2.9.2020

Sarrazin und die Andersartigkeit der Jecken

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Foto von Andrew Keymaster
Ich wäre heute lieber in Minsk (Weißrussland) unterwegs als in Malmö (Schweden). Spätestens wenn eine oppressive Diktatur sich sicherer und menschlicher anfühlt als die maximal gelebte Toleranz, wissen wir, dass der Toleranz-Wahn gescheitert ist.
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Der Herr Sarrazin wurde aus der SPD ausgeschlossen (das war natürlich auch eine Meldung für tagesschau.de, 31.7.2020). Nach aktuellem Stand hat man ihm die schriftliche Begründung nicht nachgeliefert (@drumheadberlin, 31.8.2020). Natürlich weiß man in jenem Haus, welches allein durch sein entsprechendes Benanntsein täglich neu den Namen Willy Brandts schändet, natürlich fürchtet man im Sozenpfuhl, dass die Begründung des Sarrazinrauswurfs nur eine intellektuelle Peinlichkeit sein kann, eine parteidemokratische Zumutung ohnehin (zuweilen ahnt auch der geistig Blinde, dass er blind ist) – also zögert man es heraus (oder man wird, wenn man bei aller dumpfen Bosheit einen Rest eingeübter Schläue besitzt, es am Abend vor einem langen und/oder aufregenden Wochenende platzieren, auf dass es sich »versendet«). Es geht um Deutungsmacht (ausgeübt von Leuten, denen »Deutungsmacht« zwei Silben zu viel hat), vielleicht haben wir es sogar mit der Angst der Lügner vor der Entlarvung zu tun. Natürlich müsste ein Helmut Schmidt nach denselben Kriterien posthum ausgeschlossen werden. Natürlich ergibt vieles wenig Sinn bei Merkels aktuellen Schemelhaltern.

Herr Sarrazin hat nun ein neues Buch vorgelegt. Es trägt den Titel »Der Staat an seinen Grenzen« (welch feine Doppeldeutigkeit!); es ist, wie üblich, eine kalkulierte Provokation (ich bin guter Dinge, dass auch Verlag wie Autor die Unternehmung für sich kalkuliert haben).

Nebenbei: Einige der 1-Stern-Kommentare bei Amazon illustrieren die Gedankengänge der »besonders braven« Bürger im Propagandastaat Deutschland, etwa wenn der vollständige Kommentar, am 1. September 2020 gepostet, also am 1 Tag nach Erscheinen (und der bis dahin einzige Kommentar des anonymen Nutzers »omar«), wie folgt lautet: »Im Buch find ich nur Rassistische Hetze nicht mehr oder weniger« (sic!, siehe amazon.de).

Herr Sarrazin gibt nun Interviews, und er bewirbt sein Buch – so weit so üblich. Über einem Interview-Artikel (und so ähnlich auch in Artikeln über den Interview-Artikel) steht der klickbewusste Titel wie: »Thilo Sarrazin: ›Einwanderung fast immer sehr nachteilig für die Einheimischen‹« (theeuropean.de, 31.8.2020)

Was diese Überschrift zum Klickmagneten macht, zum vielgeteilten Skandalon, ist natürlich der Absender: Herr Sarrazin. Stünde »Frau Merkel«, »Frau Hayali« oder »Herr Habeck« drüber, klängen dieselben Worte (und wohl auch die folgenden Interviews/Texte) gewiss anders, hätten weniger »Biss«.

Wo »Sarrazin« draufsteht, da erwartet der Leser, dass auch Sarrazin drin ist.

Sarrazin liefert, seit vielen Jahren schon, zuverlässig.

Sarrazin sammelt Fakten und formuliert naheliegende Interpretationen. Was Sarrazin sagt, hätte man vor wenigen Jahrzehnten noch mit einem halbgelangweilten, aber doch zustimmenden Kopfnicken quittiert. Was Sarrazin schreibt, das ist selten auch nur halb so heftig wie einiges dessen, was der Studienrat mit Spiegel-Abonnement noch vor kaum mehr als einem Jahrzehnt allwöchentlich im Briefkasten vorfinden konnte, ohne deshalb gleich vom moralischen Herzkasper niedergestreckt zu kollabieren (die Klickprofis von Buzzfeed.de haben da 2015 mal was vorbereitet).

