25.01.2021

»Sieh dich um!«

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten, Foto von Lawrence Walters
Die Welt der Funktionäre hat wenig mit der Welt der Menschen gemeinsam, die an den Corona-Maßnahmen kaputtgehen. Es graust einen vor den Suizid- und Alkoholismuszahlen, so wir sie erfahren werden.
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Ich traf einen Freund. Nun ja, »Freund« ist ein zu intensiver Begriff. Eher einen »guten Bekannten«. (Gibt es auch »schlechte Bekannte«?)

Ich grüßte ihn freundlich, und ich fragte ihn, wie es denn so ginge. Ich weiß, dass er lange Jahre in einer klassischerweise einträglichen Branche unterwegs war und heute nicht mehr arbeiten muss.

Ich erwartete eine Antwort wie »ja, muss halt«, oder »man kämpft«. Etwas Unverbindliches, wie sonst auch, wie ich ihn kenne. Etwas allgemein Gefühlvolles und zumindest was ihn selbst angeht natürlich auch etwas Zuversichtliches – so gehört sich das doch, oder nicht?

Das war durchaus nicht, wie und was er mir auf meinen Gruß erwiderte. Das war es nicht einmal annähernd!

Er schaute mir in die Augen, suchte ein oder zwei Sekunden nach Worten, dann sagte er: »Dushan, öffne die Augen und sieh dich um!«

Ich war rat- und sprachlos. Ich musste wohl auch alle Anzeichen der Rat- und Sprachlosigkeit an den Tag gelegt haben, denn seine Stimme klang beinahe wütend und sicherlich nicht scherzend, als er wörtlich wiederholte: »Dushan, öffne die Augen und sieh dich um!«

Dann ging er weiter in Richtung seines Zuhauses, seinen lieben Hund an seiner Seite.

Ich habe mich bislang nicht getraut, mit ihm Kontakt aufzunehmen und zu fragen, was er denn genau gemeint hatte, denn ich ahne, was die Antwort sein wird: Ist es denn nicht offensichtlich?!

Mein eigener Heimweg von diesem (hoffentlich) zufälligen Treffen führte an mehreren verriegelten Ladengeschäften vorbei.

Die Betreiber jener heute geschlossenen Ladengeschäfte haben es nicht durch diese Krise geschafft. In zwei Fällen hatte ich zuvor die Besitzer getroffen und immer wieder ein paar Worte mit ihnen gewechselt, wie man es so tut. Ich kann den Lokalen, die da heute verriegelt und wohl auch aufgegeben stehen, jeweils ein Gesicht zuordnen.

Im Essay vom 28.11.2018 zitierte ich jenen berühmten Dickenschen Buchtitel »A Tale of Two Cities«, zu Deutsch: »Eine Geschichte aus zwei Städten«, der erschütternd brillant eine Dramatik komprimiert, die uns heute wieder begegnet: Die Welt der Funktionäre hat wenig mit der Welt der Menschen gemeinsam, die an den Corona-Maßnahmen kaputtgehen. Es graust einen vor den Suizid- und Alkoholismuszahlen hiernach.

Ich werde heute wieder an jenen verriegelten Läden vorbeigehen, es ist mein üblicher Spazierweg. Ich frage mich, was diese Menschen jetzt tun. Vielleicht sollte ich sie selbst fragen, doch ich weiß nicht einmal, wo sie wohnen.

»Dushan, öffne die Augen und sieh dich um!« – ich versuche mir einzureden, dass er es gar nicht so ernst und dramatisch meinte, wie es mir geklungen hatte, doch es will mir nicht gelingen. Es war ihm ernst – es ist ernst.

Einst, in ruhigeren Zeiten, stellte man Vorhaben und Pläne fürs neue Jahr auf. Mancher hat sich sogar Pläne für ganze Jahrzehnte zurechtgelegt.

Ich beschließe für mich heute – neben den üblichen Aufgaben, wie das Rad des Familienlebens weiterzudrehen – ein simples Vorhaben: Ich will ehrlich und bewusst versuchen, die sprichwörtlichen Augen offen zu halten, mich umzuschauen, und so zu sehen, was wirklich passiert.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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