Auffällig: Zu Papst und Trump pilgern die Menschen zu vielen Tausenden. – Globalisten, Linke und andere selbsterklärt »Guten« dagegen müssen sich, wo auch immer sie hinkommen, mit Polizei und Absperrungen vorm wütenden Volk schützen. Warum?

Heute Morgen an der Busstation verpassten Leo und ich einen Bus und so hatten wir fast eine Stunde extra Zeit.

Leo war unterwegs zu einem Wettrennen mit Freunden. Ich war unterwegs zum Büro, um für euch zu schreiben. Gut, dass wir uns beide genug Zeit gelassen hatten!

Wir nutzten das Zeitfenster und kehrten zum Frühstück in der Gaststätte an der Busstation ein, zum traditionellen und damit sehr schmackhaften spanischen Frühstück.

Wir kauten, schlürften unser jeweiliges Heißgetränk und lasen. Leo liest gerade »Animal Farm«. Letzte Woche las er »Fahrenheit 451«. Ich fürchte, der Geist der Zeit hat zu ihm gesprochen.

(Ich selbst überfliege heute Oscar Wildes »The Importance of Being Earnest«. Leo scheint die Zeiten ernster zu nehmen als ich.)

Während wir also Geist und Leib an verschiedenen Seinsarten von Brot und Schinken nährten, kam der Verkäufer vom Kiosk gegenüber in die Gaststätte und rief: »Habemus Papam!«

Der neue Papst wurde ja vor 10 Tagen gewählt und heute wird er ins Amt eingeführt. Ich deutete den fröhlichen Ausruf des Kioskbetreibers als scherzhaften Ausdruck einer zarten Hoffnung, ja vielleicht sogar Freude, dass dieser Papst wieder, äh, katholisch sei.

Versehentlich die großen Brötchen

In der Gaststätte lief an diesem Sonntagmorgen ein Fernsehgerät. Man zeigte die Inaugurationsmesse von Leo XIV live vom Petersplatz, als wäre sie ein Fußballspiel.

Ich schmunzelte. (Nebenbei: Wenn ich »Leo XIV« schreibe, meine ich den Heiligen Vater in Rom. Mit »Leo« ohne weitere Zahlenangaben meine ich weiterhin den Sohn dieses unheiligen, wenngleich stets bemühten Essayisten.)

Ich hatte versehentlich die großen Brötchen bestellt. Es war zu viel. Leo schlug vor, eine Brötchenhälfte einer Dame zu geben, die an den Tischen um Essen bat. Ich hatte die Dame zuvor ignoriert. So sind sie, die Essayisten, sie schmunzeln und schwätzen und schreiben und fühlen sich ganz erhaben, wenn sie die Heilige Messe gucken. Doch es braucht ein Kind, das sie daran erinnert, auch mal das Brot mit den Armen zu teilen. Ich überlegte ja, es einpacken zu lassen, und Leo beschämte mich. (Ich berufe mich im Übrigen auch weiter auf jene Wahrheit aus dem Film Nine, nämlich: To create is to forgive yourself in public. Zu erschaffen ­– und sei es ein Essay, den man »erschafft« – bedeutet, sich öffentlich zu vergeben.)

Unsere Busse standen bereit. Leo fuhr zum Wettrennen, ich fuhr ins Büro. Im Büro schaltete ich den Live-Stream aus dem Vatikan an. Er läuft nebenbei, während ich dies notiere.

Das wird im Himmel gelöst sein

Im Stream sehe ich den US-Vizeminister J. D. Vance (dessen wichtige Rede ich jüngst ins Deutsche übersetzte und als Video aufnahm) und mit ihm den US-Außenminister Marco Rubio. Ich erkenne den König von Spanien samt Gattin. Ich sehe mehrere Männer mit jüdischer Kippa. Vertreter östlicher Kirchen, also die mit den eigenen Trachten, den Gesängen aus einer anderen Dimension und dem Dreibalkenkreuz.

Ich sehe jemanden, der mir sehr nach Selenskyj aussieht und eine selbstbewusste Sonnenbrille trägt. Für den obersten Befehlshaber eines Landes im Kriegszustand kommt er nicht wenig in der Welt herum.

Ich meine, auch die Föhnfrisur der Ursula von der Leyen erkannt zu haben. Plant sie etwa, nach Berlin und Brüssel vor ihren Skandalen nun weiter in den Vatikan zu fliehen?

Die Messe schreitet voran. Lesungen zum Leben und zur Berufung des Petrus. Wunderbare Chorgesänge.

Es wird Markus 16, Vers 19 zitiert, wo Jesus zu Petrus sagt: »Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.«

Leo XIV erhält den »Fischerring« (siehe Wikipedia). Ein Geistlicher will gleich, »stellvertretend für die Christenheit« (so der Kommentator von Vatican-News) den Ring küssen.

Unwillkürlich zucke ich zusammen.

Denen, die fehlten

Ich denke an Szenen, in denen Francesco seine Hand geradezu aggressiv zurückzog, wenn jemand diese küssen wollte. Leo XIV wirkt zunächst schlicht überrascht – er ist es ja nicht gewohnt. Nach etwa einem halben Dutzend Gratulanten scheint sich bereits eine solide Routine eingestellt zu haben.

Der Grund aber, die Idee, die mich zu diesem Essay anregte, hat nicht nur mit dem Mann am Altar zu tun. Es hat eher mit jenen Bildern zu tun, die Vatican-News immer wieder einblendet, wenn es nicht gerade die Wichtigen auf dem Podium vor der Basilika zeigt. Es hat mit den Tausenden im Publikum zu tun. Mit den Menschen, zu denen der Papst redet. Denen, die fehlten, als Francesco zu Covid-Zeiten zu einem leeren Platz sprach.

