Dushan-Wegner

06.03.2023

Moralisten verlassen Moralistan

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten
Es ist ein Rätsel mit Volkswagen: In Deutschland gibt man sich hypermoralisch. In China durchleiden sie viel weniger Gewissensqualen. Ist deren Moral in Deutschland gar nur eine PR-Show?!
YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Telegram
Facebook
X (Twitter)
WhatsApp

Eine Schlagzeile von vor etwa einem Jahr, vom März 2022: »VW baut ein neues E-Auto-Werk für zwei Milliarden Euro« (handelsblatt.com, 4.3.2022).

Volkswagen hatte zuvor erklärt: »Der Wettbewerbsdruck steigt – nicht zuletzt vor der eigenen Haustür. Wir müssen Wolfsburg jetzt fit machen für die Zukunft.« (welt.de, 9.11.2021)

Heute, ein Stück in der Zukunft, ein Jahr später, lesen wir nun: »Wir werden keine neuen Elektrofabriken in Europa bauen« (focus.de, 3.3.2023).

Volkswagen ist bekannt für feine Autos, seit etwa fünfundachtzig bewegten Jahren.

Außerdem ist Volkswagen bekannt für ein Missverständnis bei den Abgasen. Deren Dieselautos taten wohl umweltfreundlicher, als sie tatsächlich waren.

Umweltfreundlich, das ist ja nicht nur für Gesetze und Steuern relevant, das ist auch moralisch. Ein Konzern, der viel moralischer tut, als er tatsächlich ist? – »Nein! Doch! Oh!«

Ja, Volkswagen gibt sich gern moralisch, sowas von moralisch.

Volkswagen lässt etwa die Flagge mit dem Regenbogen flattern – vor allem in Ländern, wo alternative Sexualität sowieso längst gesellschaftlich akzeptiert und legal ist.

Und in Deutschland gibt Volkswagen sich ultra-super-moralisch, »übermoralisch« quasi.

Als die AfD ihren Parteitag in der Braunschweiger »Volkswagen Halle« abhielt, ließ VW demonstrativ den Hallennamen abdecken (spiegel.de, 20.11.2019). Volkswagen bevorzugt offenbar den politischen Gleichschritt, und Zyniker ergänzen: »immer schon«.

2019 schrieb ich (Essay: »Keine Volkswagen-Sonderkonditionen für die AfD – ziemlich zynisches Marketing«) über die damaligen extra lauten Moral-Statements von Volkswagen – es war wohl ein günstiger Zufall, dass das Moralgetöse eventuell die Meldungen zum Stellenabbau hätte übertönen können.

Ist die Moral der Konzerne am Ende nur banales Marketing?

Ist ein Konzern gar eine abstrakte Rechtsform und hat also gar kein Bewusstsein, das ein Gewissen und damit Moral produzieren könnte?

Wollen die Manager gar von der eigenen Unmoral ablenken?

Pfui, lästerliche Gedanken!

VW will mehr und neue moralische Autos bauen. Elektrische Autos sind ja moralisch!

Klar, die Arbeit daran kann brutal sein, wenn das Werk profitabel sein soll. Und es kann heftig die Umwelt belasten.

Tesla in Grünheide etwa bekommt die Wassermenge für 30.000 Menschen, so habe ich gelesen (focus.de, 13.2.2023) – das ist viel Wasser.

E-Autos sind aber natürlich Klimaschutz mit Akku.

Doch Klimaschutz kann Natur kaputtmachen und den Menschen belasten, und womöglich geht das anderswo einfacher und billiger.

Volkswagen kündigt nun also an, sein neuestes Werk doch nicht in Deutschland, sondern in China zu bauen.

In China aber sieht Volkswagen wohl plötzlich keine moralischen Probleme.

Man wird in China vermutlich nicht das VW-Logo verstecken, wenn die Kommunistische Partei darunter tagen will – man würde es nicht wagen. Und zum Social Credit Score wird man vermutlich von sich aus eine Schnittstelle anbieten.

Ach, mein Problem ist nicht einmal, ob Volkswagen fragwürdige Moral-PR treibt. Das Problem ist, dass so viele Leute deren Fake-Moral ernst nehmen.

Unternehmen haben sich an Gesetze zu halten, und sie haben Profit zu machen, indem sie für einen fairen Preis wertige Produkte verkaufen, die jemand freiwillig kauft – darüber hinaus mögen sie mich bitte mit aller Fake-Moral verschonen.

Moral ist eine Bewertung, die nur ein Mensch vornehmen kann, im Kontext seiner relevanten Gruppe.

Die »Moral« von Konzernen ist für mich Fake und Show – von Zynikern, für Leichtgläubige.

Volkswagen produziert demnächst also wohl lieber in China als in Deutschland? Die Moralisten wollen wohl nicht in Moralistan investieren.

Die »Moral von der Geschicht« ist aber nicht, dass es keine Moral gibt, sondern dass Moral und Ethik und blanke Anständigkeit eine persönliche, individuelle Pflicht bleiben.

Ob es Autokonzerne, Medienkonzerne oder Investmentfonds sind, die uns Moral predigen wollen – betrachten wir es wie einen Fake, wie eine Show.

Wir dürfen und wir sollten all diese Moral-PR ignorieren.

Ja, wer weiß: Vielleicht ist auch die Ankündigung, mit dem neuen Werk nach China zu gehen, nur eine Show, um in Deutschland mehr Förderung zu erhalten. Vielleicht hat es andere politische Gründe. Wer kennt sich schon aus bei diesen Showleuten.

Fest steht nur eins: Es bleibt meine und deine private Pflicht, auf eigene Faust anständig zu bleiben.

So viel für heute

Danke fürs Lesen! Essays wie dieser (inzwischen 2,027) und die Videos dazu sind nur mit Ihrer freiwilligen Unterstützung möglich!


Wählen Sie bitte selbst:

Jahresbeitrag(entspricht 1€ pro Woche) 52€

Und, was meinen Sie?

Besprechen Sie diesen Text mit mir in den Kommentaren auf YouTube – ich freue mich, Ihre Meinung zu erfahren!

Als Podcast hören

Mit Freunden teilen

Telegram
Reddit
Facebook
WhatsApp
X (Twitter)
E-Mail
Moralisten verlassen Moralistan

Darf ich Ihnen mailen, wenn es einen neuen Text hier gibt?
(Via Mailchimp, gratis und jederzeit mit 1 Klick abbestellbar – probieren Sie es einfach aus!)