27.12.2021

Kluge Reaktionen

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Erda Estremera
Keiner von uns weiß, was 2022 uns bringen wird. Dinge werden passieren, die wir heute nicht vorhersagen können – geschweige denn, sie zu kontrollieren. Das einzige, was wir kontrollieren können – und also sollten! – ist unsere Reaktion darauf.
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Liebe Leser, was unterscheidet mich von einer Bakterie, so prinzipiell gesehen? Aus der Perspektive der Welt und ihrer Dimensionen, im größten der Maßstäbe, also im Maßstab der Prinzipien und Grundbegriffe, was ist der prinzipielle Unterschied?

Der eine große prinzipielle Unterschied zwischen der Bakterie und mir ist nicht, dass ich Kinder aufziehe – auch die Bakterie pflanzt sich fort, es ist eine Reaktion auf in uns angelegte Triebe und Mechanismen.

Der große prinzipielle Unterschied zwischen der Bakterie und mir ist auch nicht, dass ich technische Spielzeuge wie Smartphones besitze, oder dass ich Kultur in Museen und Konzertsälen zu genießen weiß – Smartphones reduzieren uns ja sogar zu Reiz-Reaktions-Maschinen, und Kunst ist nach mancher Theorie wenig mehr als erweitertes Balzverhalten (fragen Sie mal einen Rockstar…).

Auch Schrift und Sprache, gelesen oder geschrieben, sind nicht das, was mich betreffs meiner Eigenschaft als reagierende Instanz prinzipiell vom Einzeller unterscheidet, doch Sprache und Schrift können immerhin als Werkzeug dienen, den (möglichen!) Unterschied zu bewerkstelligen.

Die Bakterie und ich, wir sind beide reagierende Lebewesen. Was lebt, das reagiert. Wir reagieren auf die Welt. Was mich prinzipiell von der Bakterie unterscheidet, ist meine Fähigkeit, über meine Reaktion vorab nachzudenken, und sie gegebenenfalls in eine andere Richtung zu lenken, als der erste Instinkt es nahegelegt hätte.

»Ich denke, also bin ich«, so sagt sich der Mensch (und im Oktober dieses Jahres habe ich es präzisiert zu: »Ich bin, indem ich denke!«), es ist nicht falsch, denn es bezeichnet den Unterschied – und man hofft, dass dieser Unterschied auch wirklich existiert!

»Ich denke, also bin ich«, so sagen wir nach Descartes. Ich will es heute ein weiteres Mal erweitern, um meinen prinzipiellen Unterschied zur Bakterie festzumachen; in etwa so: »Ich denke nach, ich formuliere meine Gedanken aus und ich berate mich, mit anderen oder mit mir selbst, mit Menschen und mit Büchern, und dann entscheide ich, wie ich reagiere.«

Was den Menschen prinzipiell von der Bakterie unterscheidet, ist die Fähigkeit, die Reaktion auf einen Reiz überdenken und modifizieren zu können. Eine Bakterie tut nur das, was sie zu tun konstruiert ist, immer und ohne Ausnahme.

Nein, es ist nicht immer einfach. Wenn mich eine scharfe Spitze sticht, dann zucke ich zurück – außer ich bin etwa beim Arzt, und zwinge mich dazu, den Arm stillzuhalten, wenn die scharfe Nadel zusticht.

Wenn ein Mensch mir eine Frechheit sagt, dann kann ich nachdenken, abwägen und wählen, wie ich darauf reagiere. Wenn ein Autofahrer mir den Weg abschneidet, kann ich nachdenken und entscheiden, ob ich wütend hupe, ob ich durchatme und es hinnehme – oder ob ich mich zu gefährlichen Dummheiten hinreißen lasse, wie etwa einen »Gegenangriff« zu starten (wobei… dann habe ich wahrscheinlich eben nicht nachgedacht, sondern mehr so wie eine Bakterie-mit-Führerschein reagiert).

Krisenwechsel

In den ersten Jahren meines öffentlichen Schreibens diagnostizierte ich uns eine »Wichtigkeitskrise«: Eigentlich erfolgreiche Menschen wussten nicht, was ihnen wirklich wichtig ist. In Essays wie »Die Freiheit nehm´ ich mir« (8.7.2016) schrieb ich, was Fanale für die selbst beschlossene Wichtigkeit sein sollten, wie etwa: »Selbst entscheiden zu können, was einem wichtig ist, das ist innere Freiheit. Das dann auch in die Tat umsetzen zu können, das ist praktische Freiheit.« (Und natürlich tragen meine »Relevanten Strukturen« das Thema persönlicher Wichtigkeit bereits im Titel – das Buch ist dann die Begründung und Erklärungen dazu.)

Die Corona-Panik und die durch die Anti-Covid-Maßnahmen erzeugten Krisen zwangen dann einen jeden von uns, eigentlich immer gegen unseren Willen, unsere Wichtigkeiten endlich zu finden, endlich festzulegen.

Wer seine Wichtigkeit schon zuvor kannte, wer seine relevanten Strukturen schon vor der Corona-Panik festgelegt und vielleicht sogar seinen Innenhof gesichert hatte, den zwangen und zwingen die Zeiten heute dennoch, neu und sehr genau zu prüfen, wie klug und weitblickend die eigenen Vorbereitungen waren.

Die Wichtigkeitskrise scheint mir heute in eine neue Krise hinüber zu gleiten, und ich will die neue Lage eine Reaktionskrise nennen.

