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Winston Churchill soll gesagt haben: »Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit dem durchschnittlichen Wähler.«
Es ist ärgerlich, wie häufig mir dieser Tage dieses Bonmot in den Sinn kommt. Etwa im Kontext der leidigen »Meinung vs. Fakten«-Debatte.
Ein bekannter Kampfslogan der totalitären neuen Staatsform »Unsere Demokratie« lautet: »Es gibt ein Recht auf eigene Meinung, aber kein Recht auf eigene Fakten.«
Für den im Textverständnis ungeschulten Hörer (und damit für die Mehrheit in der einstigen Dichter-und-Denker-Nation) klingt das plausibel.
Fakten, so meint der Unwissende zu wissen, das ist etwas ganz anderes als Meinung.
Fakten sind absolut, so meint der Ahnungslose, wie die Fakten der Mathematik. Und dass es kein Recht auf eigene Mathematik gibt, das begreifst du spätestens beim nächsten Gespräch mit deinem Bankberater.
Theoretisch sind Fakten solche Aussagen, deren Inhalt objektiv nachprüfbar ist. Und Meinungen sind theoretisch Aussagen, die auf individuelle Interpretation oder subjektive Überzeugung bauen.
Klingt wie ein Fakt
Das praktische Problem der Unterscheidung zwischen Fakten und Meinung hängt mit der Frage zusammen, wer die letzte Instanz sein soll, die das Ergebnis der objektiven Prüfung vorgeblicher Fakten bestätigt.
Erstaunlich viele sogenannte Fakten beruhen auf Interpretationen oder willkürlichen Festlegungen.
Die aktuelle Arbeitslosenquote klingt wie ein Fakt. Tatsächlich hängt die Zahl davon ab, wen man als arbeitssuchend interpretiert. Die Inflationsrate hängt davon ab, welche Güter in welcher Gewichtung in den mythischen »Warenkorb« aufgenommen werden.
Manche Fakten haben erhebliche politische Konsequenzen, und doch ist ihre Faktizität eine von Experten umstrittene Interpretation. Im Kriegsschuldartikel 231 des Versailler Vertrages (siehe Wikipedia) werden Deutschland und seine Verbündeten für »alle Verluste und Schäden« haftbar gemacht. Daraus leiten manche Experten die Alleinschuld Deutschlands als Fakt ab – was andere Historiker wiederum bestreiten. (Mir ist nicht bekannt, welchen epistemischen Status historische Fakten haben, deren Fürwahrhalten qua Gesetz angeordnet wird.)
Die Phänomene zu interpretieren
Man solle, so wurde uns kürzlich befohlen, »der Wissenschaft glauben« und »auf die Experten hören«. Später stellte sich heraus, dass die sogenannten Experten nicht immer die Wahrheit sagten.
Wenn es die Bestätigung durch »Experten« sein soll, die Fakt und Meinung voneinander abgrenzt, stehen wir vor einem ganzen Bukett pragmatisch-logischer Probleme.
Experten interpretieren die Wirklichkeit auch nur. Was Experten als Fakten darlegen, ist auch nur deren Meinung, wie die Phänomene zu interpretieren seien.
Dem versuchen die Apologeten des Expertenglaubens zu entgegnen, es existiere ja ein wissenschaftlicher Konsens. Dieser habe wie absolute Wahrheit behandelt zu werden. Zweifler sind »Leugner« und sollen aus der Gesellschaft ausgestoßen werden, spätestens wenn sie es wagen, aus ihrem Zweifel persönliche Konsequenzen zu ziehen. »Die gesamte Republik« soll »mit dem Finger auf sie zeigen« (spiegel.de, 7.12.2020).
Sicher, es klingt zunächst rational, dass zumindest Laien den Expertenkonsens wie absolute Wahrheit behandeln sollen. Das ließe sich auch dann verteidigen, wenn man sich dessen bewusst ist, dass einst etwa der Aderlass, die Lobotomie und der Lichtäther als Expertenkonsens galten.
Das pragmatisch-logische Problem eines »Expertenkonsens« als ultimative Form des Faktenchecks ist heute das Verfahren, nach welchem ein Mensch zum Experten erhoben wird.
In politisch und dogmatisch aufgeladenen akademischen Gebieten wie Klima oder Soziologie wird gar nicht erst zum Experten erhoben, wer von vornherein der geltenden Dogmatik widersprechen sollte. Ein Forscher, welcher der politisch gewünschten Deutung von Messdaten und sozialen Phänomenen widerspricht, wird nicht an staatliche Forschungsgelder gelangen. Und auch wenn er rein theoretisch arbeitet und sogar seine Vorträge gratis anbietet, wird man seine Veranstaltungen »canceln«.