Sarrazin hat in seinem Buch, sagt er, »nur geschaut, wie sich Einwanderung in der gesamten Menschheitsgeschichte vollzogen hat. Sie ging meist mit Eroberung Hand in Hand und war selten gewaltfrei. In den allermeisten Fällen war sie mit schweren Nachteilen für die einheimische Bevölkerung verbunden.« (theeuropean.de, 31.8.2020)

Heute, im wirren Jahr 2020, wirken die sarrazinschen Ausführungen auf mich wie eine geradezu klinisch reine und hoch präzise Aktionskunst: Sarrazin »haut was raus«, und das Rausgehauene ist meist »nur« etwas, das leicht prüfbar ist oder schlicht eine banale Schlussfolgerung darstellt. Hauptberuflich Aufgeregte regen sich auf (dafür werden sie ja bezahlt – oder hoffen, dafür bezahlt zu werden), und sie versuchen (schlauerweise) noch nicht einmal, Herrn Sarrazin zu widerlegen – sie greifen sofort nach dem bereitgestellten Dreckkübel, auf den sie in ungelenken Lettern »Moral« gepinselt haben.

»Jede Jeck es anders«

Im Schatzkästchen Kölner Weisheiten finden wir einen Spruch, den sowohl Sarrazin als auch seine Gegner zitieren könnten, wenn sie ihn wohl auch verschieden deuten werden, und diese Kölsche Weisheit lautet:

Jede Jeck es anders. (aus dem Kölschen Grundgesetz)

»Jeck« ist die rheinländische Version von »Geck« – und »Geck« steht für einen, der auf lächerliche Weise – etwa durch extravagante Mode – auf sich aufmerksam machen will. Ein Jeck ist natürlich auch einer, der schlicht gern und aktiv im rheinischen Karneval feiert – und, in etwas schillernderer Konnotation, ein Verrückter. Man könnte also auch sagen: Jeder Verrückte ist anders! (Und sind wir nicht ein jeder auf seine eigene Weise »jeck«?)

Ist der Satz von der jeweiligen Andersartigkeit der Jecken eine »Toleranz-Botschaft«, wie man als Bürger des linksgrünen Zeitalters zu denken dressiert sein könnte?

Nun, nicht nur die lieben Herren Juristen antworten gern mit: Es kommt drauf an!

Aufs Ertragen ausgerichtet

Ich wage es heute (wieder), eine These zu formulieren – und wer dieser These widerspricht, der soll doch bitte sich (und uns) gern die Empörung ersparen – er/sie/es möge uns allen doch bitte Zeit sparen und gleich überprüfbare (und nachhaltige!) Gegenbeispiele vorlegen – die These lautet: Es gibt keine tolerante Gesellschaft.

Es gibt keine tolerante Gesellschaft, zumindest keine stabile, keine »tolerante Gesellschaft«, in welcher mensch wirklich leben möchte, keine die auch nur schematisch oder gar nur in der Richtung aktueller Entwicklungen dem Ideal entspricht, das linksgrüne Journalisten und Funktionäre im Komfort ihrer wohlabgeschirmten Restaurants und klimatisierten Büroflure erfinden.

Eine Gesellschaft, die in ihrer Grundstruktur ernsthaft aufs Ertragen ausgerichtet ist wird zerbrechen. Man denke etwa an die aufs Ertragen angelegten sozialistischen Staaten, die ja immer, zuverlässig und ausnahmslos zerbrechen (oder sich beizeiten in etwas sehr anderes verwandeln – siehe China).

Randnotiz: Betrachten wir doch die Bilder aus toleranten vs. intoleranten Gesellschaften! Vergegenwärtigen wir uns etwa die Bilder aus dem ultrahypertoleranten Malmö, wo junge Männer™ ihre individuelle Geschmacksrichtung von Meinungsfreiheit ausleben (es ist so übel dort, dass es einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat: »2020 Sweden Riots« und selbst von linksglobalistischen Einpeitschern wie theguardian.com, 29.8.2020 erwähnt wird), und vergleichen wir sie mit den Bildern aus Weißrussland (theguardian.com, 14.8.2020). Hand aufs Herz: Was macht Ihnen weniger Angst? Wenn sie die Wahl hätten (und nur diese Wahl), würden Sie lieber mit den Demonstranten in Minsk demonstrieren (was bedeutet, dass sie in einer Diktatur leben und die Polizei Sie verfolgen kann), oder würden Sie lieber unter die Demonstranten in London, Oslo oder Stockholm geraten?

Ich wäre heute lieber in Minsk unterwegs als in Malmö. Spätestens wenn eine autokratische Diktatur sich sicherer und menschlicher anfühlt als die maximal gelebte Toleranz, wissen wir, dass der Toleranz-Wahn gescheitert ist.

Die Frage ist heute nicht mehr, ob eine Diktatur immer schlechter als eine tolerante Gesellschaft ist. Unter bestimmten Umständen ist das Leben in einer Diktatur lebenswerter als die dauernde Angst im Auge des Toleranzorkans.

»Jede Jeck ist anders« ist eine Warnung – und eine Mahnung.

Nein es sind nicht die Hautfarben, die uns wirklich verschieden machen, sondern die Denkweisen.

