07.10.2022

Armageddon und Quatsch im Bundestag

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Johnny Kaufman
Putin droht mit Atomwaffen. Biden redet von Armageddon. Politiker im Bundestag reden gefährlichen Quatsch. Es ist alarmierend, wie wenig uns das alles alarmiert. Worte von Politikern tragen einfach keine Bedeutung mehr.
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Stellen Sie sich vor, Sie schreiben das Drehbuch eines Hollywoodfilms. Nur die erste Szene ist vorgegeben, und von dieser wiederum nur zwei Atomwaffen. Der amerikanische Präsident warnt vor Fakten: Der russische Präsident droht der Welt mit Armageddon.

Wie wird sich Ihr Drehbuch weiter entwickeln? Wenn die mächtigsten Männer der Welt von Nuklearbomben und Armageddon reden, wie werden die Menschen reagieren? Panikszenen sind ein Muss, sonst wird nicht einmal Netflix das Script verfilmen, wie viel Diversity auch drübergekippt wird.

Von wie vielen Millionen Toten wird der Film berichten? Wird es einen Helden geben, der die Menschen nochmal vor sich selbst rettet, oder folgt die nukleare Apokalypse und dann einige wenige Überlebende?

Nur eines muss in Ihrem Film auf jeden Fall vorkommen: Sobald die Menschen des Films von diesen Warnungen erfahren, geraten sie in Panik – sonst wäre es unrealistisch (außer wohl im Film »Idiocracy«, den ich im Essay vom 6.10.2018 zitierte).

Nun, es ist Oktober 2022, und genau diese beiden Fakten werden aktuell berichtet – Putin droht mit Atombomben und Biden warnt vor Armageddon  (bild.de, 7.10.2022). Und Herr Zelenskiy forderte laut aktuellen Berichten einen NATO-Präventivschlag (politico.eu, 7.10.2022) – sprich: Weltkrieg – doch sein Team ruderte zurück, er hätte einen ökonomischen Erstschlag gemeint – Worte bedeuten, was wir später sagen, dass sie bedeuten.

Und wie reagieren die Menschen? Wie reagieren wir?

Sagen wir mal so: Unsere Reaktionen würden keinen brauchbaren Film ergeben.

Warum nicht?

Weil wir nicht reagieren.

Doch warum reagieren wir nicht?

Ein sehr unappetitliches Ereignis im deutschen Bundestag könnte erklären, warum wir nicht einmal mit den Schultern zucken, wenn von Atombomben die Rede ist.

Von Armageddon zu Bundestag

Demokratie erfordert, dass Sprache etwas bedeutet – so mahnte der Titel meines Essays vom 19. März dieses Jahres. (Die URL jenes Textes war übrigens dushanwegner.com/wortmuell/.)

Man könnte heute urteilen, dass gerade die Grünen durch die Reduktion demokratischer Debatte auf emotionalen, populistischen Wortsalat eine im Effekt anti-demokratische Partei sind – gefährlich wie ein Affe mit Maschinengewehr.

Ein Beispiel für den mangelnden Respekt vor demokratischer Debatte lieferte die Staatssekretärin für Wirtschaft und Klimaschutz, eine Frau Dr. Brantner, natürlich von den Grünen.

In der Parlamentssitzung am 28.9.2022 rechnete der Abgeordnete Johannes Huber (fraktionslos, davor AfD) der Regierung vor, wie nach bekannten Zahlen die deutschen Gasvorräte bei gleichzeitiger Verstromung des Gases deutlich vor Ende der Heizsaison zu Ende gehen könnten. Er wies auf die durch Wegbrechen von Energie wahrscheinliche Arbeitslosigkeit hin und bat um ein Statement dazu. (Ein Video der Frage samt folgender Nichtantwort findet man z. B. bei @iwarneck, 30.9.2022.)

Was war die Reaktion der Grünen?

Rechnete sie vor, warum die Zahlen des Fragenden falsch waren?

Wies sie auf die Möglichkeit alternativer Lösungsfindung hin?

Bat sie, die Frage später mit genaueren Daten beantworten zu dürfen?

Nein.

Es ist eine Grüne, und Grüne reden Wortsalat.

Die Grüne antwortete: »Erstmal möchte ich Ihnen dafür danken, dass Sie anerkennen, wie beeindruckend es uns gelungen ist, die Gasspeicherstände auf ein so hohes Niveau zu bringen. Es freut mich, dass das anerkannt wird.« (bundestag.de, 29.9.2022 (PDF), siehe fortlaufende Seiten 6149f)

Wie reagierten die Kollegen der Grünen auf ihre offene Verachtung und Verhöhnung des Parlaments?

Wie reagiert der Bundestagspräsident?

Wurde die Grüne für ihre unverschämte Antwort gerügt? Distanzierten sich ihre Kollegen von ihr?

Hahaha – nein.

Das Protokoll notiert: »(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der SPD)« (ebenda).

Man möchte beinahe lachen über so viel Dreistheit. Ich stimme jedoch Florian Jäger darin zu, dass diese »mit brachialer Arroganz vorgebrachte Missachtung des parlamentarischen Auskunftsrechts der Volksvertreter nicht wirklich lustig« ist.

Humor behandelt immer einen Schmerz, das ist wahr, doch Humor muss auch heilend wirken können. Damit aber Humor heilend wirken kann, braucht es die Hoffnung – und damit die Möglichkeit – dass wir etwas missverstanden haben.

