann womöglich noch in der Minderheit innerhalb der Minderheit, dies auch noch auszusprechen.

Ich spreche Banales aus, wenn ich feststelle, dass heute genug Anlass zu Angst und Furcht besteht. Es gilt weiter, was ich 2018 formulierte: »»Angst ist ein Stück Lebenskraft««.

»Nichts ist wichtiger als das Leben«, schrieb ich im selben Jahr 2018 (und zitierte es bereits im kontroversen wie meines Erachtens offensichtlichen gestrigen Essay). Doch wenn Leben allein, gemessen in seiner Länge und damit Quantität, der höchste aller Werte wäre, wärest du dann statt eines Menschen lieber eine Riesenschildkröte? Die können bis zu 200 Jahren alt werden? Oder möchtest du gar eine Qualle sein? Quallen sind biologisch unsterblich!

Bei aller Angst spüre ich heute, wovor Jesus im Matthäus-Evangelium warnt:

Fürchtet euch dabei nicht vor denen, die wohl den Leib töten, aber die Seele nicht zu töten vermögen; fürchtet euch vielmehr vor dem, der die Macht hat, sowohl die Seele als den Leib in der Hölle zu verderben!

Matthäus 10:28

Ja, unser Leben und buchstäbliches Überleben sind bedroht. Nationen werden zu Lethokratien, also postdemokratischen Diktaturen mit der Selbstvernichtung als höchstem Staatsziel.

Und doch sehe ich um mich, und spüre als Bedrohung an mir, noch ärger den Schaden an der Seele.

Der Tod am Körper ist unausweichlich, doch die Seele erkalten zu lassen und als Zombie (oder gar als »Zombie gegen Rechts«) innerlich tot durchs Leben zu schlurfen, das ist eine Entscheidung.

Mir erscheint das ganz offensichtlich. Vielleicht ist es blank banal. Vielleicht ist es etwas spinnert.

Vielleicht bin ich aber auch einfach nur heute in melancholischer Stimmung, und also sollte ich, bei 25 Grad im Schatten, mir ausnahmsweise doch etwas Second-Hand-Melancholie erlauben und also melancholisch seufzen: »Schnee!«

Der Essay Offensichtlich Schnee von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/offensichtlich-schnee/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!