10.12.2021

In welcher Hinsicht?

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Alaeddin Hallak
Die Regierung ein Kasperletheater, die Redaktionen ein Abgrund verkommener Willfährigkeit. Es sind dumme Zeiten fürwahr – aber daraus erwächst doch die Pflicht, selbst als Einzelner endlich KLUG zu werden!
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Eine Rose kann nicht in selber Hinsicht rot und nicht-rot sein, so haben wir gelernt. Daraus aber scheint zunächst zu folgen: Eine Rose ist rot, oder sie ist nicht rot. Tertium non datur, eine dritte Möglichkeit darf es nicht geben – oder?

Die logische Zauberformel jener Rosenwahrheit besteht aus den drei Worten »in gleicher Hinsicht«.

Eine Rose kann ja mehrfarbig sein, dann ist sie rot und doch auch nicht-rot, oder man betrachtet die Blüte und die Blätter, und so weiter; eine Rose kann jede beliebige Farbe und zugleich auch eben nicht-diese-Farbe tragen, doch sind dann eben die Hinsichten der Farben verschieden.

Von der Rose zu den Zeiten

Von der Königin der Blumen, also reichlich monarchischen Angelegenheiten, zu den Niederungen der (nicht minder stachligen) demokratischen Realität: Wie steht es um die Zeiten, mit der Politik, mit der Gesellschaft, und mit den Hinsichten?

Ich will es gleich sagen: Auch die Zeit, in der wir leben, kann gewisse wichtige Eigenschaften zugleich aufweisen und nicht-aufweisen. Wieder gilt: Es kommt drauf an, welche Hinsicht deiner Zeit du betrachtest!

Zweifel am System

2018 betitelte ich einen Essay: »Vorabend der Idiokratie«. Wir sind heute drei Jahre weiter.

Wenn ich mir vollständig sicher wäre, dass die Figuren der neuen deutschen Regierung viel zu sagen hätten, dann müsste ich wohl hysterisch lachen und doch zugleich panisch werden, beides wohl in ähnlicher Hinsicht und im Bezug auf dieselben Tatsachen – ach, die Augsburger Puppenkiste könnte ein nicht weniger kompetentes Kabinett stellen.

Deutschland bleibt sich immerhin darin treu, dass der Posten des Außenministers, wohlgemerkt Chefdiplomat und Deutschlands Gesicht für die Welt, die peinlichste Person ist, die sich in den an peinlichen Personen nicht armen Berliner Fluren auftreiben ließ. Demokratie mag ihre Vorteile haben, doch wenn Wahlen und Koalitionsbildung zuverlässig Witzfiguren nach oben spülen, dass man sich dafür als Bürger schämt und als Ausländer wundert, dann könnte das durchaus grundlegende Zweifel am demokratischen System wecken.

Die Zeiten sind, was den demokratischen Westen betrifft, reichlich dumm, und in dieser Hinsicht wohl hoffnungslos, das ist wahr – aber diese Hinsicht ist nicht die einzige und auch nicht jede Hinsicht!

Noch immer eine Sensation

In genau diesen Zeiten und genau dieser Gesellschaft gibt es noch immer gute Aspekte und kluge Möglichkeiten für den eigenen Lebensentwurf, wenn auch in anderer Hinsicht, als man es vielleicht »für gewöhnlich« auf dem Radar hat.

Ein Beispiel: Für heutige Jugendliche mag es selbstverständlich wirken, dass praktisch alles Wissen der Welt frei oder sehr günstig verfügbar ist – für meine Generation (und im Kontext der Menschheitsgeschichte…) ist das weiterhin eine Sensation!

Mit einem durchschnittlichen Computer und einem durchschnittlichen Internetanschluss können Sie sich selbst und ihre private Zukunft grundsätzlich zum Besseren wenden. Sie können Künstler oder Mathematiker werden, Programmierer oder Unternehmer, weltweit gelesener Autor oder Filmemacher mit Millionenpublikum. Internetplattformen bieten für gratis oder 10€ Kurse an, mit denen Sie realistisch und konkret Fähigkeiten erwerben, für die man bis vor wenigen Jahren zigtausende oder gar hunderttausend Euros an exotischen Universitäten gezahlt hätte. (Ein Unterschied allerdings: In der alten Universität werden die Studenten quasi »zum Lernen gezwungen«, in Online-Kursen muss sich der Lernende selbst zwingen – jeden einzelnen Tag.)

Die neuen Möglichkeiten müssen ja nicht nur praktisch und geldwert sein! Ja, manche Hinsichten des Lebens bleiben wichtiger als Geld (solange das irgendwie anders vorhanden ist).

