11.01.2021

Die Nachricht des Tages

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Foto von Anton Smirnov
Die wahre Nachricht des Tages ist, dass wir nicht wissen, was die wahre Nachricht des Tages ist.
silhouette of buildings and birds
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Mein zehnjähriger Sohn Leo hat über Weihnachten ein neues Spiel entdeckt, und mit »Spiel« meine ich selbstredend: eine neue Art, seine Schwester zu piesacken. Es hat mit Atomphysik zu tun.

Leo hat irgendwo aufgeschnappt, dass die Oberflächen der Dinge im Allerkleinsten keinesfalls so glatt sind, wie sie uns erscheinen. Die Oberflächen und sonstigen Grenzen der Dinge bestehen natürlich aus Atomen, und diese wiederum aus einem Atomkern (der weitaus größte Teil der Masse) und relativ superweit von diesen entfernt kreisenden Elektronen (und dazwischen ist Nichts – unsere Welt besteht räumlich betrachtet vor allem aus diesem »Nichts«, und wenn wir uns über die Dinge der Welt aufregen, regen wir uns demnach tatsächlich größtenteils über »Nichts« auf). 

Ein Gegenstand »berührt« nicht einen anderen Gegenstand, sondern er kommt ihm so nahe, wie es die Abstoßung der jeweiligen Elektronen gerade erlaubt. Physikalisch betrachtet »steht« Ihre Kaffeetasse nicht auf Ihrem Tisch, sondern schwebt in einem Gleichgewicht zwischen der Erdanziehung und der abstoßenden Kraft der Elektronen in äußeren Tisch- sowie Kaffeetassenatomschichten. (Ich hoffe, es richtig dargestellt zu haben. Es ist mir eine Ehre, eine Reihe von Physikern unter meinen Lesern zu haben, inklusive gleich mehrerer Physikprofessoren – mir ist mehr als bewusst, wie dünn das Eis ist, auf dem ich in diesen Worten wandle. Auch wenn der Fuß das Eis nicht wirklich berührt, will man doch nicht, dass das Eis einbricht!)

Dies alles hatte Leo wohl von irgendwem gehört, und seine Schlussfolgerung bestand daraus, erst seine Schwester und dann uns, die Eltern, mit dem Finger zu piksen, und jedesmal auszurufen: »Haha, ich berühre dich gar nicht!« – Kinder stimmen uns Erwachsenen nicht darin zu, dass ein Witz nach einem oder zwei Dutzend Wiederholungen innerhalb eines Spaziergangs dann doch etwas von seiner Witzigkeit verliert, wo wir aber von verlorener Witzigkeit reden, sind wir schon bei den Nachrichten des Tages!

Welche Nachricht darf es sein?

Einige »Nachrichten des Tages« haben wir gehört, einige haben wir nicht gehört. Und, überhaupt: Welche der auf uns einprasselnden Nachrichten verdient es, eine »Nachricht des Tages« genannt zu werden?

Erlauben Sie mir bitte, Ihnen eine Auswahl anzubieten: »103.000 Asylanträge trotz Corona im Jahr 2020« (welt.de, 10.1.2021). Polizisten in den USA bekommen Ärger, wenn sie auf mögliche Beteiligung von Linksextremen am Capitol-Sturm hinweisen, selbst wenn sie es belegen (foxnews.com, 11.1.2021). »Söder warnt vor einer »Corona-RAF«« (welt.de, 10.1.2021). Aus seiner CSU wird derweil gefordert, direkt die Mobiltelefon-Bewegungsdaten auszulesen, um den 15-Kilometer-Radius zu kontrollieren (br.de, 11.1.2021). Was ist wirklich die eine Nachricht, die man kennen muss? (Und was bedeutet »muss« in diesem Kontext?)

