Biodeutsche aus Wohlstandsvierteln demonstrieren gegen das Wort »Stadtbild«. Es sei rassistisch, ein verändertes Stadtbild in Deutschland festzustellen. Tatsächlich protestieren sie gegen das Wahrnehmen der Realität. Es ist die Essenz des Linksseins.

Ein kluger Mensch sagte mal:

Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit dem durchschnittlichen Wähler.
– Nicht Winston Churchill

Er klingt zugespitzt, dieser Satz, satirisch und übertrieben. »So schlimm wird es schon nicht sein«, will man denken, »aber gut, dass jemand darauf hinweist, dass der Wähler informiert bleiben sollte!« (Wir wissen zugleich, dass es entscheidend drauf ankommt, was mit informiert bleiben gemeint ist.)

Ach, ich wünschte, es wäre nur satirisch und übertrieben!

Berauscht und befriedigt

In Deutschland wird ja jedes Wochenende für oder gegen etwas demonstriert. Doch nicht alle Demonstrationen sind von der gleichen Art.

Schon 2018 schrieb ich: »Ich glaube den meisten Großdemos heute nicht – hier ist der Grund«

Ein guter Teil der Demonstrationen sind von in- und ausländischen NGOs und indirekt vom Staat orchestriert. Leicht zu erregende Hobby-Demonstranten demonstrieren für das Anliegen des Tages, was auch immer ihnen als Thema vorgesetzt wird. Mal fürs Klima, damit also höhere Steuern. Mal gegen die nervige Opposition. Und manchmal nur im Sinne einer Regierungspartei – und damit gegen die andere.

Für eine bestimmte soziale Gruppe hat die wöchentliche Demonstration den Wochenendausflug, den Freundeskreis und oft auch den Gottesdienst ersetzt. Ja, zu demonstrieren ist sinnstiftend. Es berauscht und befriedigt, Teil einer Masse zu sein. Teil einer Menge, der von oben kollektiv versichert wird, die Richtigen und die Guten zu sein – was natürlich jeden thematischen Gegner zum Falschen und Bösen macht.

Bisweilen aber, so auch in diesen Tagen, sind die Forderungen dieser sinnstiftenden Aufmärsche derart bizarr und realitätsfremd, dass es lustig ist – mehr oder weniger.

Fast schon lustig

Aktuell demonstrierten sie in Berlin gegen eine Äußerung des Friedrich Merz. Gegen ein einzelnes Wort, um genau zu sein. (Nein, die Anlässe für Demonstrationen sind in Deutschland nicht immer die tiefschürfendsten.)

Herr Merz sprach kürzlich diese Selbstverständlichkeit aus:

Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.
– Friedrich Merz, 2025 (zitiert nach tagesspiegel.de, 20.10.2025)

Gegen dieses eine Wort »Stadtbild« wurde eben am Wochenende demonstriert. Und diese Demonstrationen sind in ihrer Absurdität tatsächlich fast schon lustig.

Dann wohl wieder eher

Auf Fotos von der Demonstration (etwa: @janfleischhauer, 20.10.2025) sehen wir, dass die Demonstranten praktisch ausschließlich weiße Mittelschichtdeutsche sind.

Und sie tragen tatsächlich ein Fanal, auf dem sie in kindlicher Kleinmädchenschrift (mit Herzchen über den großen I) geschrieben haben: »WIR SIND DAS STADTBILD«.

Die Aussage des Friedrich Merz bezieht sich ganz ausdrücklich auf soziale Veränderungen durch unkontrollierte Zuwanderung aus Kulturen mit eher archaischen Werten. Arabische Supermärkte, Handy-Geschäfte, das übliche orientalische Fastfood. Menschen aus fremden Kulturen, die in ihrem Äußeren eher nicht-westliche Werte vertreten.

Junge Männer aus dem globalen Süden, oft im wehrdiensttauglichen Alter. (Trotz ihres Alters aber demnächst eher nicht akut davon bedroht, zum Krieg gegen Russland eingezogen zu werden. Das werden dann wohl wieder eher »Biodeutsche« sein.)

»Stadtbild« meint hier wohl das, worauf sich vermutlich auch die damalige Chefin der Grünen Jugend bezog, als sie 2023 sagte, sie würde »im Moment nicht« alleine nachts durch den Görlitzer Park laufen (tagesspiegel.de, 31.07.2023).

Jede Ku-Klux-Klan-Veranstaltung

Erstaunlicherweise ruderte Friedrich Merz diesmal (zumindest bislang) nicht zurück. Im Vorwurfston von einem Journalisten gefragt, was er damit gemeint habe und ob er es zurücknehme, bekräftigte er seine Aussage ausdrücklich – und er empfahl dem Journalisten, doch seine Tochter zu fragen, was damit gemeint sei.

Die Demonstrationen gegen das Wort »Stadtbild« sind nichts weniger als Demonstrationen gegen die Wahrnehmung der Realität. Und die Demonstranten sind praktisch ausschließlich weiße »Biodeutsche«, viele grauhaarige, allesamt vermutlich aus teureren, gepflegten Bezirken.

Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit dem durchschnittlichen Wähler, so heißt es. Doch diese Leute würden gar kein fünfminütiges Gespräch zulassen! Die beginnen doch Gespräche bereits damit, das Gegenüber als »Nazi« zu beschimpfen.

Jemand scherzte, dass jede Ku-Klux-Klan-Veranstaltung »diverser« sei als die Leute bei der Demonstration gegen das Wort »Stadtbild«.

Nein, liebe Demonstranten, ihr seid nicht das »Stadtbild«, das hier gemeint ist. Ihr wählt offenbar, euer Denken etwas dämlich und fehlinformiert zu gestalten, arg ignorant und als ob ihr wohlstandverwahrlost wärt, doch tatsächlich seid ihr weitgehend harmlos (also etwa so wie in The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy die gesamte Erde beschrieben ist) – wären da nicht eure suizidalen Entscheidungen im Wahllokal.

Ein oder zwei parteitreue Pfleger

Genau das aber ist das Problem: Menschen, die nicht nur blind für die Realität sind, sondern sogar explizit gegen die Wahrnehmung und Benennung der Realität demonstrieren, haben im Wahllokal genauso viel Wahlstimme wie Wähler, die sich der Realität stellen und ihr Gewissen eben nicht durch Ideologie ersetzen.

(Und wenn die Stimmen der Realitätsleugner im Wahllokal nicht genügen, gibt es ja immer noch die Briefwahlstimmen. Gib mir ein briefwählendes Pflegeheim, dazu ein oder zwei parteitreue Pfleger, und ich drehe dir jede knappe Wahlentscheidung zuverlässig, wie du es brauchst. Siehe aktuell etwa tagesschau.de, 21.10.2025. Ja, ich tue mich schwer damit, Briefwahlstimmen vollständig zu vertrauen, wenn der Anteil hoch ist und sie Wahlen »drehen«.)

Demokratie, so heißt es, sei das schlechteste aller Systeme – doch noch immer besser als alle anderen Systeme, die je probiert wurden.

Man muss allerdings zurückfragen: »besser« in welcher Eigenschaft?

Für Details dazu

Ist Demokratie wirklich ein besseres System, wenn ein buchstäblich entscheidender Teil der Wähler manipuliert wurde, gegen die eigenen Interessen zu wählen und die Benennung der Realität als unmoralisch abzulehnen? Ist Demokratie ein besseres System, wenn »demokratische« Entscheidungen in den nationalen Suizid münden?

Ich schreibe hier wahrlich nicht gegen die Demokratie an. Eher gegen die selbstgewählte Dummheit. Und mit Dummheit meine ich auch weiterhin das fahrlässige oder mutwillige Ignorieren von Zusammenhängen (oder der Realität selbst). Für Details dazu siehe den Essay »Es gibt kein Recht auf Dummheit« aus dem Jahr 2016.

Das politisch und sozial destruktive Problem der Dummheit ist, dass sie sich in der Wirkung und den Folgen nicht von Bosheit unterscheidet. Dazu wiederum siehe meinen Essay »Sind die dumm oder böse? Macht es überhaupt einen Unterschied?« (2018).

In einen sehr anderen Zustand

Die schneeweißen Biodeutschen aus den Wohlstandsvierteln, die sich für das Musterbeispiel des durchschnittlichen deutschen Stadtbilds halten, aber gleichzeitig die Erwähnung des Begriffs Stadtbild irgendwie rassistisch finden, denken und handeln so widersprüchlich wie dumm. Die Folgen ihrer selbstgewählten Ignoranz sind dieselben, wie wenn sie von destruktiver Bosheit angetrieben wären.

Die Schneeweißen von der Demo agieren derart verblendet, dass sie sich nicht einmal von ihrem neuesten Quatsch abbringen lassen, wenn knallharte Islamisten ihnen zustimmen (bild.de, 21.10.2025). Diese deutschen Schafe laufen dann demnächst Seite an Seite mit veritablen Kalifats-Islamisten – in die für Schafe übliche Laufrichtung.

Das mehrdimensionale Schlittern Deutschlands und Europas wird in einen sehr anderen Zustand münden. In welchen? Schauen wir.

Nicht einmal beschreiben

Spätestens wenn Künstliche Intelligenz in politische Entscheidungen eingreift und wenn diese KI intelligenter sogar ist als die hochgebildeten, superintelligenten heutigen Politiker, spätestens dann aber wird die Gesellschaft in Zustände überführt, die sich heute nicht einmal beschreiben lassen.

Ich wettere nicht gegen Demokratie.

Ich wettere auch immer weniger gegen Dummheit.

Ich hoffe vielmehr schlicht auf eine gloriose Wiederkehr der Klugheit.

Ja, entweder Deutschland verschwindet und wird zum Beispiel »Chinas Kolonie«oder es wird plötzlich Klugheit über uns kommen.

Die Frage ist, was ein schmerzhafterer Vorgang sein wird, die finale Auflösung oder das plötzliche Klügerwerden?

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Der Essay Du darfst nicht das Stadtbild bemerken von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/stadtbild/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!