Alle Philosophien und Weisheitsschriften, welche die Menschheit je hervorbrachte, stehen dir nur jeweils wenige Klicks entfernt zur Verfügung. Es mögen dumme Zeiten sein, doch wenn du in diesen dummen Zeiten selbst dumm bleibst, dann ist das eigentlich deine bewusste Entscheidung.

Und, es ist auch nicht »nur« die Möglichkeit des Lernens: Wer heute wirklich und mit ganzem Willen in einen anderen Teil der Welt ziehen will, der kann es zumeist auch tun (wenn er nicht gerade in Nordkorea lebt, und selbst von da sind schon Menschen geflohen).

Du kannst heute werden, was du willst, und du kannst wohnen, wo du willst, wenn auch beides einigen Aufwand und persönlichen Einsatz voraussetzt, kein Zweifel.

Wenn du dich aber heute nicht dazu entscheidest, klug zu werden und Wissen zu erwerben, dein Denken erst zu erweitern und dann zu ordnen, dann ist das eine Entscheidung, an welcher »die da oben« definitiv keine Schuld tragen – nicht mit aller Kraft klug zu werden, das wäre deine Entscheidung und damit auch deine Verantwortung.

Kasperle und du

Diese Zeiten sind dumm, okay. Die neue Regierung wird wohl ein Kasperletheater sein, und man fragt sich lauter denn je, aus welchen moralischen Latrinen der Prinzipienlosigkeit die deutschen Redaktionen ihr schmieriges, buckelndes Personal rekrutieren. Stimmt alles – und nun?

Ja, die Zeiten sind blöd und elend – doch nicht in jeder Hinsicht!

Wenn deine Glückshoffnung davon abhängt, dass Regierungen und Journalisten endlich ein Gewissen entwickeln, dann wirst du in dieser Realität und in diesem Leben nicht froh werden.

Ich rate uns heute dazu, uns selbst ein Leben und eine Lebensphilosophie einzurichten, die beide so wenig wie möglich darauf angewiesen sind, was Politiker und Journalisten tun oder sagen.

Nein, es wird nicht einfach sein, schließlich bestimmen Politiker (mehr oder weniger) wie unser Alltag und unser Land aussieht. Konzerne und Propaganda wollen uns ablenken, wollen uns träge und gehorsam und praktisch dumm halten. Es ist nicht einfach, klug zu werden – sonst wären nicht so viele so dumm – doch es ist auch nicht unmöglich!

Wir werden uns von gewissen Dingen, Umständen und Gewohnheiten verabschieden müssen, wenn wir klug werden wollen. Selbst die Lebenszeit eines Methusalem ist begrenzt, selbst die Ressourcen eines Bezos sind nicht unendlich. Du und ich aber sind weder der eine noch der andere.

Jeden Abend

Sind dies die dümmsten Zeiten? Ist die Rose rot? Ja, gewiss, doch nicht zwingend in jeder Hinsicht!

Dies mögen dumme Zeiten sein, und Verzweiflung darüber schwingt mit in jedem unserer Sätze, doch dies sind auch die Zeiten, in denen du klug und weise werden kannst, weil dir alle Quellen der Menschheitsgeschichte zur Verfügung stehen!

(Fast) alles Wissen liegt nur ein zwei Klicks weit entfernt. Es liegt an dir. Es liegt zuerst und zuletzt und ausschließlich an dir, ob du klug wirst. Erst klug und dann weise und dann auch endlich (oder wieder!) mutig.

In Jahren und Tagen

Eine Rose kann in der einen Hinsicht rot sein und in einer anderen Hinsicht nicht-rot.

In der einen Hinsicht bin ich heute selbst der Verzweiflung nahe, und wer heute nicht zumindest ein klein wenig verzweifelt ist, zu dessen Gewissen und Verstand hätte ich ein paar kritische Fragen.

In anderer Hinsicht aber spüre ich heute die Energie und sogar die nötige Lust, täglich die verfügbaren alten Quellen anzuzapfen, um so an meiner Klugheit zu arbeiten.

Egal was die Politikerbande und ihre Hinterleute mit uns anstellen, meine erste Aufgabe muss doch bleiben, am Abend etwas weniger dumm schlafen zu gehen, als ich am Morgen wach wurde.

Täglich etwas weniger blöd werden, täglich etwas klüger sein, dann wird auch manches andere uns einfacher fallen – dann wird sich auch manches andere wie von selbst ergeben.

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