2024 verglichen wir Deutschland mit einem, der aus dem 10. Stock fällt – und sich ans Fallen gewöhnt. 2026 rauschen die Stockwerke weiter vorbei: Ausreiseverbote, Zensur, Sanktionen. Sind wir längst »aufgeschlagen« und wollen es nur nicht wahrhaben?

»Schon wieder eins – und noch eins!«, so schrieb ich 2024, und so ist es noch immer wahr.

Erst erzählte ich einen bekannten Witz nach:

Ein Mann fällt aus dem Fenster, aus dem zehnten Stock. Irgendwann, am ersten Stock vorbeifliegend, sagt er: »Bis hierhin ist alles gut gegangen.«
Essay vom 26.1.2024

Ich baute jenen Witz dann zur Parabel über die Neuzeit aus. Denn, so überlegte ich, der Fallende wird ja nicht erst beim ersten Stock über seine Situation nachdenken! Wahrlich nicht!

Zunächst ist er ja denkbar panisch, wenn etwa die neunte Etage vorüberrauscht, dann die achte und so weiter.

Irgendwann aber setzt beim Fallenden so etwas wie Gewöhnung ein; der Fallende hat sich ans Fallen gewöhnt. Er sieht ein Stockwerk vorbeirauschen. Dann wieder eins und dann eben schon wieder eins – so denkt er.

Warum aber sich jedesmal wieder aufregen? Niemand mag den Miesepeter, nicht mal der Miesepeter selbst mag sich.

Der Aufprall auf dem Gehweg schließlich wird auf paradoxe Weise gleichzeitig überraschend und nicht-überraschend kommen. Überraschend, weil man sich daran gewöhnt hat, konsequenzlos an Fenstern vorbeizurauschen. Und dann kommt die harte Landung eben doch nicht überraschend, weil eine Stimme im Hinterkopf es die ganze Zeit wusste.

Wenn ein echter Mensch tatsächlich aus einem echten zehnten Stock fallen sollte, würde der Fall etwa zweieinhalb Sekunden dauern, dann wäre der irdische Teil seines Lebens vorüber.

Bei Nationen und Gesellschaften dauert der Fall schon mal länger. Jahrzehnte oder sogar ein Jahrhundert sind im Maßstab der großen Geschichte ein Wimpernschlag, ein Augenblick.

Werte und Kennzeichen

So beschrieben wir 2024 die Kennzeichen, dass Deutschland wieder in Richtung einer Diktatur abstürzte. Heute, im Jahr 2026, zeigt Deutschland weiter Symptome des Abgleitens. Und die Symptome der nächsten Diktatur werden naturgemäß ärger, eindeutiger, furchterregender.

Diese Woche etwa erlebten wir, dass die deutschen Behörden laut Berichten Bürgern wieder die Ausreise verbieten, wenn ihnen deren politische Meinung nicht passt (@max_maerkl, 28.05.2026). Angeblich tun sie das, um das Ansehen Deutschlands im Ausland nicht zu beschädigen. Das angebliche Ansehen Deutschlands steht in seiner Bedeutung also weit über den Grundrechten der Bürger. Das sind die Werte und Kennzeichen einer Diktatur, oder nicht?

Die Verfolgung und die im Endeffekt außer-rechtsstaatliche Bestrafung Andersdenkender durch Hausdurchsuchung (siehe Essay »Warum lachten die Staatsanwälte?«) waren womöglich nur die hässliche Vorstufe.

Diese Woche lasen wir, dass die Landesmedienanstalten davon träumen, mit Künstlicher Intelligenz vorab zu zensieren, was im Internet gesagt wird (apollo-news.net, 27.05.2026. Unklar, wie das mit dem Grundgesetz zu vereinbaren wäre; siehe auch cicero.de, 29.05.2026.

Man sagt, dass man doch nur »Hetze« vorab filtern will, und du bist doch nicht für Hass und Hetze, oder?

Nun, es gilt für deutsche Behörden, was ich schon 2018 formulierte: »Deine Meinung ist Hass, und Hass ist keine Meinung«. Übrigens will man auch Blasphemie automatisch vorab filtern, wenn diese den »öffentlichen Frieden« stören könnten (@CollinFrMcMahon, 27.05.2026). Sprich: Wenn du als religiöser Fanatiker nur aggressiv genug auftrittst oder sogar Terror androhst, werden die Behörden kuschen und die Kritik an deiner Religion vorab löschen.

