17.5.2020

Und dazwischen wir?

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Denis Chick
Demonstrant bei Corona-Demo gibt ehrlich zu, auf Trickfrage eines Polizisten keine Antwort zu haben. Linke höhnen, denn sie empfinden es als Schwäche, zuzugeben, dass man keine Antwort hat. – Frage: Wie wäre die Debatte mit Antifa-Schlägern verlaufen?
black and red train passing through forest
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Wenn ein Zeitgenosse mich fragte, welcher jüdische Witz mein liebster sei, so könnte der Witz, den ich nennen werde, je nach Tageszeit und genereller Stimmung, ganz unterschiedlich ausfallen!

Mal ist es einer mit Psalmen und Gesundheit (im weitesten Sinne – ich erzähle ihn Ihnen gern mal persönlich). Mal ist es der mit dem Apfel. (Der Rabbi wird gefragt, was man tun soll, um Kinder zu verhüten. »Apfel essen!«, sagt er. »Davor oder danach?«, wird er gefragt, und er antwortet: »Stattdessen.«)

Und dann ist da noch der mit der Zugfahrt, und der geht so – aus dem Gedächtnis nacherzählt: Wien, um 1900, Moische und Yankel streiten, wessen Rabbiner der größere sei. Sagt Moische: »Unser Rabbi ist der größte! Letztens fuhren wir mit dem Zug, und ein Sturm kam auf, und unser Rabbi betete, und siehe da: Links Sturm, rechts Sturm, aber wir dazwischen mittendurch!« – Sagt Yankel: »Gut, sehr gut, aber unser Rabbi ist dennoch größer. Letztens fuhren wir freitags mit dem Zug, und der Zug verspätete sich, und es wurde Erev Schabbat, und unser Rabbi betete, und stell dir vor: Links Schabbat, rechts Schabbat, aber wir dazwischen mittendurch!«

Wenn Sie über diesen Witz mit dem anbrechenden Schabbat lachen, dann wissen Sie wahrscheinlich, dass streng gläubige Juden am Samstag nicht Zugfahren, und dass ein religiöser Tag von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang geht, genauer vom Erscheinen der ersten drei Sterne am Abendhimmel – und vor allem kennen Sie den melancholischen Schmerz, den es mit sich bringt, all die Ordnungen in einer unordentlichen Welt in Harmonie bringen zu wollen – seine Kreise zu ordnen, gewissermaßen.

»Staatszersetzend« und »Gefahr«

In Deutschland wird dieser Tage gegen die Einschränkungen durch das Coronavirus demonstriert. Im Grunde wiederholen viele der Demonstranten nur, was noch vor wenigen Wochen die »offizielle Wahrheit« des Staatsfunks war – doch sie stellen sich damit eben gegen die neue »offizielle Wahrheit«, und das zu tun bringt einem die Beschimpfung als »Spinner«, »Verschwörungstheoretiker« et cetera ein (siehe auch »Es ist soweit.«).

Bei den Anti-Lockdown-Demos fallen uns Muster auf, die wir aus anderen Demonstrationen kennen. Das Übliche: Politiknahe Medien versuchen, das Anliegen lächerlich zu machen. Randerscheinungen werden zum Pars pro Toto erklärt – bei einer Demo kann ja (fast) jeder auflaufen. Leider ebenso »wie üblich«: Linksextreme stellen sich gegen regierungskritische Demonstranten, mit links-intelligenten Sprüchen wie »Meinungsfreiheit ist mehr wert als eure wertlose Meinung« (vergleiche reitschuster.de 16.5.2020).

Auf einigen Demos sollen aufmerksamkeitsverzweifelte C-Promis gesichtet worden sein. Ein Herr Pocher scheint sich, so meine Deutung der Berichte, an die Prominenz eines Herrn Hildmann dranhängen zu wollen (bild.de, 17.5.2020). Nach Big-Brother-Container, Dschungelcamp nun eben die Corona-Demos. Ja, es hat etwas »Postdemokratisches« an sich, wenn der Protest gegen die Aufhebung der Grundrechte zur Plattform für langweilige PR-Gags wird.

