23.02.2021

Dreistufig locker

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten, Foto von Kiyomi Shiomura
Idee: Lasst uns Vermögen und Arbeitsplätze exportieren (unsere Moral will ja keiner, für die lacht man uns ja aus), dafür aber Strom und Arbeitslosigkeit importieren – und wer meint, dass das nicht klug ist, der ist doch Populist!
pink flower with green leaves
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Liebes Tagebuch, nach überraschendem Schnee ist Ende Februar ähnlich überraschend der Frühling ausgebrochen. Die Blumen brechen aus der Erde – wo denn noch Blumen in der Erde schlafen – und auch die Menschen brechen aus ihren Häusern aus – obgleich dies vielerorts verboten ist, falls es beim Ausbruch allzu fröhlich zugeht.

Diesen Frühling herrscht Pandemie – und Menschen sterben, sonst wäre es keine Pandemie, und sie sterben etwa an der Einsamkeit infolge der Maßnahmen gegen die Pandemie (rp-online.de, 21.2.2021 (€)). (Ab wann richtet man auf den Friedhöfen eine eigene Abteilung für Opfer der Merkel-Politik ein?)

Die Thermodynamik, von der auch ich wie die meisten Leute eigentlich nur weiß, dass sie mindestens zwei Hauptsätze hat, sie lehrt uns angeblich, liebes Tagebuch, dass nichts, was weg ist, so wirklich weg ist – es nimmt nur eine andere Form an. Ich finde, es liegt ein beinahe tröstlicher Gedanke darin!

Ich erlebe in diesen Tagen und Jahren, wie Jobs in Deutschland verschwinden. Doch sie sind nicht wirklich weg, sie sind nur woanders! Die Jobs in den Geschäften der Innenstädte sind jetzt eben in den Logistikzentren von Amazon (wenn auch weniger davon, sonst würde Herr Bezos ja nicht um $2.489 pro Sekunde reicher werden; siehe businessinsider.com) – oder die Jobs verschwinden zwar in Deutschland, tauchen aber in Ungarn wieder auf (swp.de, 19.2.2021 (€)).

Jedoch, liebes Tagebuch, ich bin heute nicht nur über Weggehende wehmütig. Ich freue mich auch über die, die bleiben. Zum Beispiel über die Menschen aus Gambia. Eigentlich wollte Deutschland sie ja abschieben, doch der kleine Staat Gambia – eigentlich ja nur die erweiterte Uferregion des Flusses gleichen Namens, von der kurzen Küste abgesehen vollständig umfasst von Senegal – dieses kleine afrikanische Land also verweigerte dem Flieger aus Deutschland gleich ganz die Landung. Ich finde das ein eigentlich schönes Zeichen von Präsident Adama Barrow, liebes Tagebuch! Herr Barrow wurde ja selbst im Jahre 1988 in Deutschland als abgelehnter Asylbewerber abgeschoben, und jetzt ist er Präsident seines Landes, und es ist freundlich, dass er seinen Bürgern gönnt, was ihm selbst verwehrt war (vielleicht will er nur (mehr) Geld aus Deutschland bekommen, oder exportiert so sein Sozialwesen samt Kosten nach Deutschland, oder alles zusammen). Was für einen Unterschied sollte es auch für Deutschland ausmachen, ob die wenigen Menschen hier oder da sind?

Ich will es dir gern gestehen, liebes Tagebuch, dass ich nicht immer überblicke, was die Großen und Gütigen in ihrer weltläufigen Weisheit für uns planen. Ich sehe bloß, dass Deutschland seine Arbeitsstellen und seine Hightech exportiert (auch weil Strom so verrückt teuer ist, siehe etwa handelsblatt.com, 23.2.2021), und dafür Arbeitslosigkeit importiert, und ich bin nicht sicher, ob ich das ebenso tun würde, wenn ich was zu sagen hätte.

Es ist Ende Februar, und doch ist Frühling. Jenes alte Lied kommt mir in den Sinn, das wir einst in der Kirche sangen: »Danke für diesen guten Morgen«, so singt man, und »danke für meine Arbeitsstelle, danke für jedes kleine Glück«. (Ich habe für dich, liebes Tagebuch, nachgeschaut. Das Lied ist von Martin Gotthard Schneider, und der lebte bis eben noch (Wikipedia zum Lied). Extra charmant ist übrigens die Version von Mickie Krause – ja, dem Mickie Krause – hier etwa auf Spotify.)

Es ist Februar 2021. Vor einem Jahr starben in Thüringen manche Illusionen zur Demokratie in Deutschland (hier meine Essays vom Februar letzten Jahres) – dieses Jahr haben wir ganz neue Probleme. 

Ich will dankbar sein, liebes Tagebuch! Dankbar für das, was noch funktioniert. Ich will meine Kraft in die Dinge investieren, die ich ändern und zum Besseren wenden kann. Die Zeit eines jeden Menschen ist begrenzt und endlich, selbst die eines Jeff Bezos (auch wenn der sich schon für den Verdienst weniger Sekunden wohl die allerbesten Ärzte leisten kann). Ich will meine Zeit dem widmen, was mich und die, die mir lieb sind, ein wenig glücklicher machen kann.

Soviel also für heute, liebes Tagebuch! Schön, dass du mir zugehört hast. Morgen erkläre ich dir, was ein »dreistufiger Lockerungsplan« ist.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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