Randnotiz: Es wird täglich ermüdender, all den Black-Lives-Matter-Marxisten und anderen linkstypischen Rassisten zu widersprechen, wenn sie vehement darauf bestehen, dass die Farbe der Haut und kollektive wie auch individuelle Verhaltensweisen notwendigerweise zusammenfallen.

Die Denkweisen machen uns verschieden, und bei Gelegenheit derart wesentlich verschieden, dass ein produktives, zufriedenstellendes und als Freiheit erfahrbares Zusammenleben nicht mehr möglich ist.

Beispiel: Wie will einer, der als »Linker« viel zu nehmen beansprucht, mit einem Menschen zusammenleben, dessen Denkweise auf »Geben und Nehmen« ausgelegt ist. (Notiz: Die Geschichte zeigt ja, dass Linke mit niemandem zusammenleben können – unter- und miteinander schon gar nicht.)

Löcher im Frack

Der SPD-Generalsekretär verortet im Buch »rassistische Thesen«. Ich weiß nicht, welche Thesen genau es sind, die er meint. Wir vermuten, dass es etwa so qualifizert ist wie damals, als die Zerstörerin Angela M. über Sarrazins »Deutschland schafft sich ab« befand, es sei »nicht hilfreich« (sie hatte es natürlich nicht gelesen; falls stimmt, was spiegel.de am 18.9.2010 schrieb).

Sarrazin selbst sagt über seine Bücher, sie seien wissenschaftliche Sachbücher. Soweit ich hineingelesen habe, ist das richtig.

Die Lügner und Leugner mögen Sarrazins Fakten nicht. Die SPD beurteilt Fakten nach dem modisch »erweiterten Rassismusbegriff« (»rassistisch« ist nach dem »erweiterten Rassismusbegriff« jenes, das Probleme durch Andersartigkeit benennt). Merkel beurteilt Fakten nach der Nützlichkeit (»hilfreich«/ »nicht hilfreich« (für ihre Macht)).

Wer Fakten nach dem Faktischen beurteilt und Schlussfolgerungen nach dem Plausiblen, dem brennen bald die Funken des Scheiterhaufens warnende Löcher in den frechen Frack – man hofft, dass er seine Experimente mit dem Feuer richtig »kalkuliert« hat.

Um- und Irrwege

Im Text »Die Faust im Rücken, neue Klugheit« protokolliere ich meine Absicht, aufs Neue alte Weisheit zu entdecken – es ist mir ernst, sehr ernst!

Alte Weisheit könnte helfen, bekannte Probleme nicht auf schmerzhaften, sinnlosen und teils jahrzehntelangen Um- und Irrwegen wieder und wieder neu entdecken zu müssen. Alte Weisheit kann uns helfen, schneller zu denken – sehr viel schneller.

»Jede Jeck es anders« – und das kann eine lustige Angelegenheit sein (etwa bei Familienfeiern…), doch es kann auch mehr-als-nur-anstrengend sein.

Jede Jeck ist anders, und wer sich dessen in aller Konsequenz bewusst wird, der wird bei Gelegenheit schneller und richtiger denken – im Jeföhl und in der Sache, ja, man wird einen solchen Menschen vielleicht sogar für klug und weise halten!

Nicht selten mit den Augen!

Ist dieses Postulat von der Andersartigkeit individueller Jecken eine »Frohe Botschaft der Toleranz«?

»Klar!«, werden jene blöken, welche ohnehin immerzu nachzublöken pflegen, was man eben so blökt, wenn weder Chef noch Herde einem die Fristlose aussprechen sollen.

»Klar!«, raunzen auch die Zyniker, sowie jene, welche bei tiefstehender Sonne mit der (einigen unter uns) sanft zusäuselnden Vernunft fremdzugehen pflegen, und sie ergänzen, »natürlich spricht ‚Jede Jeck es anders‘ von der Toleranz, und ‚Toleranz‘, das kommt von tolerieren, also ertragen

»Jede Jeck es anders« – wenn wir ehrlich zu uns selbst sind (was immer ratsam ist) und wenn wir bezüglich unserer Ehrlichkeit auch den Menschen gegenüber offen sind (was wiederum keineswegs zu jeder Gelegenheit ratsam ist), dann werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit ehrlich und offen gegenüber der Welt und ihren Völkern (oder auch nur dem Kumpel an der Theke) verkünden: Wer jenen Kölschen Grundgesetzartikel »Jeder Jeck es anders« in echt zitiert, der seufzt dabei meist, durchaus vernehmlich, und er rollt dazu auch nicht selten mit den Augen!

Jede Jeck es anders. Mancher Jeck ist lustig, manch anderer Jeck ist gefährlich. Zu wissen aber, weil die Weisheit es sagt, dass jeder Jeck anders ist, und dann davor die Augen zu schließen, das wäre geradezu närrisch! – Pardon: Das wäre jeck!

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