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Ich will eine These wagen: Du kannst den Wert und Zustand einer Gesellschaft daran messen, ob in Fastfood-Restaurants die Getränke nur abgemessen oder als free refill verkauft werden.
Sollte euch der Wert in dieser These zu scharf klingen, dem will ich es verschärfen zur fortdauernden Existenz, zumindest für den Fall, dass von free refill etwa zu Einmal-Coupons gewechselt wurde.
Lasst mich erklären!
Stell dir vor, du bist bei deinem liebsten Burgerbräter zu Gast, sei es der mit den Goldenen Bögen oder der mit den Goldenen Kronen. Du zahlst und erhältst dein Fleischbrötchen und deine fritierten Kartoffelstäbchen. Und damit es nicht zu trocken wird, gibt es dazu eine Limonade, von Coca Cola oder von Ist Pepsi okay?, zum Runterspülen, damit der Rachen nicht trocken wird.
Solltest du zu jenen Heimatverwurzelten und also Beneidenswerten gehören, die nur ein Fast-Food-Restaurant kennen, dann weißt du vielleicht nicht: In manchen Restaurants erhältst du genau die bestellte und bezahlte Menge an Limonade. In anderen Restaurants erhältst du einen Pappbecher und kannst dich an einer Limonaden-Zapfsäule frei bedienen. Ob du Cola, Orangen- oder Zitronenlimo bestellst, ob Eistee oder manchmal sogar Iso-Drink – du kannst frei mischen und, vor allem, nachfüllen so oft du willst.
Normal und selbstverständlich
Das Prinzip des free refill (zu Deutsch: freies Nachfüllen) aber erscheint den einen Leuten normal und selbstverständlich – und den anderen als surreal und märchenhaft.
Natürlich erhält jeder Kunde nur die Menge an Limonade, die er bezahlt hat, so sagen die einen Leute, die free refill nicht kennen.
Die anderen aber wissen: Man kann als Restaurant auch den Leuten anbieten, so viel zu trinken, wie sie trinken mögen – und sich selbst beliebig oft nachzufüllen.
Tatsächlich setzt free refill einen zuverlässig eingehaltenen sozialen Vertrag voraus.
Free refill setzt voraus, dass jeder Mensch tatsächlich nur so viel Limonade zapft, wie er selbst realistisch trinken wird. Dass er anständig und sauber zapft. Und dass er zuvor zumindest für seinen Pappbecher bezahlt hat.
Eine dritte Gruppe
Ach ja, eine dritte Gruppe von Leuten gibt es noch: Diejenigen von uns, die free refill kennen, doch in diesen Jahren erleben, wie Fast-Food-Restaurants nach und nach die freien Zapfsäulen gegen unfreie Zapfsäulen ersetzen. Es ist die Gruppe, zu der ich gehöre, und es stimmt mich reichlich wehmütig.
Erst jüngst musste ich erleben, dass ein Burgerbräter die freie Limo-Zapfstation gegen eine mit QR-Codes ersetzte. Dem Pappbecher ist ein QR-Code aufgedruckt, und wenn der gescannt wird, kommt genau eine Becherfüllung aus dem Gerät.
Mir scheint, dass es ein weltweites Phänomen ist, und mit »weltweit« meine ich: quer durch den einst freien Westen; Fast-Food-Restaurants geben das free refill auf.
Als Grund geben sie etwas unscharf »veränderte Konsumgewohnheiten unserer Kunden« an.
Es sind womöglich ähnliche Veränderungen wie jene, die dazu führen, dass besonders in US-Supermärkten immer mehr Warengruppen mit Schlössern gesichert werden müssen – oft die letzte Phase, bevor der Supermarkt oder die Groß-Drogerie ihre Filialen in einem Viertel schließt (foxbusiness.com, 21.5.2024).
Wir ahnen es
Die Restaurants sagen nicht explizit, von welcher Art diese Veränderung ist, die sie dazu bewegt, das unter Kunden eigentlich beliebte free refill in manchen Vierteln einzustellen. Doch wir ahnen es, aus Welterfahrung. Und wir ahnen hieran auch, warum Lethokratien wie Brüssel und London die sozialen Medien zensieren wollen: damit die Opfer sich nicht untereinander austauschen und womöglich als Gruppe feststellen, dass die »veränderten Konsumgewohnheiten« etwas gemeinsam haben.
Nein, die Restaurants sagen es nicht, was sie bewegte, doch ich will sagen, was mich hieran bewegt. Ich bin wehmütig. In trauriger Nostalgie spüre ich, dass da etwas zerbricht – ja, auf absehbare Zeit zerbrochen ist.
Es war einmal
Es war einmal, so klingen die neuen Märchen, ein Schlaraffenland, da zahltest du nur einmal für die Limonade, und dann trankst du, soviel du wolltest? Das waren Zeiten, da konntest ohne Angst du im Park spielen und in den Straßen feiern und sogar in die Schule gehen, einfach so!
»Was war das für ein tolles Land?«, so werden die Kinder fragen, »und warum haben wir es verlassen?«
»Oh, ich habe zu viel gesagt!«, so werden wir uns selbst zum Schweigen bringen, und dann werden wir noch eindringlich flüstern: »Vergiss es und frag nicht danach. Schon gar nicht in der Schule, schon gar nicht scherzend! Sonst kommen die Uniformierten der Unsere-Demokratie-Polizei zur Hausdurchsuchung vorbei, und wir müssen dann erstmal aufräumen und all unsere teuren Sachen neu kaufen. Ja, sowas werden die tun, sogar bei Minderjährigen.«
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Geht »Free Refill« unter, geht das Land unter von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/geht-free-refill-unter-geht-das-land-unter/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
