10.05.2021

Wirklich so »naiv«?

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Foto von Mick
Journalisten sagen, die Regierung sei »naiv« gegenüber China. Haha! Wohl in etwa so »naiv« wie der Staatsfunk, wenn er Rufmord gegen Merkelgegner ausstrahlt. – Wäre nicht die wahre Naivität, heute noch zu glauben, dass die alle nur »naiv« sind?
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Wenn man dem Urteil jener drei Schreiber folgt, welche den Text »Angela Merkels China-Illusion« verfassten (welt.de, 9.5.2021, hinter Bezahlstacheldraht), und wenn man es weiter zeichnet, dann wäre Deutschlands Machthaberin in Konsequenz zwar gutmeinend, aber flapsig gesagt wohl leider »etwas blöd« bei ihrer im Amtseid beschriebenen Kernaufgabe.

»Die EU hält über Jahre an einem umstrittenen Abkommen mit China fest – und erkennt viel zu spät Pekings wahre Absichten. Treibende Kraft: Angela Merkel«, so heißt es in der Einleitung jenes Textes. »Seit ihrem Amtsantritt 2005 ist sie fast jedes Jahr nach China gereist«, so stellt man fest, und dass sie die Staatschefs getroffen hat, und eigentlich deren Ziele verstehen müsste.

Doch dann wundert man sich ganz unschuldig, warum Merkel das »Investitionsabkommen« mit China vorantreiben will, das doch China »offene Türen« nach Europa sichert (und womöglich sogar Chinesen an die Spitze deutscher Parteistiftungen setzt; kein Scherz, siehe welt.de, 9.5.2021) – während man Chinas Türen auf schlaue Art geschlossen hält (grob und aus anderen Quellen gesagt: China kauft den Westen nach westlichen Regeln auf – wie es auch nach westlicher Meinungsfreiheit im Westen seine Propaganda treibt – aber der Westen soll nur in Kooperationen investieren, was China die Macht über diese Kooperationen und westliches Know-how dazu sichert – wie auch die öffentliche Debatte in China streng kontrolliert wird, und westliche Soziale Medien für die »untechnische« Öffentlichkeit blockiert bleiben). Dass man sich über die Handlungen der »Jungkommunistin« (Zitat Lafontaine) in Sachen China wundert, das setzt ein wohl berufsbedingt sehr kurzes Gedächtnis voraus, das praktisch alles Regierungshandeln der letzten eineinhalb Jahrzehnte inklusive des gesamten Jahres 2015 ausblendet.

Man notiert (welt.de, 9.5.2021 (€)) denkbar unaufgeregt ob des Abgrundes, der sich unter dieser banal klingenden Feststellung auftut: »Allmählich dämmert den Europäern: Die Strategie »Wandel durch Handel« war naiv.«

Die naive Staatskunst

Ich habe mich selbst schon der Technik bedient, ein Wort zu sagen, dass derart offensichtlich das falsche Wort an dieser Stelle ist, dass es doch genügend Lesern auffallen muss – und ich kann mich an kein Mal erinnern, dass meine Leserschaft mich enttäuscht hätte. Jedes Mal haben mich einige Leser darauf hingewiesen, dass an jener Stelle ein anderes Wort doch richtiger wäre – vielleicht sogar ein ganz anderes, und vielleicht sogar das Gegenteil.

(Randnotiz: Die Beziehung zwischen Autor und Leser ist eben das: eine Beziehung, zwischen Menschen, mit vielen Eigenschaften wie andere Beziehungen auch, mit Hochphasen und dann wieder Missverständnissen, jedoch statistisch wohl mit weniger »Scheidungen«, vermutlich weil sich Autoren wie Leser meist an ihre traditionell bewährten Rollen halten – der Markt regelt das. Ende der Randnotiz, zurück zu Chinas Klugheit und unserer »Naivität«.)

Dieses Wort »naiv« scheint mir in der Sache derart fehl am Platze, es lodert in seiner Unangebrachtheit geradezu in jenem Satz und sticht wie eine Flamme aus dem gesamten Text heraus, dass ich schlicht vermuten muss, dass die Autoren es bewusst dort hin- und in-Flammen-setzten, damit es uns eindeutig auffällt.

Können die lupenreinen Demokraten von Berlin und Brüssel wirklich alle so »naiv« sein? Hat in deren superbezahltem Beraterstab wirklich niemand auch nur die populären China-Bücher von Kissinger oder Schmidt gelesen? (Anders als die Chinesen können die doch bei Google (hier auf Englisch) nach Listen von Büchern über China suchen.)

