23.12.2020

Lastkraftwagen an der Grenze

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Maisie Johnson (Dover Castle in Dover, Großbritannien)
Tausende LKWs warten in Großbritannien darauf, nach Frankreich einreisen zu dürfen – und darin die Trucker. Offiziell ist es wegen des Mutantenvirus, doch es riecht nach Brexit-Rache – zu Weihnachten! Was stimmt mit Macron nicht?!
brown concrete building on green grass field during daytime
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Als hätten die Franzosen das petit malheur von Waterloo nie verwunden, hat Monsieur Macron kurz vor dem Weihnachtsfest im Horrorjahr 2020 seinem britischen Amtskollegen Mr. Johnson die Tür vor der stiff upper lip zugeschlagen; konkret: den frechen Brexitern nicht nur, wie Deutschland auch, den Personenverkehr unterbunden – wegen des neuen im Land des Five-O-Clock-Teas grassierenden Mutantenvirus – sondern auch und extra schmerzhaft den Güterverkehr (siehe etwa welt.de, 22.12.2020).

In Dover am Ärmelkanal etwa warteten die Lastkraftwagen teils mehrere Tage lang, und die LKW-Fahrer sind teils, äh, etwas ungehalten (thesun.co.uk, 23.12.2020). Inzwischen wurde die Blockade gelockert, doch die Fahrer werden noch weitere Tage lang festsitzen – während Macron in goldenen Gemächern feinen französischen Weihnachtswein schlürft.

Offiziell wurden die Grenzen zu Großbritannien wegen der neuen Virus-Mutation geschlossen (es bleibt erstaunlich, dass das nun plötzlich möglich ist, siehe Essay vom 22.12.2020). Herr Drosten »zeigt sich besorgt über neue Virusmutation« (so welt.de, 23.12.2020), dem widerspricht allerdings Herr Drosten: »Kein Grund für eine akute Besorgnis« (so bild.de, 22.12.2020)

Nicht nur in Großbritannien wird vermutet, dass die harsche Blockade durch Macron nicht nur der Sorge um die Gefahr durch das mutierte Virus für seine zur besonders gefährdeten Gruppe gehörende Lateinlehrerin und Ehefrau geschuldet ist. Emmanuel »Jupiter« Macron könnte die Briten »spüren lassen« wollen, wie sich ein »No-Deal-Brexit« seiner Meinung anfühlen soll (die Briten jubeln dennoch, die »Brussels shitshow« bald ganz los zu sein spiked-online.de, 18.12.2020) – und das Stichwort hier ist »anfühlen«.

Frage, Antwort

Ich weiß ehrlich nicht, welchen bundesweit prominenten deutschen Politiker in Verantwortungsposition ich noch »konservativ« oder »liberal« (oder beides) nennen würde. Unter den einfachen Bürgern und Kommunalpolitikern (und den freien Denkern!) allerdings ließen sich durchaus noch einige finden, die das konservative Etikett ausreichend glaubwürdig hochhalten, und diese sind erstaunlich hilflos, ja sogar blind, wenn es ums Thema »Emotion« in der Politik geht.

Konservative Bürger wollen »vernünftig« handeln und erwarten solche Handlungen von der Politik. Wenn Politiker dann mit Psychotricks operieren, halten sie es für »Kinkerlitzchen« und nicht ihrer würdig – ein Irrtum (auch und gerade in eigener Sache), der die wirklich Konservativen auf absehbare Zeit in die Unbedeutsamkeit verbannt.

Frage: Was an der Politik ist Emotion? – Antwort: Alles.

Konservative, die sich vielleicht Rechtsstaatler nennen, mögen hier Gesetze oder sogar Prinzipien hochhalten, doch was sind Gesetze denn anderes als geronnene gemeinsame (Moral-) Emotion?

»Ha«, könnte mir denn einer widersprechen, »es geht nicht um Gefühle, es geht um Macht und Geld!« – Und ich frage lapidar zurück: »Was ist denn der Wert von Macht und Geld, als diese oder jene Gefühle, die sie bewerkstelligen?«

Der Kampf um den Brexit, der Kampf gegen Covid und die Reaktionen auf das mutierte Virus (das je nach Drosten und Zeitung ein Anlass zur Sorge ist oder auch nicht), all das mündet in Gefühle.