Von der Berliner Demonstration kursiert aktuell ein Video (siehe etwa welt.de, 17.5.2020) von der Debatte zwischen einem aufgewühlten Demonstranten und einem Polizisten, der sarkastisch darauf verweist, dass Putin ähnliche Maßnahmen beschloss wie sie im Westen beschlossen werden. Der Polizist »framet« die Frage im Staatsfunk-Stil, indem er dem Demonstranten unterschiebt, Putin für den »einzige[n] freien Führer« zu halten (ja, er sagt »Führer«). Es ist eine Trickfrage, im Stil des vom Staatsfunk bekannten »Framing« (siehe auch das Framing-Manual der ARD) und Unterstellung (siehe auch »Talking Points«). Und der sichtlich überforderte Demonstrant ist kein Linker, der einfach »Rassismus« und »Du Nazi« schreien muss um Argumente zu »gewinnen«; der Demonstrant gibt seine Unwissenheit zu (die erheblich zu sein scheint – kein Zweifel), wofür ihn Linke nun verhöhnen – Faschisten, auch Linksfaschisten, verachten die Schwäche. Sollten wir nicht vielmehr feiern, dass Menschen sich in Deutschland trauen, der Regierung zu widersprechen? Okay, Linke sind in Herz und Stiefeltritt eher autoritär gefärbt, und manche scheinen Demokratie eher funktional zu betrachten, aber der Rest von uns, die Einfach-nur-leben-Fraktion, wir sollten uns freuen, wenn jemand der Regierung in Worten widerspricht.

Der Chef des Bundes-Verfassungsschutzes ist noch immer CDU-Mann Haldenwang (bislang hat er ja auch noch nicht öffentlich Frau Merkel widersprochen), ein Mann, der schon mal im Kontext eines linksextremen Anschlags mehr Konsequenz im Kampf gegen Rechtsextremismus anzukündigen scheint, siehe Essay vom 30.4.2020), und dieser Herr hat diese Demonstrationen in interessanter Formulierung kommentiert:

Es besteht die Gefahr, dass Rechtsextremisten sich mit ihren Feindbildern und staatszersetzenden Zielen an die Spitze der Corona-Demonstrationen stellen, die aktuell mehrheitlich von verfassungstreuen Bürgern durchgeführt werden. (Thomas Haldenwang, Bundesamt für Verfassungsschutz, zitiert nach zdf.de, 17.5.2020)

Was ist der Sachgehalt dieses Zitats? Dass die Demonstranten mehrheitlich verfassungstreue Bürger sind. Was bleibt aber hängen – und wird vom Staatsfunk und anderen Haltungsmedien inhaltlich aufgegriffen? Irgendwas von »Rechtsextremisten«, »staatszersetzend«, »Gefahr«.

Nicht allzu heiß

Corona-Panik und Corona-Leugnung (ja, ich habe »Leugnung« gesagt) sind beides Kinder des Internet-Klick-Zeitalters, der maximalen Erregung und der Dauerempörung.

Internet und Unterhaltungs-Elektronik haben unser Leben in mehr als einer Hinsicht verändert – in vielen Angelegenheit gewiss zum Guten. Wir können tausende Filme sofort anschauen – zum Monatspreis eines einzigen Kino-Tickets und ohne lärmende Jugendliche, Parkplatzsuche und Popcorn zum Preis von Goldbarren. – Ich gestehe auch, dass es mir oft angenehmer ist, einfach ein Paket zu bestellen, als mich mit schlecht gelaunten Verkäufern herumzuschlagen. Buchhandlungen waren ein wesensprägender Teil meiner Kindheit (Gonski am Kölner Neumarkt hat inzwischen geschlossen, wie auch WOM im Keller von Hertie, wo ich manche Schallplatte gratis hörte), doch spätestens seit die deutsche Buchbranche sich als Zensor im Geist ideologischer Gleichschaltung betätigt (siehe etwa den Essay vom 11.3.2018), sind meine Tränen über den Erfolg von Amazon auf Kosten der oft linken Büchermafia nicht allzu heiß.

