In der Schule hatten wir Geschichtsunterricht und Religionsunterricht und/oder Ethikunterricht und vielleicht noch Sozialkunde oder sogar Staatskunde – und ja, heute ist das wohl alles dasselbe.
Dazu kamen noch die Momente, als der Lehrer vom Unterrichtsstoff abwich. Das konnte der Mathelehrer wie der Deutschlehrer sein. Seltener der Chemie- oder Physiklehrer, und wenn doch, dann tendenziell im Jahrzehnt vor der Rente. Der Abweichende erzählte dann also manchen Schwank aus seinem Leben.
In Wahrheit war das Leben des Abweichlers meist überhaupt nicht abweichend. Eher angepasst war es, und zuletzt hatte die Vernunft das Herz besiegt, darum war er ja Lehrer geworden und nicht Rockstar oder …
Falls ihn aber die Pausenglocke nicht rechtzeitig vor sich selbst rettete, beichtete er uns mit jedem Mal zynischer werdenden Kindern, was er eigentlich werden wollte.
Der wahre Zweck von beidem, der wahre Sinn der vielen Spielarten des Ethikunterrichts wie auch die Berechtigung der Lehrerbeichten war es, uns auf die eigenen Entscheidungen des Lebens vorzubereiten. Zu wissen, wer wann in welchem Wald welche Schlacht gewonnen oder verloren hat, trägt gewiss zu deiner Bildung bei. Doch zu fühlen und zu verstehen, warum der Lehrer sich nach der ungeplanten Schwangerschaft seiner heute schon wieder von ihm geschiedenen Dame gegen die Karriere als Showtänzer auf dem Kreuzfahrtschiff doch für den Lehrerberuf entschied, das kann und wird tatsächlich dein Denken über dein Leben formen.
Denn: Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir, so versicherte man uns. Doch was haben wir wirklich gelernt, für dieses sogenannte Leben?
Am Eingang der Schule, in der ich nachmittags Latein-Nachhilfeunterricht bekam – ein dortiger Lehrer gebrauchte die Räumlichkeiten zu diesem Zweck –, stand das tatsächlich auf Latein an der Wand: »Non vitae sed scholae discimus«. Ich Ahnungsloser schmunzelte damals darüber. Latein? Fürs Leben? Ach, hätte ich naiver Jüngling damals gewusst, dass Latein gefühlt das Einzige ist, was diesem Alten von der Schule als Wert bleibt.
Ja, ja, ja! Latein ist schön. Schönheit ist die neue Revolution. Schönheit ist das altneue Gute. Schönheit wird die Welt retten.
Doch was nützt es? (Fürs »Leben«.)
Was sagt es? (Übers »Leben«.)
Wenn ich all die Nachrichten aus dem sogenannten Heute zusammenfassen wollte, müsste ich sagen: Es wird kompliziert. Es wird durchwachsen. Es ist bereits wenig demokratisch – und es wird noch weniger werden. Und dann wird es weniger sein. Ach, was man halt so sagt, um nicht auszuformulieren: »Schrecklich für die meisten der einfachen Leute«.
Die hohen Herren von Akademien, Seminaren und hohen Häusern handeln, als wollten sie unser aller Fundament lieber heute als morgen zu Kiesel zerschlagen (nützlich als Zement neuer chinesischer Roboterfabriken).
Was also habe ich gelernt? Was ist vom Schulunterricht übrig geblieben? Das erwähnte Latein natürlich.
Ich teile hier mit euch aber eine Erkenntnis bezüglich der bevorstehenden Gegenwart:
Und zwar: Es wird ungemütlich werden.
Während Deutschlands öffentliche Debatte ihre letzten Gehirnzellen im Schnaps pseudomoralischer Irrelevanz ertränkt, werden weltweit inzwischen Zigtausende qualifizierter Leute entlassen (Zusammenfassung: @KobeissiLetter, 28.10.2025). In den USA kommen die ersten humanoiden Roboter auf den Markt, in Deutschland heben sie den Mindestlohn an – wohlgemerkt ohne irgendwelche sonstigen Abgaben oder Erschwernisse abzubauen.
Ja, ich sage euch: Wer heute lebt, sollte aufs Erste das gesamte Konzept »Gemütlichkeit« abschreiben.
Es wird ungemütlich werden. Und ihr werdet euch wieder wie in der Schule fühlen, werdet die Bedienung einer neuen Welt lernen müssen.
Am Ende des Tages fragen freundliche Menschen einander: »Wie war dein Tag?«
Wie dein Tag war, wird bald niemanden mehr interessieren, auch dich nicht.
Die wahre und wirkliche Frage wird sein: Was hast du heute gelernt? (Und was sind deine Hausaufgaben?)
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Und dann wird es weniger sein von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/weniger/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
