11.10.2021

Wenn das Leben dir Zitronen gibt …

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von Sama Hosseini
Wenn das Leben dir täglich »Zitronen gibt«, dann mach nicht nur Limonade draus und stell den Küchenschrank voll mit saurem Zuckersaft – wer soll das alles trinken? Wenn das Leben dir immerzu Zitronen gibt, dann frage dich: Warum tut es das?
yellow lemon fruit on water
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Eine amerikanische Redensart besagt: Wenn das Leben dir Zitronen gibt, dann mach Limonade draus! – Auf Englisch: »If life gives you lemons, make lemonade.«

Jene Redeweise funktioniert im Amerikanischen so gut, weil das Wort für Limonade, lemonade, in sich das Wort für Zitronen lemons enthält. Die süße, erfrischende Limonade wird wörtlich wörtlich zur Konsequenz des Erhalts von Zitronen (ja, liebe Korrektoren, »wörtlich wörtlich« ist an dieser Stelle richtig).

»Wenn das Leben dir Zitronen gibt, dann mach Limonade draus!«, diese Redensart ist typisch amerikanisch, und mit »typisch amerikanisch« meinen wir einen ursprünglichen Geist des wiederholten Aufbruchs und des konsequenten Denkens in Möglichkeiten, nicht ein politisch hoffnungslos verfahrenes politisches System und eine Gesundheitsversorgung, das für einen schmerzhaft großen Teil der Erkrankten den sicheren Ruin bedeutet.

»Wenn das Leben dir Zitronen gibt, dann mach Limonade draus!«, das steht bildlich für: Wenn du in eine harsche Situation gerätst, dann wende und nutze sie! Lass dich nicht verbittern, sondern mach etwas »Süßes« draus!

Im Deutschen raten wir gelegentlich in ähnlicher Situation: »Mach halt das Beste draus…«, doch das klingt resignierter. Man könnte auch gegen die amerikanische Fassung eine Reihe von Einwänden erheben. Bei lemonade denken viele Amerikaner an den mythischen lemonade-stand. In alten Zeiten konnten Kinder, die sich etwas dazuverdienen wollten, mit Wasser, Zitronen und Zucker hausgemachte Limonade mischen und am Straßenrand verkaufen. In lemonade schwingt immer auch dieser lemonade-stand mit, also positiver Unternehmergeist schon für die Kleinsten. Tatsächlich kann heute aber ein solcher Verkauf von Nahrungsmitteln am Wegesrand gegen eine Reihe von Gesetzen und Verordnungen verstoßen, was regelmäßig dazu führt, dass solche Limonadenstände von der Polizei verboten werden (siehe etwa miamiherald.com, 40.5.2015; cbslocal.com, 29.5.2018 – es gibt zum Glück auch Gesetze in vielen US-Staaten, welche solche Stände explizit erlauben. Gelegentlich erklären sich Unternehmen im Rahmen einer PR-Aktion dazu bereit, entsprechende Bußgelder für die Kinder zu übernehmen; usatoday.com, 21.6.2019).

Meine Einwände zu dieser zweifellos grundsätzlich positiven Denk- und Redeweise sind aber nicht regulatorischen Charakters. Ich teile nicht den Eindruck, dass alle Menschen gleich viele »Zitronen bekommen«. Ich möchte versuchsweise den ersten Teil jener Redeweise übernehmen und ergänzen, um anschließend eine ganz neue Conclusio anzufügen, und zwar so:

Wenn das Leben dir täglich Zitronen gibt, dann frage dich: Warum?

Ich kenne Menschen, die auch die großen Entscheidungen ihres Lebens meist »aus dem Bauch« treffen. Und ich kenne Menschen, denen das Leben wieder und wieder »Zitronen gibt«. Die Schnittgruppe dieser Menschengruppen umfasst jeweils die Mehrheit.

Ich kenne Männer wie Frauen, die immer wieder in ihren romantischen Entscheidungen »dem Herzen folgen«, und mit »Herz« meinen sie das Diktat der Hormone des Tages. Wenn diese Leute zuvor an Kinder geraten sind, dann leiden diese Kinder sehr. Ich kenne Menschen, die in finanziellen Dingen zuerst »auf ihr Gefühl« hören, denen Sparsamkeit und Planung »total neurotisch« sind – wären solche Leute ein Unternehmen, würde man nicht in sie investieren wollen.

Ja, ich kenne natürlich auch Fälle, denen tatsächlich das Leben selbst saure Zitronen aufdrückte, oft in Form »des großen K«, sprich: Krebs. Jedoch, in meiner Erfahrungswelt sind es selten diese Leute, welche sich (nach der ersten Schockphase) immerzu darüber beklagen, wie unfair das Leben sei. Die Dauerjammerer sind vielmehr meist die, welche man an den Schultern greifen möchte, um ihnen metaphorisch zuzurufen: »Hör auf, ständig saure Zitronen zu bestellen – und wenn du sie bestellst, dann jammer wenigstens nicht darüber!«

Ich kannte einen Menschen, der jeden Tag schimpfte, wie er »heute wieder nur noch kotzen könnte«. Ich kannte einen anderen, der gefühlt jede Woche von einem neuen romantischen Partner schwärmte, als lebte er in einer US-Comedy-Serie – und zuverlässig bald darauf darüber klagte, was für ein übler Mensch der Partner von letzter Woche gewesen war, wie schlimm das Leben ihm doch mitspiele. Ich kenne manchen Menschen dieser Art, und ich beschränke den Umgang mit solchen Typen gern aufs notwendige Minimum. Diese Leute (miss-) brauchen dich als »emotionalen Mülleimer«. Indem du ihnen zuhörst, fühlen sie sich im Glauben gerechtfertigt, dass ihr Schicksal unausweichlich und damit nicht ihre eigene Schuld sei.

Das Letzte, was solche Leute hören wollen, wäre die metaphorische Frage: Wenn das Leben dir täglich Zitronen gibt, könnte es vielleicht sein, dass du schlicht diese Zitronen bestellt hast?

Wenn das Leben dir täglich Zitronen gibt, dann stell dir nicht den Küchenschrank voller Limonade – wer soll das alles trinken?

Wenn das Leben dir jeden Tag aufs Neue wieder Zitronen gibt, dann frage dich: Warum tut es das?

»Weiterschreiben, Wegner!«

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