Also frieren sie

Wenn deutsche Behörden nicht gerade eigene Diktatur-Träume wahr werden lassen, setzen sie willig diktatorische Maßnahmen der EU um. Berichten zufolge lässt die EU schon mal Journalisten »sanktionieren«. Ohne Anklage, Verfahren oder Urteil, ja sogar ohne Ankündigungen, werden missliebige Publizisten wirtschaftlich vernichtet.

Deutsche Behörden setzen das willig um – etwas funktioniert also noch in Deutschland (ostdeutscheallgemeine.com, 28.05.2026). Wenn die Opfer sich aber juristisch wehren wollen, brauchen sie einen Rechtsanwalt – doch da ihre Konten gesperrt sind, können sie keinen bezahlen.

Deshalb können sie einen Antrag auf Freigabe ihres Geldes stellen – bei den Behörden, die sie verklagen wollen! Vielleicht könnten sich die EU-Opfer aber Geld leihen, etwa bei ihren Verwandten, so denkt ihr vielleicht. Nun, das dachten sich die Beamten wohl auch – also frieren sie laut Berichten auch die Konten der Gattin und sogar der Mutter ein (@hussedogru, 28.03.2026, tichyseinblick.de, 28.05.2026)).

All das wohlgemerkt ohne Anklage oder Verfahren.

»Ein falsches Wort kann Freiheit kosten«, so warnte Cem Özdemir heute auf X (@cem_oezdemir, 29.05.2026). Er sprach allerdings über die Türkei. Stand 15:30 Uhr, etwa drei Stunden später, wiesen ihn anderthalbtausend Kommentare darauf hin, was für eine Heuchelei das für einen deutschen Politiker ist (vor allem wenn er den offen totalitären Grünen angehört).

Ich bin wahrlich nicht der einzige, der sich fragt: Wenn das alles eine »Demokratie« ist, was bitte ist dann eine Diktatur?

Ein weiteres Fenster

Und das alles sind »nur« Meldungen um Deutschland. Großbritannien etwa ist noch weiter durchgefallen.

Jede einzelne dieser Meldungen ist wie ein weiteres Fenster, das an uns Fallenden vorbeirauscht – auf unserem Weg gen Gehweg.

Und noch eines.

Und dann wieder eines.

Bis keine Fenster mehr übrig sind.

Womöglich bereits

Was lernen wir nun aus all dem, liebe Leser?

Ich erlebe dieser Tage, wie schlaue Leute zu denkbar dummen Vorhersagen über die Zukunft und zukünftige Möglichkeiten gelangen, mal explizit und zu oft implizit (zur Schlauheit siehe auch meinen Essay »Du sollst nicht schlau sein«). Zu viele Menschen gehen bei ihrer Schlauheit von Prämissen aus, die ihnen einst in der Schule als Wahrheit und Denkprinzip beigebracht wurden – und gefährlicher Quatsch sind.

In jenem Essay mit dem Mann, der aus dem zehnten Stock fiel, schrieb ich gegen Ende:

Die Fenster rauschen vorbei, das stimmt.
Doch noch sind wir nicht ganz aufgeschlagen, auch wenn wir inzwischen das Moos zwischen den Gehwegfliesen ausmachen können.
Noch wäre ein klein wenig Zeit, andere Metaphern für Deutschland zu schreiben.
Essay vom 26.1.2024

Ich bezweifle, ob ich das heute noch so schreiben würde. Spätestens wenn Behörden abweichende Meinungen automatisch zensieren und Menschen ohne Anklage und Verfahren vernichtet werden – Sippenhaft inklusive –, sind wir womöglich bereits aufgeschlagen und wollen es nur leugnen.

»Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt«, so versichert uns Shakespeare (in der deutschen Übersetzung). Ach, es ist noch viel gespenstischer: Eure Schulweisheit ist der eigentliche »Traum« – und die Realität ist eine ganz andere.

Ist es gruselig?

Ist es furchterregend?

Ja, natürlich.

Doch auf gewisse Weise bin ich frei. Weil ich mir eingestehe, dass es ist, wie es ist.

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Der Essay Wenige Stockwerke, wenn überhaupt von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/wenige-stockwerke/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!