Manche Nachrichten des Tages sind etwas älter, jedoch im Licht neuer Ereignisse plötzlich erneut aktuell. Prominente Figuren der sogenannten »Democrats« und ihrer Hollywood-Söldner haben in der Vergangenheit linke Aufstände verteidigt, die den Januar-2021-Ereignissen am Washingtoner Capitol ähnelten oder weit schlimmer waren, jedoch gegen Trump gerichtet und mit (nicht nur) ideeller Rückendeckung von Konzernen passierten (siehe etwa businessinsider.com, 31.7.2019, @nancypelosi, 13.11.2018/archiviert, @aoc, 2.12.2021/archiviert, cbsnews.com, 4.10.2018, et cetera).

Und dann gibt es noch kursierende Behauptungen, die wären eigentlich extrem tagesrelevant, und sind doch so grausig, dass man sie nicht einmal aussprechen will. Sagen wir es mal so: Zu den Geschäften der Trump-Familie mag es offene Fragen geben – der grabschende Biden aber wäre der erste US-Präsident, nach dessen Familie im Internet zu suchen einen in echte Gefahr bringen kann, und sei es »nur« Gefahr für die Seele – tun Sie es bitte nicht.

Tierisch oder roboterhaft?

Haben Sie sich entschieden, was für Sie die Nachricht des Tages ist?

Bevor Sie sich für Ihre Nachricht des Tages entscheiden, erlauben Sie mir bitte die Grundfrage allen menschlichen Nachdenkens ins Gedächtnis zu rufen. Es ist die Frage, die zu stellen und dann auch zu bedenken ein Ding (ob dieses Ding ein aufrecht gehender Affe, ein Hund oder ein Roboter ist) menschlich macht – und die nicht zu stellen und nicht zu bedenken (wie Betrunkene oder Opfer von Propaganda und Staatsfunk es nicht tun, siehe etwa »Non-Player Characters…« vom 15.10.2018), diese Frage nicht regelmäßig abzuwägen, lässt uns tierisch wirken und/oder roboterhaft (was für einen gewissen zweifelnden Mathematiker wohl dasselbe war), und diese erste Frage lautet: Was soll ich tun?

Liebe Leser, Sie verbringen so viel Zeit Ihres Tages mit weit langweiligeren Dingen, also gönnen Sie sich doch bitte an dieser Stelle läppische zehn Sekunden Zeit, und denken Sie über eine Frage nach: Warum lesen oder schauen Sie die Nachrichten des Tages?

Vielleicht werden Sie ganz automatisch so etwas antworten wie: »Weil ich auf dem Laufenden bleiben möchte?«, was im Grunde eine Umformulierung der Frage wäre, nur als Aussage, also wäre meine Anschlussfrage, über die ich Sie bitte, diese zehn Sekunden lang nachzudenken: Warum möchten Sie »auf dem Laufenden bleiben«, »wissen, was passiert«, »informiert sein«?

– Zehn Sekunden Nachdenkpause –

Haben Sie eine Antwort gefunden, die einen Sinn ergibt, und die Sie selbst überzeugt?

Auf den Boxsack

Der naheliegende Grund, warum wir die Nachrichten verfolgen, und warum die Nachrichten so sind, wie sie sind, ist wieder einmal simpel: Ein Stamm, der von Natur aus stets darauf achtete, welche Gefahren ihm drohen, hat eher überlebt, als einer, der es nicht tat. Die Nachrichten des Tages ergeben plötzlich viel mehr Sinn – oder überhaupt erst einen Sinn! – wenn man sie als das betrachtet, was sie wirklich sind, nämlich die Gefahren des Tages!

Praktisch alle, ja, wohl ausnahmslos alle Nachrichten des Tages sind in irgendeiner Form wesentlich Gefahrenhinweise. Wenn einfach nur bekanntgegeben wird, wer zum neuen Herrscher erklärt wurde, wird es zur Gefahr, jemanden anderen als Herrscher zu betrachten. Fußball ist, wie ich in Talking Points erkläre, eine Kompensation für die menschliche Lust an Schlachten zwischen Stämmen (also: für den Krieg; eine Lust, die unter Harris/Biden bald sehr direkt befriedigt werden könnte), und der Wetterbericht ist unter den Gefahren-Status-Meldungen der Nachrichten die wohl »biologischste«.

