»Man müsste …!« – »Wenn das so weitergeht …!« Viele sagen’s, kündigen große Taten an, wollen endlich die notwendigen Konsequenzen aus der Realität ziehen. Aber nur wenige tun’s auch. Warum eigentlich?

Es wird nicht dadurch wahr, dass du es sagst; so schrieb ich im Jahr 2017. Ich schrieb diese Mahnung als eine der Lebensregeln, die ich meinen Kindern mitgeben will.

Es ist nun acht Jahre später. Wie die Zeit eilt!

Anders als ich werden die Kinder in einer Zeit jährlicher Weltkrisen groß. Einige Krisen werden von bösen Mächten für deren eigenen Profit orchestriert, etwa Wohnungs-, Wirtschafts- und Migrationskrise. Andere Krisen sind schlicht erfunden. (Sehr real sind aber die sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Konsequenzen der erfunden Krisen.)

Krisenkinder lernen einige Lektionen, die nicht nur beim ersten Hören bitter klingen.

Etwa: Du bist nicht selbst Herr deines Schicksals. (Auch wenn dir von »Boomern« etwas anderes gesagt wird. Die hatten halt Glück; siehe Niagara-Fall-Experten.)

Oder: Halte dir stets einen Fluchtweg parat. (Viel Glück dabei, überhaupt herauszufinden, wo dieser Fluchtweg sein soll und wohin genau er führt.)

Und auch, extra harsch: Erwarte nicht, dass es dir besser gehen wird, als den Generationen vor dir – egal, wie fleißig du bist.

Krisen lehren die Kinder sich abzufinden, sich zu fügenrealistisch zu sein. Uns dagegen wurde noch versichert, dass der Mensch alles werden kann, was er sich nur ausmalt. Dieser pragmatisch-psychologischen Selbstprogrammierung nah verwandt war jene Denkgewohnheit, zu glauben, ein Sachverhalt sei der Fall, allein weil ich es so behauptet habe.

Indem ich es ausspreche

Wir kennen ja die politisch korrekten Lügen, etwa von der gleichen Wertigkeit aller Kulturen; siehe dazu bereits den Essay »Ja, es gibt Kulturen, die sind „besser“ als andere« aus dem Jahr 2018.

Es soll eine »magische Wahrheit« sein: Indem ich es ausspreche, wird es wahr.

In Zeiten, in denen bald jede Schule eine Brennpunktschule ist, lernen Kinder auch die reale Realität jenseits der TV-Propaganda kennen. Anders als Journalisten und Politiker haben die Kinder die blauen Flecken, welche die politisch korrekten Lügen als solche entlarven.

(Nebenbei: Der Knabe, der des Kaisers Blöße benannte, säße heute wegen §188 StGB im Knast; und wenn man jenes Märchen als Metapher liest, säße der Bub wegen §130 StGB ein.)

Solange Menschen existieren

Das Selbstbelügen wird nicht aufhören, solange Menschen existieren, und doch, so scheint mir, werden die Menschen heute realistischer. (Machen wir uns nichts vor: Der Wunsch der deutschen Altparteien, die zeitweise in den Umfragen führende Opposition via Verbot auszuschalten, ist die politische Form des Kampfes gegen einen neuen Realitätssinn.)

Vor acht Jahren also warnte ich vor dem typisch linken (und zwischenzeitig wohl auch typisch deutschen) Irrtum (oder sollte man es Wahn nennen?), eine Aussage wäre wahr, bloß weil man sie getätigt habe. (Zu den dümmsten rhetorischen Selbst-Immunisierungen gehört, empört und drohend zu rufen: »Nennst du mich einen Lügner?«)

Zumindest bei Bürgern mit Sauerstoffversorgung oberhalb des Oberkiefers, erscheint mir heute nicht der Glaube an die magische Kraft der eigenen Annahmen als das dringendste der Probleme. Da wäre etwas anderes, ebenso menschlich verständlich wie langfristig gefährlich.

Was muss ich Gutes tun?