Re-agieren

Menschen schreiben mir, reden mit mir, teilen mit mir ihre Gefühle, ihre Angst, ihre Sorgen und quälenden Fragen – ihre letzten oder auch neu gefundenen Splitter an Hoffnung. In all dem, und in mir selbst, fühle ich eine ganz bestimmte, durchaus scharf abzugrenzende Unsicherheit.

Die alte Frage, »was soll ich tun?«, sie wird zu einer Frage nach der richtigen Reaktion: »Wie soll ich reagieren?«

Ich bin erschreckend machtlos ob der Maßnahmen, welche die teils wechselnden und doch gleich fremdgesteuert wirkenden Politgestalten erlassen. Es bleibt mir nur, zu reagieren, wieder selbst zu agieren, zu handeln, meine Hoffnung selbst zu erschaffen, doch wie soll ich reagieren? Was soll ich tun, damit wieder ich selbst es bin, der in meinem Leben handelt, der sich spürt?

Ich habe nun zu viele Jahre lang meine Faust in Richtung des, so steht zu befürchten, wohl leeren Himmels geschüttelt. Es ist Zeit, es ist schon länger Zeit, es ist ja fast schon zu spät, die Faust zur Hand zu öffnen, und selbst zu handeln, zu reagieren, zu re-agieren.

Zu reagieren, das beutet, durch Handlung zu antworten. – Gut zu antworten, das setz natürlich zuerst voraus, die Frage verstanden zu haben, die explizite Frage wie auch die implizite, dann den Kontext des Problems zu verstehen, und dann die Logik der möglichen (»unfalschen«) Antworten, dann eine der Möglichkeiten zu wählen, und dann diese mit kraftvollem Entschluss zur Absicht zu erklären – und schließlich die Absicht zur Handlung werden zu lassen.

Ein klügerer Vorsatz

Die Mächtigen behandeln die Bürger heute bald wie eine Bakterienkultur, an der man Experimente durchführt, um herauszufinden, was die Bürger alles noch hinnehmen. Es liegt an mir, ob meine Reaktion mehr ist als der primitive Automatismus von Bakterien.

Machen wir uns nichts vor: Nichts an der Evolution und nichts an unseren Erfahrungen der letzten Jahre hat uns auf das vorbereitet, was heute mit uns passiert. Es ist verständlich, wenn Menschen heute in einen automatischen Panik-Modus verfallen. Es ist verständlich, ja, aber nicht zwingend produktiv oder erfolgversprechend.

Mancher Bürger fragt sich noch immer ratlos, was er denn nun tun soll. Ich höre von Bürgern, die sich sehr schlimme Gedanken machen. Ich lese heute leider auch, was passiert, wenn Bürger dem Stress gar nicht mehr standhalten.

Ich schreibe diesen Text »zwischen den Jahren«, kurz 2021. Elli und ich versuchten, Weihnachten für die Kinder festlich werden zu lassen. Wir hoffen, den Kindern einen fröhlichen und hoffnungsvollen »Rutsch« anbieten zu können. Jedoch, spätestens seit Kinder zum ersten Mal zur Quarantäne zu Hause bleiben mussten, um dann mit Masken in der Schule zu sitzen, ließ sich vor den Kindern wirklich nicht verheimlichen, dass diese Zeiten sehr anders sind als alles, worauf irgendwer von uns vorbereitet gewesen war.

Es ist eine alte Tradition, zu Neujahr gute Vorsätze aufzustellen, und ich bin nicht dagegen – ja melden Sie sich fürs Fitnessstudio an, planen Sie Ihre Vitaminzufuhr neu! – Ich selbst aber will mir zuerst nur einen Vorsatz aufstellen – neben all den anderen bestehenden Vorsätzen, an denen ich ohnehin täglich scheitere, und sie doch nicht aufgeben will – einen Vorsatz, der mir nicht nur gut zu sein scheint, sondern in dieser Zeit (vielleicht: buchstäblich) lebenswichtig. Mein guter Vorsatz hat mit Reaktionen zu tun.

Das biete ich uns als Vorsatz fürs neue Jahr an – darum bitte ich uns, es zu unserem Vorsatz zu machen: Wir wollen uns darin üben, klüger zu reagieren.

Wir können erschreckend wenig an unseren Umständen kontrollieren. Weder Sie noch ich beschließen, ob neue Lockdowns oder welche G-Regelungen beschlossen werden (und die, die es entscheiden, lassen nur gelegentlich ihr Presseteam hier mitlesen, so höre ich). Wir können die großen Ereignisse des nächsten Jahres kaum vorhersehen, geschweige denn alle planen.

Es werden Dinge geschehen, die wir heute nicht vorhersehen können, und die außerhalb unserer Macht sein werden. Wir können uns aber vornehmen, unsere Reaktionen klüger sein zu lassen.

Ich glaube an die »handelnde Hoffnung«, um also Hoffnung zu haben, muss ich mich darin üben, immer wieder den Schritt vom automatischen Reagieren zum wohlbedachten Agieren zu unternehmen.

Klüger zu reagieren, das kann bedeuten, manchmal gar nichts zu tun – und es kann bedeuten, radikale Veränderungen zu vollziehen, um selbst der Handelnde zu bleiben.

Ich weiß nicht, was 2022 uns bringen wird, und es liegt nicht in meiner Macht, darüber zu bestimmen. Was aber durchaus in meiner Macht liegt, ist meine Reaktion auf die Dinge.

Mein Vorsatz für 2022 lautet also: Ich will mich darin üben, klug zu reagieren.

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