Wenn der Papst oder Donald Trump sprechen, finden sich Zigtausende einfache Bürger ein. Menschen, die Reisen, Kosten und Umstände auf sich nehmen, um Teil davon zu sein, wenn alte Werte und, ja, relevante Strukturen hochgehalten werden.

Wenn aber, wie in Deutschland, jene Linken, Globalisten und Gutmenschen sprechen, die mit Geheimdiensten, Staatsanwälten und Hausdurchsuchungen ihren Status als »gut« durchsetzen wollen, begegnet das einfache Volk ihnen regelmäßig mit Wut und Abscheu. Ich erinnere mich noch an die Pfeifkonzerte, die einer Merkel, einem Scholz oder einem Habeck entgegenschallten, wohin auch immer sie sich in ihren teuren Limousinen kutschieren ließen.

Rarely pure and never simple

Papst und Trump ziehen in diesen Jahren und Tagen weiterhin und regelmäßig viele tausend Menschen an. Linke und Globalisten, die selbsterklärt »Guten« also, müssen sich derweil mit Polizei und Barrikaden von der Wut des Volkes abschirmen lassen.

Die Menschen, so fühle und deute ich es, sehnen sich nach jenem, was ich als Relevante Strukturen und die »Ordnung der Kreise« beschreibe. Die katholische Lehre kennt den Ordo Amoris (siehe ChatGPT). Man findet die Idee einer sinnvollen Ordnung von Werten in jeder auch nur halbwegs funktionierenden Kultur (siehe Grok).

Menschen verlangen nach Werten und einer Ordnung der Werte. Es macht uns geradezu krank, wenn die selbsternannten Eliten in ihrer ethischen und intellektuellen Verwahrlosung per Tagesparole dämliche Lügen und suizidalen Wahn als »Moral des Tages« etablieren wollen.

Ja, ja, ja – mir ist sehr wohl bewusst, dass und welche Kritik am Papst (allgemein und individuell) wie auch an Trump geübt werden kann. Und diese Herren als Gegenstück zu Globalisten zu nennen ist mindestens diskutabel. Oscar Wilde mahnt: »The truth is rarely pure and never simple« – »Die Wahrheit ist selten rein und nie einfach« (lesen.amazon.de).

Alle Brötchen verdaut

Es sind aber nicht die Herren auf der Bühne, die verhindern, dass das flackernde Flämmchen der Hoffnung in mir noch nicht verlischt. Es sind die Menschen, die sich versammeln. Gemeinsam bestätigen sie: Es gibt sie noch, die Werte und die Ordnung, innerhalb derer der Mensch so etwas wie Glück finden kann.

Erst Glück, genug innere wie auch äußere Ordnung. Dann jenen Zustand, den Religionen die Erlösung nennen. Jenen Zustand, den ein Atheist beschreiben kann als: Aufgehen in einer größeren Struktur, aber nicht durch Selbstaufgabe und Selbstverlust, sondern als tiefe, echte Selbstverwirklichung.

Die Messe im Vatikan ist vorbei. Ich sehe die politischen Gratulanten, die Schlange stehen, um dem Papst die Hand zu schütteln. Italiens Meloni gratuliert sehr ausgiebig. Generell ist es interessant, zu vergleichen, wie der Handkuss der verschiedenen Politiker abläuft.

Einige beugen sich tief hinunter und küssen, aber so richtig. Andere belassen es beim Luftkuss. Nicht wenige Politiker wollen es offensichtlich so schnell wie möglich hinter sich bringen. Dabei ist kein Handkuss offenbar durchaus eine Option, wie etwa der Katholik J. D. Vance es tat und stattdessen einen herzlichen Plausch einlegte.

Extra sympathisch ist mir jener Gratulant, der den neuen Papst wie einen alten Kumpel gutgelaunt umarmt. (Später werde ich erfahren, dass es Louis Prevost ist, der jüngere Bruder des Papstes. »Alter Kumpel« ist also durchaus nicht falsch. Zunächst hielt ich ihn aber wirklich für einen allzu enthusiastischen Politiker.)

Ich sehe, dass die Föhnfrisur wirklich die von von der Leyen war (Händeschütteln, Grinsen, Wortwechsel, steifes Weggehen). Ich vermute, dass einige der Wichtigen froh waren, bei dieser Gelegenheit öffentlich aufzutreten, ohne dass der Fokus auf ihnen liegt – das heißt: ohne dass ihnen der Hass und die Wut des Volkes entgegenschallt.

Sehr froh, dort zu sein

Optisch unerwartet war für mich der Anblick der arabischen Würdenträger (Händeschütteln und elegante Glückwünsche – die Männer haben Stil).

Friedrich von BlackRock hält die Hand des Papstes extra lang, der Kanzler redet und nickt sehr viel. Auch Charlotte Merz wirkt sehr froh, dort zu sein.

Und so weiter, und so fort.

Unwillkürlich denke ich: Was, wenn die neue »Ordnung der Welten« nicht wirklich neu ist?

Inzwischen sind auch hier, in meiner eigenen Realität, alle Busse längst angekommen – es wird bald Zeit für die Busse zurück. Alle Brötchen sind verdaut, dieser Text ist geschrieben. Leos Wettrennen läuft. Ich wünsche ihm, auch in eurem Namen, guten Erfolg.

Dir und mir und uns allen wünsche ich aber, dass wir jene Werte, jene Ordnung finden, deren Fehlen wir in diesen Tagen, innerlich wie äußerlich, so deutlich spüren.

E-Mail-Abo

Lassen Sie sich automatisch benachrichtigen, sobald ich hier etwas Neues veröffentliche! (Gratis, jederzeit abbestellbar.)

Der Essay Die einen liebt das Volk, die anderen müssen es fürchten von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/ringkuss-oder-nicht/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!