08.12.2021

Schwangerschaftspflicht

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Aaron Burden
Für das Wohl der Gemeinschaft muss manchmal eben die Selbstbestimmung des Einzelnen zurücktreten, so hört man dieser Tage, das sei Pflicht. Zynisch gefragt: Ist es an der Zeit für die Schwangerschaftspflicht?
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Die Menschen der Völker und Nationen im sogenannten Westen werden älter, und jener Teil der jeweiligen Bevölkerung, der traditionell Wohlstand, Wachstum und wirtschaftlichen Fortschritt vorantreibt, wird von Jahr zu Jahr kleiner.

Das Statistische Bundesamt schreibt: »Die sinkende Zahl der Menschen im jüngeren Alter und die gleichzeitig steigende Zahl älterer Menschen verschieben den demographischen Rahmen in bisher nicht gekannter Art und Weise. Jede zweite Person in Deutschland ist heute älter als 45 und jede fünfte Person älter als 66 Jahre.« (destatis.de, abgerufen am 8.12.2021)

Zwar stiegen die Geburtenzahlen zuletzt leicht an, doch der langjährige Rückgang zuvor ist nicht so einfach aufzuholen: Ein Kind braucht bekanntermaßen locker zwei oder mehr Jahrzehnte, bis es selbst sich vermehren kann (und auch sollte!), während die Alten rücksichtslos immer weiter sterben.

Die Gründe, warum ein Mensch keinen Nachwuchs in die Welt setzt, lassen sich grob in zwei Gruppen teilen: freiwillig und unfreiwillig, sprich: medizinisch. Die freiwillige Kinderlosigkeit ließe sich wiederum weiter unterteile etwa in kinderlose Lebenskonzepte wie Karriere-Planung, dann in die Gruppe jener Menschen, welche sich auf eine politische Karriere vorbereiten (Kinder könnten das politische Denken beeinträchtigen, indem sie eventuell Gewissen und Empathie triggern, wobei wir auch da positive Ausnahmen kennen, wo Kinderreiche von allen Skrupeln unberührt blieben), und schließlich schlicht in jene Gruppe, die sich von blanker Sorge um die eigene wie auch gesellschaftliche Zukunft blockiert fühlt.

Es sei an der Zeit, so hört man dieser Tage, dass die Kinderlosigkeit ohne ärztliches Attest endlich als »Egoismus« benannt werde, und zwar »Egoismus auf Kosten der Gesellschaft«.

Die Rechnung sei denkbar einfach, so heißt: Wenn ein Volk pro Jahr um 10.000 Bürger weniger wird, dann trage logischerweise jedes Paar, das sich der zum Erhalt des Volkes notwendigen Mindestanzahl an Kindern verweigert, moralische Mitschuld an der Nichtexistenz jener 10.000 Bürger. Für die Schuld an der Nichtexistenz von Bürgern die Verantwortung zu tragen, so heißt es weiter, dafür gebe es aber nochmal ganz andere Worte.

Es geht aber natürlich nicht nur um den Erhalt der fernen Zukunft, es geht auch um die nahe Gegenwart. Die Älteren und Gebrechlichen der Gesellschaft sind auf die Sozialleistungen und Rentenzahlung jüngerer Menschen angewiesen. Ohne eine nachwachsende Generation werden Forschung und Kunst stagnieren. Ohne eine kritische junge Generation wird niemand mehr da sein, dem die ältere Generation ihre Erfahrungen weitergeben kann, was eine der letzten Möglichkeiten älterer Menschen ist, ihr Leben wirklich sinnvoll abzurunden.

Aus diesen und weiteren Gründen sei es, so hört man immer lauter, nun endlich an der Zeit, die Schwangerschaftspflicht einzuführen. Wer sich der moralischen Pflicht zur Schwangerschaft entzieht, verhalte sich grob unsolidarisch gegenüber der Gemeinschaft, also müsse er ausgegrenzt und nachdrücklicher so zur Schwangerschaft motiviert werden.

Deutschland solle, so die Forderung, für alle relevanten Bereiche des öffentlichen Lebens eine »2-K-Regel einführen«: Nur wer 2 (aktuell lebende) Kinder in die Welt gebracht und aufgezogen hat, darf Supermärkte ohne Einschränkung benutzen, nur er darf ein Anrecht auf Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs haben. (Für besonders begehrte Bereiche des öffentlichen Lebens soll darüber hinaus die »3-K-Regel« gelten, welche weitere Genehmigungen mit sich bringt; so würde insgesamt das durchschnittlich notwendige Minimum von 2,1 Kindern pro Frau erzwungen werden.)

Die Einführung der Schwangerschaftspflicht würde absehbar von gesellschaftsübergreifenden Kampagnen begleitet werden müssen. Ministerien, Medien, Schulen und Konzerne könnten kooperieren in Aktionen wie »#ZusammenGegenKinderlosigkeit«. Die Propaganda-Abteilungen von Regierung und Staatsfunk würden Talking Points entwickeln wie »Ein kleiner Piks für den dicken Bauch«, man würde an den »Patriotismus der Unschwangeren« appelieren, sich doch endlich schwängern zu lassen, Prominente würde in Kampagnen abgebildet werden, wie sie eben frisch geschwängert wurden (ob nur symbolisch oder tatsächlich), et cetera.

