28.4.2018

Nichts ist golden in der Mitte zwischen richtig und falsch

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Bild von paul morris
Die Goldene Mitte ist ein intuitiv eingängiger, aber allzu oft falscher Weg, die richtige Handlung zu bestimmen. Was wäre etwa die goldene Mitte zwischen Heroin und keinem Heroin? Was soll die Goldene Mitte zwischen Demokratie und Ideologie sein?
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Sie fahren spät am Abend mit dem Auto heim. Es hat geregnet, die Fahrbahn ist nass und glitzert im Schein der Lampen. Sie biegen ab – und Sie treten auf die Bremse, denn mitten auf der Straße stapft ein Mann, in einer Linie, die er selbst gewiss für schnurgerade hält.

Sie stoppen am Rand der Straße, denn Sie haben sich das Besorgtsein bis heute nicht ausreden lassen. Sie prüfen, dass kein Auto kommt, dann laufen Sie über die Straße zu dem so mittig Wandelnden.

»Was machen Sie denn da?«, fragen Sie, »wissen Sie nicht, dass es gefährlich ist, in der Mitte der Fahrbahn zu laufen?«

Der Stapfende stapft weiter. Er schaut Sie bloß über seine Schulter hinweg an, in seinem Blick liegen Vorwurf und Mitleid. Er sagt zu Ihnen: »Weißt du denn nicht, dass die goldene Mitte der einzig gute Weg ist?«

Ein Lastkraftwagen donnert vorbei und verpasst Sie beide nur um wenige Zentimeter. Unbeirrt wiederholt der nächtlich Dahinschreitende: »Die goldene Mitte ist der Weg der Gerechten!«

Männer von der Art, wie sie Jünger und Schüler zu halten pflegen, sprechen seit Tausenden von Jahren vom »Weg der Mitte« als Leitbild einer persönlichen sowie öffentlichen Moral.

Als der Buddha sich aufmachte, Erleuchtung zu finden, erfand er nicht gleich das, was wir den »Buddhismus« nennen. Nachdem er mit 29 Jahren den Luxus des Palastes verließ, übte er sich zunächst in Askese. Er war nicht zufrieden mit dem Ergebnis. Mit 35 Jahren fand er den »Weg der Mitte« zwischen Askese und Genusssucht.

Der kretische Erfinder Daidalos ist bekannt als Erbauer des Labyrinths, in dem der Minotaurus gehalten wurde, aber auch für die Umstände seiner Flucht aus Kreta.

Daidalos und sein Sohn Ikarus wurden vom König Minos auf Kreta festgehalten. Der König ließ das Meer überwachen, doch der Erfinder kam, wie Erfinder es so tun, auf eine großartige Idee! Daidalos baute Flügel für sich und seinen Sohn, aus Vogelfedern und Kerzenwachs.

Zunächst schien die Flucht zu gelingen! Daidalos und Sohn verließen Kreta per Luft und passierten eine Insel nach der anderen. Hinter Calymnos (heute ein beliebtes Ziel für Kletterer) wurde der Sohnemann beim Fliegen übermütig und näherte sich gefährlich der Sonne. Das Wachs schmolz und der Rest ist wohlbekannt. Die Lehre aus dieser Geschichte? Ikarus hätte besser die goldene Mitte zwischen nicht-zu-hoch und nicht-zu-niedrig eingehalten. Wäre er nicht so weit hoch geflogen, wäre er nicht so tief gestürzt.

Was wir »Aufklärung« nennen, und manche für eine christliche Erfindung halten, ist im Kern und weiten Teilen der Durchführung die Philosophie der griechischen Antike. Was wir heute Logik nennen, wurde in den Schriften und Dialogen von großen Griechen wie Sokrates, Platon und Aristoteles entdeckt.

In der Ethik des Aristoteles (und anderen bei anderen Denkern der Antike) finden wir wieder die goldene Mitte als Leitschnur des Handelns. Jede Tugend liegt in der Mitte zwischen zwei Exzessen. Freigiebigkeit etwa liegt zwischen Geiz und Verschwendungssucht, Mut liegt zwischen Feigheit und Leichtsinn, und so fort.