Wir lachen etwa über die Beziehung zwischen Frau und Mann (fragen Sie Mario Barth, der tut das extra erfolgreich). Wir können und wollen über den Schmerz der Beziehung lachen, wenn (und nur solange!) wir noch hoffen, dass all die Problemchen nur auf ein paar Missverständnissen beruhen und also lösbar sind.

Der Bedeutungsverlust von Sprache in der politischen Debatte ist aber nicht lustig. Hier liegt kein »Missverständnis« vor. Das »soll« so sein. Und die Zeitgenossen, die wollen, dass es so ist, die sind nicht lustig, sondern sie sind kalt, zynisch, fake-moralisch, und sie sind einiges mehr, nur »lustig« sind sie eben nicht.

»… ist unrealistisch!«

Ich habe viele Jahre von den »Relevanten Strukturen« gesprochen, und sie bilden noch heute den Ausgangspunkt meines Denkens und Schreibens über die Welt.

Jedoch, ich gehe inzwischen einen Schritt weiter. Es ist gefährlich, an Strukturen festzuhalten, die uns schaden – oder die schlicht nicht existieren. (Deshalb habe ich ja dieses Jahr »Das Buch übers Loslassen von Dushan Wegner« geschrieben!)

Loszulassen kann schmerzhaft sein, wie jeder weiß, der jemals einen Menschen loslassen musste, in dieser oder jener Form. Manches Loslassen erscheint uns aber nicht nur emotional, sondern auch logisch unmöglich – weil es logisch unmöglich ist.

Betrachten wir etwa eine Aussage wie diese: »Dieser Satz ist unwahr.« – Wenn er wahr ist, ist er unwahr, und wenn er unwahr ist, ist er wahr. Die Aussage ist paradox. Unser Gehirn versucht zunächst, den Satz zu verstehen. Und dann, nach und nach, lassen wir die Prämisse los, wonach alle Sätze, die vorgeben, eine Bedeutung zu haben, auch tatsächlich eine Bedeutung haben.

Im Fall von Putin und Biden haben wir bereits losgelassen, dass ihre Worte eine Bedeutung haben.

Wenn unsere kollektive Nichtpanik die Handlung eines Films wäre, würden wir diesen Film »unrealistisch« nennen.

Dies ist aber offenbar unsere Realität! Unsere Realität ist unrealistisch.

Niemand widerspricht (mehr), dass wir in diesen Jahren einige Dinge loszulassen lernen. Dass aber die formal mächtigsten Männer der Welt mit dem Weltuntergang drohen, und es uns kaum berührt, oder dass im Deutschen Bundestag sogar laut applaudiert wird, wenn eine Grüne wieder mal bedeutungslosen Wortsalat produziert und so die Demokratie verhöhnt, das ist mehr »Loslassen«, als ich erwartet hatte.

»damit er nicht nackt gehe«

Jemand, der nur den Titel meines Buches übers Loslassen gehört hatte, sagte mir: Wenn man alles loslässt, hat man nichts mehr, woran man sich halten kann.

Nun, in der Realität erlebe ich einen anderen Fehler viel häufiger: Wir Menschen halten an Dingen fest, die schlicht keinen Halt bieten. (Wie viele abendliche Talkshows würden gesendet, wenn man alle Politiker loslassen würde, deren Worte de facto nichts bedeuten?)

Um heute »am Wahnsinn nicht wahnsinnig« zu werden, braucht es nicht nur eine sinnvolle private Lebensphilosophie, sondern auch mehrere Arten von Mut. Da wären etwa der Mut zur Wahrheit und der Mut, sich seines Verstandes zu bedienen.

Ein weiterer Mut wird täglich wichtiger: Habt den Mut, das loszulassen, was keinen Halt (mehr) bietet.

Dies ist kein Film, hier ist kein »Happy End« garantiert. Das Leben ist mehr so eine TV-Serie, mit vielen mehr oder weniger glaubwürdigen Spannungsbögen (bis das Ganze dann von heute auf morgen abgesetzt wird, weil es keinen mehr interessierte).

Das Leben ist kein Spielfilm, dafür haben wir ein klein wenig Einfluss darauf, wie es zumindest für uns selbst weitergeht. Ich schreibe auch das Drehbuch meines Lebens nicht allein, aber manchmal darf ich an den Details schrauben – und das zumindest will ich nutzen!

Der Name »Armageddon« stammt aus der Bibel. Das hebräische Wort »Harmageddon«, so heißt es in Offenbarung 16:16, beschreibt den Ort der mythisch-prophetischen letzten großen Schlacht.

Zwei Verse zuvor rät aber die Bibel: »Selig ist, der da wacht und seine Kleider bewahrt, damit er nicht nackt gehe und man seine Blöße sehe.« (Offenbarung 16:15b)

Ob nun wirklich ein nukleares Armageddon bevorsteht, oder ob die Worte der Politiker wirklich kaum noch etwas bedeuten – so oder so scheint es mir kluger Rat zu sein, darauf zu achten, nicht plötzlich nackt dazustehen.

Lasst los, was nicht zu halten ist. Lasst auch los, was zwar zu halten wäre, euch aber vom Wichtigeren ablenkt.

Seid nicht wie Politiker, die zum Schluss moralisch ziemlich nackt dastehen. Kämpft für eure wirklich relevanten (und realen) Strukturen!

Weitermachen, Wegner!

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