Doch für jenen Stamm, dessen Gene wir heute tragen, und für uns selbst, die wir doch zumindest Philosophen in eigener Sache sein wollen, für beide gilt gleichermaßen: Die Gefahren-des-Tages zu beobachten ist nur der  erste Schritt, der Auftakt zur daraus und also darauf folgenden Handlung! Was nutzt es dir, vom anstehenden Regen erfahren zu haben, wenn du den Schirm dennoch vergisst?

Manchmal hören wir die Nachrichten des Tages, und wir spüren das Bedürfnis, die Fernbedienung oder das Mobilgerät gegen die Wand zu werfen oder auf einen Boxsack einzudreschen (oder mindestens ins Sofakissen zu schlagen). Wir lächeln dann über uns und wir unterdrücken es, wir sind ja keine Islamisten oder Antifa-Spinner, nein, wir sind zivilisierte Menschen, und statt den Couchtisch umzuwerfen entwickeln wir Magengeschwüre. Jedoch, dieser Drang zur körperlichen Handlung, er sendet uns eine wichtige und in unseren Genen codierte Botschaft mit: Von der Gefahr zu hören ist kein Selbstzweck!

Sich der Gefahr zu entziehen

Unser Drang, die Nachrichten des Tages zu hören, soll eine Handlung motivieren, durch welche wir uns dem Einfluss dieser Gefahr entziehen.

Das also ist meine Antwort auf die Frage, über die ich Sie nachzudenken bat: Wir schauen die Nachrichten des Tages, die eigentlich die Gefahren des Tages sind, um daraus für uns zu schließen, wie wir handeln sollen.

Das klitzekleine Dilemma allerdings, dem wir uns heute in den Zeiten von Staatsfunk, Konzernmedien und teils von der Regierung co-finanzierten Digitalzeitungen befinden: Die Gefahr, von der wir berichtet bekommen, könnte frei ausgedacht sein (von Kuwait- bis Chemnitzlüge, von Massenvernichtungswaffen, die nie gefunden wurden, bis zu den diversen Hakenkreuzen, welche sich später als von den angeblichen Opfern selbst gekritzelt herausstellen). Es könnte sein, dass man uns eine Gefahr zeigt, die uns zu einer Reaktion bewegen soll (und sei diese Reaktion auch die passive Hinnahme politischer Maßnahmen), die aber so gar nicht existiert – oder längst nicht in dem Maßstab, wie die Propaganda es vorgaukelt.

Und, im Gegenzug: Indem die Nachrichten-des-Tages uns vorenthalten, was die wirklich größte Gefahr des Tages ist, etwa weil es die Bevölkerung »beunruhigen« könnte, oder weil es Widerstand gegen gewisse Maßnahmen wecken könnte, lässt man das Volk blind in eine Gefahr hineinlaufen, die durchaus vermeidbar gewesen wäre.

Mein Sohn hat dieser Tage entdeckt, dass unser Begriff von Realität eine Konstruktion unseres Geistes ist. Das Piksen ist nicht wirklich piksen, so sagt er, weil sich ja zwei Oberflächen nie wirklich berühren (als die Schwester sanft zurück pikste, sah er das plötzlich ganz anders).

Im Kleinsten alle Dinge

Betrachten Sie einmal die Hand, mit der Sie das Medium halten, auf welchem Sie diesen Text lesen. Die Hand und das Medium sind längst nicht so fest und scharf abgetrennt, wie unser Geist sie uns erscheinen lässt. Elektronen tauchen mal hier und mal dort auf. Die Oberflächen tauschen Partikel mit ihrer Umwelt aus. Stellen wir uns eine Insel vor, deren Sandstrände immerzu von den Wellen umgeformt werden, deren Kontur und Ausdehnung zu jeder Stunde eine andere ist als eben noch – so sind im Kleinsten alle Dinge!