Der Bürger würde derat in eine »emotionale Zange« genommen werden: Auf der einen Seite würde ihm Ausgrenzung drohen, wenn er sich der Schwangerschaftspflicht entzieht, und auf der anderen Seite würde er gelobt und belohnt werden, wenn er seiner Pflicht zu (mindestens) 2-K-Fortpflanzung brav nachkommt.

Besonders hartknäckigen Schwangerschaftsverweigerern könnte man mit der ärztlichen Diagnose einer »manischen Psychose« drohen, wenn diese sich dauerhaft aus persönlichen Gründen der Schwangerschaft entziehen. Wer sich auch nach Diagnose und Verweigereransprache stur der Schwangerschaft verweigert, der könnte zwangsweise zur entsprechenden Behandlung eingewiesen werden. Wo es um das Wohl des großen Ganzen geht, so würde es dann heißen, da kann und darf schon aus moralischen Gründen auf die egoistisch-psychotischen Spinnerein einiger weniger Verwirrten keine Rücksicht genommen werden.

Natürlich wären Proteste zu erwarten. Zu den angeblichen »Argumenten« gegen die Schwangerschaftspflicht würde etwa zählen, dass der Staat kein Recht hat, in den Körper der Frau einzugreifen. Dem würde die Politik entgegenhalten, natürlich mit Flankenschutz von Staatsfunk, Zeitungen und zuverlässigen Gerichten, dass das Recht auf körperliche Selbstbestimmung gegenüber den höheren Interessen der Gemeinschaft zurückzutreten hat.

Es wäre zu erwarten, dass irgendwelche Querulanten über die körperlichen und psychischen Risiken zwangsweiser Schwangerschaft schwafeln würden, doch durch konzertierte Maßnahmen würden die Experten, auf welche sich diese Gruppen berufen, lächerlich gemacht und so de facto zum Schweigen gebracht.

Es ist Teil der menschlichen Instinkte, das als eigene Moral anzunehmen, was Autoritäten als Moral vorgeben – um anschließend alle Andersdenkenden als unmoralisch anzuprangern. (Es soll etwa vorgekommen sein, dass Bürger die Gefährlichkeit eines Virus als »rechte Verschwörungstheorie« abtaten, weil der Staatsfunk das so sagte – und exakt dieselben Bürger, nur wenige Tage später, das exakte Gegenteil sagten und nun selbst die eigene Meinung vom Vortag als »rechte Spinnerei« abtaten – nicht etwa weil die Faktenlage sich geändert hätte, sondern weil ihnen der Staatsfunk das eben nun so anordnete.)

Einige der Schwangeren, die sich zur Schwangerschaft zwingen ließen, würden bald zu den ärgsten Wüterichen gegen die Schwangerschaftsverweigerer werden, um so vor sich selbst ihr Unglücklichsein zu kaschieren. Manches Opfer wird zum Täter, das ist die Natur des Menschen

Die Mehrheit der Bevölkerung würde sich auch dieser Dystopie beugen. Eine Zahl der Frauen würde sich zwar nur unter Tränen »piksen lassen«, und sie würden sich verletzt und fremd im eigenen Leben fühlen, womöglich ein Leben lang, doch die Statistik von Politik und Propaganda kümmert sich wenig um die Schicksale hinter den Zahlen. »Durch Schwangerschaft zurück zur Freiheit«, so könnte man als Parole ausrufen, und wer seine 2-K-Pflicht erfüllt und das auch nachweisen kann, der kann sich tatsächlich »frei« fühlen.

Wenn ganz real droht, dass ansonsten das Volk ausstirbt, muss dann nicht die Würde des Einzelnen eben zurückstehen? Die demographische Kurve, so höre ich, sprich: unser Aussterben, es sei wie eine Pandemie, die jedes Jahr tausende potentieller Menschenleben kostet. In einer Pandemie aber kann nicht, so heißt es heute, auf die körperliche oder gar seelische Unversehrtheit einiger Außenseiter und Spinner allzu viel Rücksicht genommen werden.

Wenn es in Kauf genommen werden kann, dass zum Wohl der Gemeinschaft der einzelne Bürger gezwungen wird, in seinen Körper eingreifen zu lassen, mit potentiell hohen Risiken und lebenslangen Folgen, dann ist es Zeit für die Schwangerschaftspflicht.

Es bleiben an dieser Stelle eigentlich nur noch wenige Fragen, wie etwa: Ist das alles ernst gemeint? Schreibe ich hier womöglich über etwas ganz anderes?

Ach, ich notiere doch nur, was ich hier und dort so hörte, als Ihr treuer Essayist vom Dienst, als Protokollschreiber verrückter Zeiten.

Was ich selbst mir bei all diesen Dingen denke, das ist gar nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, was Sie selbst denken!

Es gilt ja, auch weiterhin: Prüfe alles, glaube wenig, denke selbst!

Ich danke Ihnen!

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