17.10.2022

Unsere Filme, Teil 2 von 3

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten
Das Wirtschaftswunder war kein »Wunder« – es war harte Arbeit. (Wofür eigentlich?) – Gut, dass es Ablenkung gab, etwa von Heinz Erhardt. Er ließ uns schmunzeln über das, was uns alle eint. Ist so menschlicher Humor heute überhaupt noch denkbar?
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Diese Essay-Trilogie schrieb ich im Austausch mit meinen Twitter-Followern, siehe dazu die Antworten auf diesen und diesen Tweet. – Dankeschön!

Dies ist der zweite Teil der Trilogie (hier ist ein Link zum ersten Teil).

Im ersten Teil dieser Trilogie über unsere deutschen Filme notierten wir die Funktion von Filmen als Chronik der seelischen Befindlichkeit eines Volkes. Und wir sprachen über deutsche Filme aus den ersten Jahrzehnten, wir nannten Filme wie »Metropolis« oder »M«.

Wir bewegen uns nun einige Jahrzehnte weiter, und überspringen wichtige Filme wie »Nosferatu« (1922) oder »Die Feuerzangenbowle« (1944). Wir landen in der Nachkriegszeit, und damit bei einem Mann, der mit seinen Rollen den Deutschen aus der Seele sprach. Und er lenkte die Deutschen von der Mühe ihres Alltags ab. Sein Name war Heinz Erhardt.

Heinz Erhardt

Einige seiner Filme waren auf Erhardt zugeschnitten, anderen prägte er durch Besetzung einer einzigen Rolle seinen Stempel auf. Wir denken an Filme wie »Witwer mit fünf Töchtern«, »Drei Mann in einem Boot« (im Audio fälschlicherweise: »Drei Männer und ein Boot«) oder an den bereits erwähnten Film »Was ist denn bloß mit Willi los?«.

Heinz Erhardt mahnt uns, übrigens auch in seinen Gedichten, dass die Lage des Menschen zwar immer aussichtslos ist, deshalb aber noch lange nicht bierernst genommen werden darf.

Heinz Erhardt lenkte uns ab, von den Mühen des Wiederaufbaus und vom Stress des folgenden Wirtschaftswunders.

Deutsche Kultur findet ja seit 1945 in exakt zwei Kategorien statt: Entweder man verarbeitet vergangene Diktaturen samt ihrer Folgen – oder man lenkt sich humorvoll eben davon ab.

Heinz Erhardt lenkte die Deutschen von ihrer Mühe ab, und zwar auf die schönste mögliche Weise. Erhardt zeigte vergnüglich auf, was uns Menschen ja doch eint.

Das Boot (1981)

In die Kategorie der »Verarbeitung« können wir etwa  den Film »Das Boot« von Wolfgang Petersen einordnen. Es ist eine Verfilmung des gleichnamigen Buches von Lothar-Günther Buchheim, der darin seine eigene Erfahrung als Besatzungsmitglied des U-Bootes »U 96« festhielt.

Der Film »Das Boot« erschien 1981, und er lässt den Zuschauer die Seelenlage der U-Boot-Besatzung im Krieg so präzise nachfühlen, dass es ans »Dokumentarische« grenzt. Die menschliche Angst, und der durchaus menschliche Versuch, auch jenes sinnlose Böse zu überleben, dessen Teil man doch selbst ist, all dieses Menschliche bleibt wahr, und also »bleibt« dieser Film.

Otto, der Film (1985)

»Da waren sie wieder, meine drei Probleme« – Otto Waalkes legte 1985 einen der lustigsten und erfolgreichsten deutschen Filme aller Zeiten vor: »Otto, der Film«.

Waalkes zeichnet in einer Blödel-Szene nach der anderen ein Psychogramm der deutschen Befindlichkeiten in den 1980ern – bis heute erfrischend relevant.

Mindestens eine zum Schreien lustige, weil schmerzhaft wahre Szene könnte und dürfte heute etwa so nicht gedreht werden. Zitat aus dieser Szene: »Sie müssen nämlich wissen, wir hatten noch nie einen Sklaven. Ein bisschen ungewohnt ist es ja doch, aber kann ich Ihnen vielleicht einen Kaffee anbieten?«

»Otto, der Film« bleibt – definitiv.

Klitzekleine Auswahl

Ach, wie viele Filme ich noch hier nennen könnte – und eigentlich müsste.

Eine klitzekleine Auswahl: »Der Tiger von Eschnapur« (1959), »Die Brücke« (1959), »Spur der Steine« (1966), »Die Legende von Paul und Paula« (1973), »Fitzcarraldo« (1982), »Paris, Texas« (1984), »Der Totmacher« (1995), »Jenseits der Stille« (1996), »Lola rennt« (1998), »Bang Boom Bang« (1999), »Halbe Treppe« (2001), »Good Bye, Lenin!« (2003), »Gegen die Wand« (2004), »Der Untergang« (2004), »Das Leben der Anderen« (2006), »Die Welle« (2008), »3 Zimmer/Küche/Bad« (2012) – und all die Filme, über die wir einfach nur so wunderbar lachten, sei es »Manta Manta« (1991) oder »Lammbock« (2001).

Jede solche Liste ist unvollständig, und diese sowieso. Ich will also nur noch einen Namen erwähnen: Loriot.

Loriot

Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow, Künstlername Loriot, hat uns neben manchem TV-Sketch und -Film zwei Spielfilme geschenkt, nämlich »Ödipussi« (1988) und »Pappa Ante Portas« (1991).

Wenn alle Kunst eine Verhandlung der Conditio Humana ist, also der Bedingungen des Menschseins selbst, dann ist Loriots Werk die Verhandlung der »Conditio humani germanici« – der existenziellen wie auch seelischen Rahmenbedingungen der speziell deutschen Menschen. Und manchmal braucht der Mensch, besonders der deutsche Mensch, nur eine simple Verortung seiner selbst, etwa durch Nennung seines Namens, und dann des aktuellen Raums wie auch der eigenen Funktion in ebendiesem Raum; etwa so: »Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein.«

Als »Pappa ante portas« im Jahr 1991 herauskam, war ich noch Gymnasiast im Endstadium, und ich verstand längst nicht jeden Scherz, nicht auf emotionaler Ebene – und also verstand ich ebenfalls nicht genau, warum mein Vater mir den Film so herzlich empfahl.

Heute, Jahrzehnte später, bin ich selbst Vater, und ich verstehe durchaus – wenn ich auch nicht genau sagen kann, warum eigentlich ich es so zum Schreien lustig finde, wenn Herr Lohse im Film sagt: »Mein Sohn ist 16. Er sitzt und spricht.«

Schnitt!

Hier aber setzt dieser Vater und Essayist einen Schnitt, und beendet den zweiten Teil dieser Trilogie.

Im dritten Teil werden wir über die aktuelle Lage des deutschen Films sprechen – und werden einige der prägnantesten Zitate unserer Filmgeschichte notieren!

Danke, Wegner!

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