Von außen nicht zu unterscheiden

Vor drei Jahren schrieb ich den Essay »Sind die dumm oder böse? Macht es überhaupt einen Unterschied?«, und darin heißt es in der Einleitung:

Dummheit und Bosheit sind von außen nicht zu unterscheiden; sie haben die gleichen Folgen und wir sollten sie gleich bewerten. (erster Satz des Intros zum Essay vom 23.05.2018)

Ja, es ging um die von der sogenannten CDU bereitgestellte Kanzlerin, und um deren Fake-Unwissenheit, und der Text schloss dann so – der Rest dieses Abschnitts übernimmt die letzten Absätze jenes Essays, und dass es so nahtlos funktioniert, ist kein gutes Menetekel für unsere Zeit:

Ich weigere mich aber vollständig, Politik zu entschuldigen, die aktiv gegen ihren Amtseid zu verstoßen scheint – und dann tut, als habe sie all das nicht gewusst, es gäbe »keine Verbindung« et cetera. Wenn der Bürger seine Heimat verliert, ist ihm reichlich egal, ob die politische Handlung, die dazu führte, »dumm« oder »böse« war.

»Wenn das der Kaiser wüsste!«, so rief man einst, nicht nur in Wien. Der Hörer aber fragte und fragt sich: Ja, was wäre dann, bitteschön?

»Wenn das die Kanzlerin wüsste«, mag man heute ausrufen, »und wenn sie außerdem wüsste, dass sie an den Zuständen ein gerüttelt Maß an Schuld trägt!«

Der Hörer antwortet: Sie weiß es. (»Ist mir egal«, sagt sie dazu.)

Dummheit und Bosheit sind von außen nicht zu unterscheiden; sie haben die gleichen Folgen und wir sollten sie gleich bewerten.

Sägewerkarbeiterhand

Erlauben Sie mir bitte eine »Verschwörungstheorie«: Jene Dschournalisten wissen genau, wie absurd es ist, der Zerstörerin Deutschlands solche Ahnungslosigkeit vorzuwerfen – sie belegen ja ihre Kompetenz in der Sache gleich zu beginn – doch wenn sie die wirkliche Wahrheit sagen würden, wären die Tage ihrer weiteren Karriere im Propagandastaat Deutschland womöglich auf der linken Hand eines Sägewerkarbeiters zu zählen, selbst in der nach allen Seiten blinkenden Redaktion des Autofreundes Poschardt.

Ist diese Theorie »zu wild«? Ist sie gar eine »Verschwörungstheorie«? Wir leben in Zeiten, in denen manche wilde sogenannte »Verschwörungstheorie« wahr wird. (Und weil die Propaganda erkannt hat, dass Verschwörungstheorien eine nach der anderen wahr werden, versucht man im Geist der Gleichschaltung und doch recht hilflos, wenigstens den Begriff für diese in »Verschwörungsmythen«, »-legenden« oder »-erzählungen« zu verändern, und liefert uns damit nebenbei ein einfaches Propaganda-Schibboleth.)

(Nebenbei: Der Ärztetag fordert aktuell übrigens, auch Kinder zu impfen, de facto zwangsweise, oder wie es wörtlich heißt: »Das Recht auf Bildung mit Kita- und Schulbesuch kann im Winter 2021/2022 nur mit einer rechtzeitigen COVID-19-Impfung gesichert werden.«; Beschlussprotokoll 4./5. Mai 2021, via bundesaerztekammer.de (PDF) – Nein? Doch! Oh!)

Impfungen und Fluglisten

Die Zeitspanne zwischen der Phase, wenn eine plausible Erklärung oder Vorhersage noch als Verschwörungstheorie gilt, und dem Zeitpunkt, ab dem sie plötzlich eine ganz selbstverständliche Nachricht wird, wird zuletzt immer kürzer (vergleiche Lockdown, Grundrechte-Verlust et cetera) – wir haben anderswo darüber gesprochen.

Was ich jedoch nicht erwartet hätte, war der Fall, dass diese Zeitspanne tatsächlich kleiner als Null werden kann: Wir haben jüngst von der Scheidung des Impfprofis und Epstein-Fluggastes Bill Gates gehört. Mancher mag sich sarkastisch gedacht haben: »Ob Melinda etwa Probleme mit möglichen Epstein-Verbindungen ihres weltimpfenden Gatten hatte?« – Bevor sich aber jemand (von dem ich gehört hätte) die Mühe machen konnte, entsprechende Verschwörungstheorien über den sarkastischen Gedanken hinaus zu formulieren, lesen wir aktuell, dass Melinda Gates sich schon 2019 mit Anwälten traf, und dass ein nicht unwesentliches Thema für sie wohl die Verbindungen des Microsoft Co-Gründers zu Jeffrey Epstein waren (wsj.com, 9.5.2021). – Nein? Doch! Oh!

Wir betrachten auch in Sachen »Merkel und China« die Linien, und wir ziehen sie in Gedanken und Argumenten weiter, so weit es absehbar ist, und in der Angelegenheit von China habe ich sie etwa im Juli 2020 so weit gezogen, dass ich das Ziel in zwei Wörtern (und dazu natürlich einem ganzen Essay) formulieren konnte: »Chinas Kolonie«.

Mir würden manche Worte für Merkels Tun einfallen. Wenn sie aber Beamte zur Arbeit über Weihnachten antreibt und alle Hebel in Bewegung setzt, um de facto möglichst viel für China rauszuholen, dann ist »naiv« vielleicht nicht das richtige Wort. Vielleicht braucht es für das Treiben von Merkel und ihren Helfern ein sehr anderes Wort als »naiv«.

