08.10.2021

Ich bin (k)ein Feigling

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von Pascal van de Vendel
Feigheit und Mut setzen beide sowohl die Furcht als auch das pflichtbewusste Gewissen voraus. Der Mutige folgt seinem Gewissen und seiner Pflicht, der Feigling aber folgt seiner Furcht, das ist der ganze Unterschied.
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Ich höre dich sagen: »Ich bin doch kein Feigling«, und ich frage dich zurück: Niemals? Nein? Wirklich nicht, ganz sicher?

Wenn du also mit Sicherheit weißt, wenn jede Faser deines Wesens mir zu schwören vermag, dass du doch niemals nie nicht ein Feigling bist, dann lass mich dich schnell zurückfragen: Kannst du mir schnell sagen, was ein Feigling ist? Was ist deine Definition?

Eine Notiz: Ich meine deine Definition von Feigling, aber, wenn wir schon so trefflich spekulieren, dazu gern deine Definition im Sinne einer Definition dessen, was du bist.

Ich versuche es so: Ein Feigling fürchtet die unangenehmen Folgen der Handlung mehr als die moralische Last des Verweigerns.

»Ich bin kein Feigling«, so wird ein jeder von uns ausrufen, doch ich müsste lügen, wenn ich sagte, dass ich niemals feige gehandelt hätte. Wobei ich als freischaffender Philosoph für meine Feigheit stets eine recht moralisch tönende Begründung vorzuweisen vermag, und mitunter überzeugt sie mich sogar selbst.

Trotz, nicht ohne

In der Sprache der Relevanten Strukturen ließe sich sagen: Der Feigling bewertet die Relevanz der Struktur persönliches Wohlbefinden höher als die Relevanz der Strukturen dienstlicher Auftrag und moralische Pflicht.

Feigheit setzt begriffslogisch voraus, dass der Feigling durchaus ein Gewissen verspürt und sich seines Auftrags bewusst ist, doch er entscheidet sich gegen diese, und für sein Wohlbefinden.

Mut und Feigheit setzen beide sowohl die Furcht als auch eine Art von Pflicht voraus. Beide, der Mutige wie auch der Feigling, empfinden Furcht wie auch Pflichtbewusstsein.

Der Mut ist so hoch angesehen und die Feigheit ist so verächtlich, gerade weil der Mutige wie der Feigling bei denselben Gefühlen ansetzen. Den Mutigen unterscheidet vom Feigling weder Furcht noch Pflichtgefühl, sondern wie sie jeweils auf Furcht und Pflicht reagieren, zu welcher Handlung sie sich entschließen.

Der Feigling tut das Falsche trotz seines Gewissens, nicht ohne Gewissen. Der Mutige tut das Richtige trotz seiner Furcht, nicht ohne Furcht.

Ein Mensch ohne Gewissen ist nicht mutig, sondern krank an der Seele, ebenso wie einer ohne Furcht. Der Unterschied zwischen einem Kopfkranken ohne Gewissen und einem Kopfkranken ohne Furcht ist vor allem ein praktischer. Der vollständig Furchtlose wird früher oder später in einer Gefahr umkommen, denn die Furcht ist ja doch die nervöse große Schwester der kleineren Vorsicht, und ganz ohne Vorsicht wird’s selbstmörderisch. Der Gewissenlose aber, den man weder mutig noch feige nennen kann, denn Feigheit und Mut setzen beide zur Furcht auch Gewissen und Pflichtbewusstsein voraus, der Gewissenlose kann große Karriere machen.

Befehl zum Mut

Im Wehrstrafgesetz, Paragraph 6, heißt es: »Furcht vor persönlicher Gefahr entschuldigt eine Tat nicht, wenn die soldatische Pflicht verlangt, die Gefahr zu bestehen.« – Den Soldaten ist durchaus nicht verboten, sich vor persönlicher Gefahr zu fürchten. Wie sollte man die persönliche Gefahr leugnen, wie sollte man die Furcht vor ihr verbieten?

Den Soldaten ist es verboten, die Furcht über die Pflicht zu setzen. Der Paragraph 6 befiehlt den Mut.

»Haben’se überhaupt jedient?«, so fragte man früher. In Israel etwa ist im Militär gedient zu haben bis heute selbstverständliche Initiation in alle wichtigen Bereiche des öffentlichen Lebens. Die Frage, ob das Gegenüber gedient hat, bedeutet auf tieferer Ebene: Hast du gelernt, die Pflicht über deine Befindlichkeit zu stellen? Und die Implikation schwingt mit: Wenn du es nicht gelernt hast, im Militär oder anderswo, warum soll ich meine Zeit mit Feiglingen verschwenden?

Nicht auch noch Lügner

»Bist du ein Feigling?«, so frage ich mich. »Ich bin doch keiner, nein, ein Feigling bin ich niemals nie nicht«, so möchte ich mir versichern, doch die Worte rollen nur wacklig von den Rändern meiner Zunge. Feigling ist übel genug, ich will nicht auch noch zum Lügner werden!

Ich sage nicht mehr, dass ich kein Feigling bin. Ich sage, dass ich einer bin, der gern mutiger wäre. Ich will einer sein, der sich täglich im Mut übt.

Wie Herz, Hirn und andere Muskeln, muss auch der Mut jeden Tag geübt werden, um nicht zu verkümmern.

Wie der Athlet erst mit kleinen Gewichten trainiert, um dann schweres Eisen aufgelegt zu bekommen, so wird auch dein Mut zunächst mit den kleinen Mutbeweisen trainiert, um für das bereit zu sein, was du dereinst deine persönlichen Heldentaten nennen wirst.

Ich beauftrage mich heute selbst: Ich will üben, das zu tun, was mir als richtig erscheint, selbst wenn es wenig komfortabel ist. Ich gestehe vor mir selbst zu, zu oft im Leben zu feige gewesen zu sein.

Wie ein Amateurläufer im Sportwettbewerb, bin ich mein eigener aufmunternder Fanclub, und ich rufe mir zu: Auf denn, Feigling, sammle deine Kraft, überwinde deine Feigheit, und sei endlich etwas mutig.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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