Was ist der Expertenkonsens als »Faktensiegel« wert, wenn ohnehin nur der zum Experten erhoben wird, der dem existierenden Konsens zustimmt? Wir haben es hier mit jener philosophischen Frage zu tun, die im Gedankenexperiment vom »Schalter im Kopf« illustriert wird. (Siehe dazu: »Was macht einen Experten zu einem solchen?«)
Irgendwo irgendwann
Die These, es gebe kein »Recht auf eigene Fakten«, wurde nicht irgendwo irgendwann am Rande dahergesagt. Sie scheint vielmehr eine zentrale Säule in der Propaganda der totalitären »Unsere Demokratie«-Idee zu sein.
Ein Beispiel: 2024 fuhr das ZDF eine Propagandakampagne, die auf selbstentlarvende Weise darlegte, was der deutsche Staatsfunk unter »unabhängigem Journalismus« versteht.
Die mit vielen Orden behängte Dunja Hayali wurde im Rahmen dieser Kampagne mit einer Variante jenes Kampfslogans zitiert:
Jeder kann eine eigene Meinung haben. Nicht aber eigene Fakten.
– Dunja Hayali, via facebook.com, 26.3.2024
In den Kommentaren werden der Ordenbehängten dann auch gleich Fälle entgegengehalten, in denen Politik und Staatsfunk mit sehr eigenwilligen Deutungen der Faktenlage operierten. Etwa mit Merkels Chemnitzlüge (siehe »Berliner Inquisition, Maaßen und die Scheiterhaufen des Wahrheitssystems«).
Auch Frau Hayali lässt zunächst offen, wer es denn genau ist, der entscheidet, was persönliche Meinung und was vermeintlich absolute Fakten sind. Indem sie es aber offen lässt, impliziert sie, dass der Status absoluter Faktizität von jenen bestimmt wird, denen es gelingt, mit Politik und Milliarden an Zwangsgebühren im Rücken genug psychologischen Druck aufzubauen – auch »Autorität« genannt.
Damit aber wären wir wieder bei jenem 5-Minuten-Gespräch mit dem durchschnittlichen Wähler.
Sagen wir: wie Wahrheit
Ob es Dunja Hayali, Daniel Günther oder eine der vielen anderen vom Bürger unfreiwillig finanzierten Autoritäten im »besten Deutschland aller Zeiten« ist: Immer wenn diese darauf zu pochen scheint, dass es kein Recht auf die Verbreitung falscher Fakten geben sollte, versäumt sie anzugeben, wer genau als letzte Instanz der Faktizität auftreten soll.
Das Zitat von Churchill wird diesem übrigens bloß zugeschrieben. So sagen es zumindest die Experten der International Churchill Society (winstonchurchill.org, 09.06.2013).
In der eigentlichen Aussage jenes Bonmots aber klingt etwas, das sich nach meiner Meinung definitiv wie ein Fakt anfühlt; oder sagen wir: wie Wahrheit.
Wenn Politik und Propaganda sich zum Richter über Sprache und Gedanken erheben, wenn Journalisten mal eben Gott spielen und festlegen wollen, was als absolut wahr zu gelten hat, dann müssten eigentlich bei Millionen von Bürgern die berühmten Alarmglocken schrillen. Doch die Glocken schrillen nicht – und genau das lässt in meinem Kopf jene sprichwörtlichen Alarmglocken schrillen.
Eine hirnzermürbende Angelegenheit
Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit dem durchschnittlichen Wähler, sagte Winston Churchill nicht. Und doch fühlt es sich sehr wahr an. Wer auch immer es wirklich gesagt hat, er scheint mir ein wahrer Experte gewesen zu sein.
Welches Argument ließe sich aber machen, wenn man sich fünf Minuten mit einem durchschnittlichen Konsumenten von Tagesschau oder Heute unterhält?
1936 sagte Winston Churchill (und das sagte er wirklich): »Wir betreten eine Zeit der Konsequenzen.« (Wörtlich: »We are entering a period of consequences«.)
Eine fünfminütige Unterhaltung mit einem durchschnittlichen deutschen Staatsfunkzuschauer ist eine quälende, hirnzermürbende Angelegenheit.
Dies allerdings ist die Ära, in der wir die Konsequenzen erleben. Die Konsequenzen daraus, dass eine Mehrheit der Bürger sich von der Propaganda sagen lässt, was Fakten sind (und dazu, welche Meinung akzeptabel ist und welche »rechts«, also verboten).
Du hättest kein Recht, so sagt die Propaganda, selbst herauszufinden, was die Fakten sind.
Es ist eine perfide Lüge. Wenn es »Experten« sind, die so etwas sagen (zum Beispiel »Ethiker«, also »Moral-Experten«), dann könnte der denkende Bürger versucht sein, sie Lügner zu nennen.
Die »offiziellen« Fakten stellten sich zu häufig als das Gegenteil von Fakten heraus. Du hast nicht nur das Recht auf eigene Fakten – du hast sogar die Pflicht, selbst nach Fakten und Wahrheit zu suchen.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Wer entscheidet, was Wahrheit ist? von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/wer-entscheidet-was-wahrheit-ist/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