Was tun?

Was soll der Bürger tun, in einer Zeit, in welcher Merkels Gegner in Propaganda-Sendungen des Staatsfunks öffentlich übelst fertiggemacht werden – natürlich, in Abwesenheit, wie es auch in einem totalitären Propagandastaat passieren könnte – weil sie es wagten, den Lügen der Kanzlerin öffentlich zu widersprechen? (Ja, wir denken hier an den widerlichen Rufmord-Versuch bei »Anne Will« gegenüber Maaßen; siehe tichyseinblick.de, 10.5.2021: »Ohne Belege jemanden des Anti-Semitismus zu beschuldigen? Bei Anne Will ist das möglich. Luisa Neubauer, Aktivistin der Grünen und von Friday for Future greift zur übelsten Methode – und die Moderatorin schweigt dazu. Es ist ein Vorgeschmack auf die Wahlkampfstrategie des Gebühren-Senders.«)

Was soll der Bürger tun, wenn Wahrheit von dubiosen NGOs kontrolliert und definiert wird (siehe Essay vom 8.5.2021), wenn die Propaganda schon lange keine Scham mehr kennt, und man es via Nominierung der erkennbar ungeeignetsten Kandidaten darauf anzulegen scheint, die westliche Demokratie bereits als Idee vollständig lächerlich zu machen?

Über den Morast

Ich will es wagen, hier etwas zu tun, was heute zugleich so schwer fällt wie schon lange nicht mehr, doch wenn man es einmal versucht, sich überraschenderweise so selbstverständlich und wohltuend anfühlt, dass man sich fragte, warum man es nicht viel früher tat!

Ich will versuchen, heute neu den Kopf und den Blick über diesen Schlamm zu heben, durch den wir heute waten, und dann hinüber zu unserem eigenen Horizont zu blicken.

Wenn Sie mir bis hierhin durch diesen Essay (und in diesen Morast-den-wir-Realität-nennen) folgten, dann versuchen Sie doch auch die nächsten und schließenden Absätze durchzuarbeiten – und wenn dieser Essayist weiß, was er tut, dann könnte es sich etwas später als lohnend erweisen.

Genug der Vorrede zur Schlussrede – im Versuch, den Kopf über und aus Schlamm, Morast und Unterholz zu heben, will ich zwei sehr grundsätzliche Fragen beantworten!

Wer nicht dumm, böse oder allezeit abgelenkt ist (was im Endeffekt oft dasselbe ist), der fragt sich gelegentlich, was der »Sinn des Lebens« sei. Die Antwort lautet: Du musst selbst erklären, welchen Sinn du deinem Leben gibst, doch es hat sich gezeigt, dass diejenigen, die ihrem Leben gewisse Arten von Sinn gaben – es hat mit relevanten Strukturen zu tun – zuletzt viel zufriedener mit ihrem Leben waren und dieses derart als sinn-voll bewerteten.

Wenn wir aber vom Sinn reden, so scheint mir ein damit verwandter, aber unterschiedlicher Begriff nicht weniger wichtig und nicht vom Sinn des Lebens trennbar; es ist das Ziel.

An welchem Ziel soll der Mensch ankommen wollen? Ich meine Ziel hier so buchstäblich wie möglich: Wo soll sich der Mensch befinden, damit er zuletzt zufrieden sein kann, und sagen kann, er sei »am Ziel angekommen«? – Die Antwort lautet: Das Ziel ist es also, wo du ankommen willst, zuletzt wenigstens ein klein wenig zu verstehen, worum es in diesem deinem Leben überhaupt ging.

Ob dein Sarg aus Gold geschmiedet oder aus Sperrholz gezimmert sein wird, ob du dir ein marmornes Mausoleum baust oder der Staat dir deine tönerne Urne bezahlen muss, ob nach dir ein Volk bleibt oder ein unbezahlter Deckel in der Kneipe, die letzte Frage, die du dir stellen wirst, könnte sehr gut lauten: Worum ging es eigentlich die ganze Zeit? Wer und was war es, der sprach, als ich »ich« sagte und was meinte »ich« damit? – Kein Zeitpunkt ist zu früh und dieser Zeitpunkt ist genau richtig, um die Suche zu beginnen, um herauszufinden, worum es die ganze Lebenszeit über geht.

Welchen Sinn hat dieser Sumpf, dieser Morast, durch den wir waten, den wir unsere Realität nennen? Ich gebe diesem Morast den Sinn, mich zu lehren, den Kopf und den Blick zu heben.

Zuletzt werde ich mich fragen, worum es die ganze Zeit über ging. Doch auch heute schon ist die Frage, ganz konkret und aktuell nicht weniger brennend, worum es überhaupt eigentlich geht!

Ich glaube denen-da-oben nicht, dass sie wirklich so »naiv« sind. Und also sollten Sie und ich uns auch keine Sekunde erlauben, in dieser und in anderen Angelegenheiten so »naiv« zu sein.

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