In Matthäus 19, Verse 16 bis 22 lesen wir von einem jungen Mann, der zu Jesus kommt, und fragt: »Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?«

Jesus wiederholt, nach kurzer theologischer Anmerkung, was der junge Mann ohnehin weiß: Er soll die Gebote halten. Nicht töten, den Nächsten lieben und so weiter.

Der junge Mann leistet das alles bereits, doch es wurmt ihn weiter: »Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir noch?«

Der junge Mann strebt nicht »nur« danach, ein guter Mensch zu sein. Er will vollkommen sein.

Jesus antwortet ihm: »Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkaufe deinen Besitz und gib das Geld den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!«

Eigentlich könnte das eine wunderbare, zufriedenstellende Interaktion sein. Der junge Mann hat ein Anliegen. Im Gespräch klären Jesus und er, worin genau dieses Anliegen besteht. Dann gibt Jesus ihm die erwünschte, sehr konkrete Handlungsanweisung.

Wie also reagiert der junge Mann? Schreitet er zur Tat, erfüllt von neuem Mut und Auftrag?

Die Bibel berichtet: »Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.«

Dem jungen Mann wird empfohlen

Ja, die Sache mit dem Geld – und der Religion. George Carlin scherzt: Gott ist allmächtig, nur mit Geld kommt er nicht so gut klar, und deshalb braucht er immerzu deines (siehe YouTube). Jesus erklärt, es sei leichter, dass ein Kamel durchs Nadelöhr kriecht, als dass ein Reicher in den Himmel kommt (wir sollten darüber reden, vielleicht morgen). Und dem jungen Mann wird empfohlen, seinen Besitz zu verkaufen, den Erlös den Armen zu geben und zum Jünger zu werden.

Nein, die Sache mit dem Geld ist nicht einfach (für deinen Lesebeitrag hier entlang). Doch in dieser Bibelpassage wäre das Verschenken des Vermögens durch den jungen Mann erst der zweite Schritt. Es wäre die Manifestation eines wichtigen ersten Schritts.

Ein extra tragisches Element der Geschichte von diesem jungen Mann liegt darin, dass er Jesus nicht widerspricht.

Der junge Mann sagt nicht, dass es nicht stimmt, was Jesus sagt. Das heißt: Der junge Mann sieht es ein und stimmt zu, dass er genau dies tun muss, um »vollkommen« zu sein.

Und er will ja vollkommen sein.

Doch es fehlt ihm wohl die Kraft.

Dem jungen Mann fehlt die Kraft, seinem Willen und seiner Einsicht auch die konsequente Tat folgen zu lassen.

Der junge Mann wünscht sich Vollkommenheit. Doch er liebt sein Vermögen. Er beschließt, die Liebe zum Vermögen über den Wunsch nach Vollkommenheit zu stellen – und anschließend ist er traurig über seinen eigenen Entschluss.

Als du vielleicht fürchtest

2017 mahnte ich, dass nichts nur dadurch wahr wird, dass du es sagst. Ich mahnte zum Realismus.

Doch selbst unter den Realisten erlebe ich heute eine gewisse Lähmung. Nachdem sie die Realität als solche zugegeben haben, nachdem sie die logischen und notwendigen Konsequenzen eingesehen haben, werden sie – ganz wie jener junge Mann – traurig ob ihrer eigenen Unfähigkeit, gemäß der eigenen Einsicht zu handeln.

(Sei ehrlich zu dir selbst, genau jetzt: Handelst du nach deiner besten Einsicht? Wenn nein, bist nicht auch du etwas traurig darüber?)

Es wird nicht dadurch wahr, dass du es sagst, so mahnte ich vor acht Jahren.

Heute mahne ich (natürlich zuerst mich): Gestehe dir zu, dass der Fall ist, was der Fall ist. Bedenke deine relevanten Strukturen. Benenne ehrlich die notwendigen Konsequenzen, das Richtige.

Und dann, weil jedes Leben nur einmal passiert: handle!

Du hast viel weniger zu verlieren, als du vielleicht fürchtest.

Doch du wirst alles verlieren, wenn du das Richtige nicht tust.

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Der Essay Wenn du das Richtige nicht tust von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/wenn-du-das-richtige-nicht-tust/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!