Zwei Auszüge aus ein und derselben Reuters-Meldung: »›Allah hat es mir befohlen‹, sagt der am Boden liegende Mann.« »Das Motiv für den Angriff ist weiterhin unbekannt«.

Ach, wenn doch lediglich unsere Verschwörungstheorien wahr würden!

Ach, wenn doch lediglich unsere so düstere wie biblische Metaphysik zur greifbaren Realität würde!

Ach, wenn doch lediglich unsere Sprichwörter wahr würden!

All das ist längst der Fall. Heute aber werden auch noch unsere Witze wahr!

Paris, Mann, Messer

Und, ach, auch heute muss ich euch nicht die ganze Meldung referieren, nur drei Stichworte, dann wisst ihr den Rest: Paris, Mann, Messer. (Ihr habt die Meldung vielleicht nicht mitbekommen, weil sie überlagert wurde von der Meldung CSD Berlin, Mann, Auto.)

Nicht die Tat selbst ist spektakulär. Es ist eben gelebte Diversität in einer weltoffenen Stadt.

Spektakulär ist die Meldung dazu, festgehalten von der Nachrichtenagentur Reuters.

Lasst mich zunächst zwei Zeilen daraus zitieren, zwischen denen ein Absatz (und ein Werbeblock) liegt; erst auf Englisch, dann auf Deutsch:

„It is Allah who commanded me,“ the man lying on the floor says.
[…]
The motive for the attack remains unknown […].
reuters.com, 27.07.2026

Auf Deutsch:

»Allah hat es mir befohlen«, sagt der am Boden liegende Mann.
[…]
Das Motiv für den Angriff ist weiterhin unbekannt […].
reuters.com, 27.07.2026; übersetzt

Es hat System

Eben noch war es zynische Satire und Scherz, dass ein Islamist bei der Tat laut »Allahu Akbar« brüllen kann; die Propaganda wird noch immer versichern, seine Motive seien nicht zu eruieren. Jetzt wird es buchstäblich buchstäblich wahr.

Wir sind keine Journalisten, also lasst uns präzise sein und die ganze Wahrheit sagen: Es ist in diesem Fall nicht Reuters, die den Witz real werden lässt. Reuters dokumentiert hier quasi nur.

Die erste hier zitierte Zeile beschreibt ein Video von der Festnahme. Die zweite Zeile gibt den französischen Innenminister Laurent Nunez wieder.

Und das macht die Angelegenheit nicht besser. Wenn »nur« ein anonymer Reuters-Schreiberling den Leuten diesen Propaganda-Quatsch erzählt hätte, wäre es schlimm genug. Wenn aber der Innenminister selbst dreist gefährlichen Bullshit verbreitet, verrät es ein System. Es bezeugt ein System, in dem die Bürger regelmäßig und grob belogen werden. Es ist die Propaganda der Lethokratie.

Ein neuer Fluch

»Mögest du in interessanten Zeiten leben«, so lautet bekanntlich ein den Chinesen zugeschriebener Glückwunsch, der natürlich tatsächlich ein Fluch ist. Wir können heute einen neuen Fluch formulieren: Mögest du in lustigen Zeiten leben. Mögest du in Zeiten leben, in denen Witz und Realität ineinanderfließen.

In Essays wie »The Left Can’t Meme – Warum Linke keinen Humor können« habe ich erklärt, wie Humor funktioniert. Humor ist das Bloßlegen einer schmerzhaften Dissonanz zwischen begrifflichem Anspruch und Realität, verdaulich gemacht durch Verfremdung.

Im Kern jedes Witzes ist immer ein Schmerz, sonst ist er nicht witzig. Der Witz hilft uns, eine schmerzhafte Dissonanz überhaupt erst anzuerkennen. Deshalb fürchten totalitäre Diktaturen den Humor so sehr, deshalb werden Witze über Politiker in der UdSSR, in Nordkorea oder »Unserer Demokratie« so hart bestraft! Der Witz schaut der großen Lüge ins Auge, statt demütig zu kuschen.

In Paris und anderswo wird der Witz heute zur Realität. Wenn aber ein Witz aus Schmerz und Verfremdung besteht und die Verfremdung wegfällt, weil es ja Realität ist, dann bleibt nur noch … der Schmerz.

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Der Essay Mögest du in Witzen leben von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/moegest-du-in-witzen-leben/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!