Jedoch, das Internet brachte uns nicht nur Filme ohne Kino-Stress und Bücher ohne Buchhandel-Frust – das Internet hat auch Nachteile, und der mit übergroßem Abstand größte Nachteil ist die Hyperemotionalisierung aller Debatten.

Ja, Internet-Gezänk kennt »Gewinner« – oder solche, die sich am Abend wie Gewinner fühlen, und es sind meist die, welche ihre Gefolgsleute wie auch Gegner gleichermaßen am stärksten emotionalisieren können. Gestalten wie der Staatsfunker Jan Böhmermann haben sich darauf spezialisiert, einer dumpfen Internet-Horde immer wieder einen neuen »Feind« zu zeigen, der dann im Kollektiv des anonymen Staatsfunk-Zuschauer-Mobs angegriffen und beschimpft wird, ganz im Geiste des faschistoid gefärbten Schlachtrufs »Wir sind mehr!« – und sehr zum Schaden der Werte der Demokratie.

Die Internet-Debatte ist keine Debatte , im Internet klingen nur noch die Extreme durch. Trump macht im linken Weltbild nicht hier und da ein paare Fehler – für die von gewissen NGOs »motivierte« Internet-Linke kann Trump nur das Böse schlechthin sein. Und, im Gegenzug: Obama war denen nicht ein Politiker mit einigem Licht und einigem Schatten – etwa seinem »Drohnenkrieg« – nein, er war ihnen der Messias schlechthin.

Die kluge Reaktion auf das China-Virus wäre, war und ist es, sich zu schützen – als Nation, als Firma, als Familie und als Individuum – und im Zweifelsfall »auf Nummer sicher zu gehen«, doch sehr bald einen Mittelweg zwischen einerseits Ignoranz und andererseits »Selbstmord aus Angst vor dem Tod« zu suchen, doch das ist nicht der Weg, der heute debattiert wird – das ist nicht der Weg, der »Klicks macht«.

Das Runterputzen eines Bürgers durch einen Polizisten, bejubelt von Linken. Die totale Leugnung durch den Staatsfunk – und dann die Dämonisierung aller Zweifler (ob mit oder ohne Ich-habe-Zweifel-T-Shirt). Die Debatte kennt nur das Funkenschlagen an den Leitplanken – und das ist mühsam für den, der gern auf der Fahrbahn bliebe, um irgendwann an irgendeinem Ziel anzukommen… irgendwie.

Eine dunkle Zugfahrt heute

Jener schöne Witz mit dem einen Zug, der mitten durch Sturm fährt, und dem anderen Zug – ich möchte mich heute wie ein Passagier in jenen Zügen fühlen. – Auf der einen Seite ruft es: »Alles nur Panikmache!«, und die anderen rufen (ich paraphrasiere ein wenig): »Bleibt daheim und zittert, bis Bill Gates uns Kraft seiner Nadel vom Virus erlöst!«

Es ist eine dunkle Zugfahrt heute: Auf der einen Seite blanker Irrsinn, auf der anderen Seite schierer Irrsinn, und wir fahren mittendurch. Wir ringen darum (und manche beten wohl auch), am Irrsinn nicht selbst irre zu werden.

Schützt euch vor der Dummheit und vor dem Virus, vor dem Ruin am Geld, dem Ruin am Gemüt und nicht zuletzt vor dem Ruin an eurer Gesundheit. Was hülfe es dem Menschen, wenn er den Kampf gegen alle Viren gewönne und dabei Schaden nähme an seinem Verstand?!

Ich empfehle, einen Apfel zu essen. Ich höre Sie zurückfragen: »Vor oder nach dem Irrewerden?«, und ich antworte: Stattdessen.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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