Diese Philosophien (wir könnten auch sagen: »Weisheitslehren«) der goldenen Mitte sind bis heute im täglichen Denken und intuitiven Fühlen des Westens verankert.

Es scheint ja »vernünftig«: Wer zwischen zwei Extremen die Mitte wählt, der kann zumindest nicht so schrecklich falsch liegen wie die »Extremisten«. Wenn zwei sich streiten, dann freut sich der Dritte nicht in jedem Fall, doch indem er die goldene Mitte wählt, hofft er, zumindest dem Streit aus dem Weg zu gehen. Die goldene Mitte ist mehr eine pragmatisch-praktische Regel für einen weniger anstrengenden Alltag als ein tragfähiges ethisches Fundament.

Manche Weisen und Philosophen sahen selbst schon die offensichtliche Schwäche ihrer Regel: was die Mitte ist, das kann sich wild unterscheiden, je nachdem, welche Extreme man betrachtet. Wie so oft bei philosophischen Thesen, die intuitiv richtig klingen (siehe auch Kants Kategorischer Imperativ), aber in der Praxis nicht funktionieren, behalf man sich mit Hilfsthesen. Die goldene Mitte des Aristoteles soll kein mathematisches Mittel sein, sondern die der Situation »angemessene« Reaktion. (Da fällt mir ein alter Witz ein: Wussten Sie, wie man aus einem Hammer eine Suppe kocht? Hammer ins Wasser, köcheln lassen, großzügig Fleisch, Brühe und Gemüse dazutun, Hammer wieder herausnehmen und die Hammer-Suppe mit Petersilie garniert servieren! – So ähnlich ist es mit philosophischen Thesen, die nur mit starken Hilfs-Thesen wirklich Sinn ergeben.)

Diese Thesen und Hilfsthesen wären wenig mehr als philosophischer Hallenfußball, wenn sie nicht solchen Einfluss auf die allgemeine Denkart hätten.

Stets die goldene Mitte zu wählen, das klingt auch jenseits akademischer Wandelhallen wie nützlicher Rat – ohne die Hilfsthesen ist dieser allerdings fragwürdig, wenn nicht sogar direkt gefährlich.

Wenn ein Diktator beschließt, eine Million Menschen zu ermorden, weil sie seinen politischen Zielen im Wege stehen, was ist dann die goldene Mitte? Eine halbe Million?

Wenn Ihnen jemand etwas Heroin anbietet, sagen wir 1 gestrecktes Gramm, und Sie wollen gar keines nehmen, denn Sie finden, dass das Leben ein Konzept ist, an dem man festhalten sollte, was ist dann die goldene Mitte? Ein halbes gestrecktes Gramm?

Wenn ich aus ideologischen Gründen alle Menschen, welche meine Ideologie ablehnen, töten möchte, die aber weiterleben möchten, was wäre der goldene Mittelweg? Sie als tributpflichtige Bürger zweiter Klasse weiterleben zu lassen?

Manchmal liegt das Richtige tatsächlich in der Mitte einer Skala zwischen zwei deutlichen Extremen. Doch welche Skala man anlegt, das ist zu oft eine Frage des Zufalls; das kleine Wort »Mitte« wird überhaupt oft missbraucht in dieser Zeit. Selbst die sozialdemokratisierte CDU sieht sich in der »Mitte«.

Beispiel: Was ist der richtige Umgang mit Arsen? Gar kein Arsen oder Arsen löffelweise? Es war – vermute ich – Opium oder Morphium, nicht Arsen, über das Nietzsche sagte: »Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.« Spätestens beim Arsen aber sollte der lebenswillige Mensch »extrem« sein und vollständig verzichten.

Beispiel: Was ist der richtige Umgang mit einer tödlichen Ideologie, wie etwa dem Nationalsozialimus? Das eine Extrem wäre, sie zu verbieten; das andere Extrem wäre, sich ihr zu unterwerfen. Was sollte denn die »goldene Mitte« sein? Nazi sein, aber nur an jedem zweiten Wochentag?

Müssen wir einen Menschen, der Arsen oder Nationalsozialismus vollständig ablehnt, einen »Extremisten« nennen?