Der Himmel über uns ist die Brechung des Lichts in der Atmosphäre, eine Illusion unseres Geistes – den wahren Himmel sehen wir in der Nacht. In der Nacht – so wir nicht vom elektrischen Licht geblendet sind – sehen wir ins Weltall hinein. Das Schwarz des Nachthimmels ist das Weltall selbst. (Und wir Menschen wuseln auf einem klitzekleinen blauen Planeten in den Außenregionen dieses Weltalls herum, und das auch nur für eine lächerlich kurze Zeit, und statt darüber in erstaunter Dankbarkeit mit Freudentränen in den Augen zu verharren, und einander zu beglückwünschen, dass wir überhaupt hier sind, tun wir… na ja, siehe die »Nachrichten des Tages«.)

Sie mögen die Spitzen Ihres Zeigefingers und Ihres Daumens noch so fest aneinander pressen, die Haut »berührt« sich nicht wirklich – die Elektronen stoßen einander ab. Es ist immer »etwas dazwischen«, doch auch wenn wir es nun wissen, so wissen wir auch, was damit gemeint ist – und es ergibt wenig Unterschied für unser praktisches Leben.

Mit den Nachrichten des Tages ist es nicht ganz so »einfach« wie mit den Fingern, die man aneinander presst, ob zum Zeigen des »Okay« oder ob zum verzweifelten Ringen der Hände.

So wie der Geist der Forscher herausgefunden hat, dass die Dinge des Alltags bei näherem Hinsehen ganz anders beschaffen sind, als der erste Eindruck einen glauben lassen könnte, so legt unser eigener Forschergeist uns nahe, dass die »Gefahren des Tages« ganz andere sein könnten als die, welche man uns als solche präsentiert.

Wie sollen wir nun wissen, was wahr ist und was nicht? Wir wissen es nicht (und es liegt nicht nur an der Instabilität des Wahrheitsbegriffs).

Da zu jeder der großen Meldungen des Tages angenommen werden muss, dass sie auch nicht wahr ist – und dass das wirklich Wichtige gar nicht erst berichtet wird, empfehle ich uns dringend, im Persönlichen derart zu handeln, dass die Handlungen in beiden Fällen funktionieren werden.

Nicht selten plausibler

Eine meiner Lebensregeln lautet bekanntlich:

Wenn A und das Gegenteil von A beide plausibel klingen, haben wir wahrscheinlich das Problem nicht begriffen.

Im Geiste jener bewährten Regel lässt sich über die Nachrichtenlage sagen: Heute klingt das willkürliche Gegenteil dessen, was in den Nachrichten gesagt wird, nicht selten plausibler als das, was als offizielle Wahrheit gilt. Die Frage ist oft gar nicht, ob das eine oder das andere wahr ist – es kann beides Humbug sein – die eigentlich Frage ist, was die wirkliche Nachricht ist.

Die eigentliche Nachricht des Tages ist, dass wir nicht wissen, was die eigentliche Nachricht des Tages ist.

Die Zeiten sind wild, gefährlich und verwirrend, ich weiß, doch wenigstens ist mein Ratschlag im Vergleich dazu recht einfach: Handelt so, dass eure Handlung auch dann die richtige wäre, wenn das Gegenteil der offiziellen Nachrichten der Fall wäre; bedenkt, was euch wirklich wichtig ist, was eure relevanten Strukturen sind – und dann stärkt und schützt sie!

Ja, dies könnte eine neue Lebensregel sein: Lebe ein Leben, das auch dann gut zu nennen sein wird, wenn das Gegenteil dessen, was sie in den Nachrichten sagen, sich als wahr herausstellen sollte.

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