(»Ich will nichts mit diesen Emotionen zu tun haben«, seufzt der Konservative, ich will einfach nur vernünftige Politik, damit ich Zeit habe, mich um meine Familie und was mir sonst wichtig ist zu kümmern!« – … und ich frage zurück: »Warum willst du dich um deine Familie kümmern? Richtig: Deiner Gefühle wegen.«)

Halbe Fahrstunde von Brüssel

Es mag in London eine U-Bahn-Station namens »Waterloo« geben (benannt nach der angrenzenden Waterloo Road, welche benannt ist nach der Waterloo Bridge, welche dann endlich nach jener Schlacht vom 18. Juni 1815 benannt ist), und spätestens seit dem Abba-Song gleichen Titels haben wir die britische Aussprache jenes Ortsnamens im Kopf, und so könnte der Aufmerksamkeit entgleiten, dass Waterloo eigentlich weder in Frankreich noch in Großbritannien liegt, sondern (heute) in Belgien, eine halbe Fahrstunde von Brüssel entfernt, wo die EU-Bürokraten ganz wuschige Gefühle entwickeln, wenn sie europaweit das »richtige« EU-Gefühl festlegen dürfen.

Es ist kein Geheimnis, dass die Manipulation der eigenen Gefühle wie jener des Gegners ein ganz wesentlicher Teil der Kriegstrategie ist. Manche Niederlage wirkt sogar lange über ihr geschichtliches Datum hinaus. (1998 forderte ein französischer Politiker vom damaligen britischen Premierminister Tony Blair, man möge doch bitte die Station Waterloo umbenennen, denn es sei demütigend für französische Touristen, bei der Ankunft in London mit dem Eurostar-Zug jedes Mal an Napoleons Niederlage erinnert zu werden; siehe news.bbc.co.uk, 6.11.1998. Es wurde ihm abgelehnt. Es ist zu vermuten, dass er, ähnlich wie Napoleons General Pierre Cambronne vor der absehbaren Niederlage, daraufhin ein kräftiges, emotionales »Merde!« ausrief.)

Konservative, die sich zufrieden (also: emotional) in ihr wertiges Auto setzen, geparkt vor ihrem Einfamilienhaus, in welchem sie sich geborgen fühlen, die sich ja auch mal Patrioten nennen (was ja Gefühle für die Heimat impliziert), verlieren sich beim Thema Politik in der Illusion, da ginge es plötzlich nur um Vernunft. Die großen Machtmenschen sind ja nicht weniger emotional als die Hin-und-her-Getriebenen – im Gegenteil! – sie sind aber viel fokussierter darin, worauf sie ihre Gefühle richten.

Die Motivation und das Fundament aller Politik ist Emotion. (Und wenn es anders wirkt, dann ist es die Emotion anderer, wichtigerer und vielleicht weniger sichtbarer Leute.)

In diesem Sinne ist Politik die Fortsetzung und Spiegelung unseres eigenen Lebens und der Existenz selbst, wenn auch auf weit höherer, weit komplexerer Ebene. Nicht nur gefühlt sind solche elenden Rachespiele auf dem Rücken der Brummifahrer eine überzeugende Demonstration, warum es geradezu eine moralische Notwendigkeit ist, sich von der moralisch übelriechenden EU zu lösen.

Es ist am Ende des irren Jahres 2020 extra okay, gefühlvoll zu werden – vielleicht sogar mitfühlend mit den Brummifahrern in Dover! Deren Weihnachten wird sich zu Tausenden echt nicht gut anfühlen, damit Macron sich richtig mächtig fühlen kann, vielleicht sogar irgendwelche Brexit-Rachegefühle an ihnen ausleben kann.

Ich wünsche Ihnen, Ihren Lieben und allen Lastkraftwagenfahrern an der Grenze ein emotional zumindest erträgliches, vielleicht sogar richtiggehend schönes Weihnachtsfest.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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