Es ist eine barocke Angelegenheit mit dem Extremismus und der Mitte! Ein Extremist ist einer, der allzu arg von der Mitte abweicht – und die Mitte ist dann die Hälfte der Verbindungslinie zwischen den Extremen. Die Extreme und die Mitte treiben wie eine einzige Eisscholle auf dem Meer moralischer Mode, und seit Jahren driften sie in Deutschland in die immergleiche Himmelsrichtung. Einige von uns sind zwischendurch ins Wasser gefallen. Wir schwammen gegen die Strömung an und riefen der Eisscholle hinterher: Ihr driftet ab und es wird gefährlich dort, wohin ihr driftet! Wer aber in der Mitte der driftenden Eisscholle steht, der hat bald den Ozean gewechselt, und kann doch sagen: Ich habe mich gar nicht bewegt, ich bin so weit entfernt von den Rändern wie eh und je! Er mag sogar näher an beiden Rändern zugleich stehen und doch in der Mitte, denn die Eisscholle schmilzt – da passen Klimawandel und Overton-Fenster zusammen. (Das »Overton-Fenster« bezeichnet den Rahmen der in einer politischer Debatte akzeptablen Positionen.)

Die Aussagen eines Helmut Schmidt (»Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen.«, zeit.de, 22.4.2004) oder selbst der Angela Merkel von 2002 (»Das Maß des Zumutbaren ist überschritten.«, » Bevor wir über neue Zuwanderung reden, müssen wir erst einmal die Integration der bei uns lebenden ausländischen Kinder verbessern.«, cicero.de, 6.12.2016) Gelten inhaltlich heute als rechts bis rechtsextrem. Die AfD erlaubt sich derzeit eine Art »Spaß«, nur wenige Jahre alte Meldungen und Forderungen fast verbatim zu wiederholen und zu beobachten, wie die empörten Klassen rasend vor gerechter Wut gegen sich selbst argumentieren.

Ich halte die »goldene Mitte«, die sich so tief in unser Denken eingegraben hat, für falsch und gefährlich – zumindest als ethischen Ausgangspunkt.

Eine Ethik sollte doch fordern, dass man tut, was richtig ist, das ist ja die Definition von Ethik. Wäre es nicht in diesem Sinne anti-ethisch, eine angeblich »goldene Mitte« zu suchen zwischen einer richtigen Handlung und einer falschen? Wenn ich einen Kuchen backe und vier Eier dafür brauche, wie viele davon können verdorben sein? Soll ich mich mit der goldenen Mitte begnügen, wonach zwei von vier Eiern nach Schwefel riechen dürfen?

Ich halte wenig von goldenen Mitten. Sie sind das ethische Äquivalent zur »sharpshooter fallacy«: Ein Bub schießt Pfeile auf die Scheunenwand und malt dann Kreise drumherum – so trifft er jedes Mal in »die Mitte«. Ich halte zudem wenig von Faustregeln, wonach das Handeln des Einzelnen der Allgemeinheit zum Gesetz dienen sollte. (Letztens schrieb ich etwa den Text »Für die Mächtigen gilt eine andere Moral«.) Selbstverständlich gelten für einen Rockstar andere Regeln als für einen Buchhalter – die Welt wäre langweilig, wenn ein Rockstar wie ein Buchhalter lebte, und (noch) chaotisch(er), wenn der Buchhalter seinen Arbeitstag um vier Uhr am Nachmittag begänne.

Ethik braucht griffige Faustregeln, damit sie nützlich sein kann. Das erklärt den Erfolg der goldenen Mitte als Idee, aber auch ähnlicher Griffigkeiten wie des kategorischen Imperativs und des Was-du-nicht-willst. Mein Vorschlag ist: Handle jederzeit so, dass du deine relevanten Strukturen stützt. (Die Details finden sich, Sie werden es ahnen, im Buch »Relevante Strukturen«.) – Ignoriere, wo und auf welcher Skala dich die Moden der Zeit im Augenblick verorten. Lass dich nicht beirren von der Frage, was der Fall wäre, wenn alle Solches täten. Reduziere deine Ethik nicht auf vulgäre Psychologismen wie die Frage, ob es dir selbst reziprok angehm wäre.

Erforsche dich selbst, finde heraus und stelle fest, welche Strukturen dir relevant sind. Und dann: Handle jederzeit so, dass du deine relevanten Strukturen stützt.

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