18.7.2020

Wir haben das Feuer zu fürchten verlernt

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Dorothea Oldani
In Frankreich (Nantes) brennt eine Kathedrale – wieder. Wir meinten, das Feuer gebannt zu haben, und haben es also zu fürchten verlernt – und ja, dies ist (auch) metaphorisch. Warum sind wir so unvorsichtig?!
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Unsere Vorfahren wussten noch um die Kraft des Feuers. Wir haben das Feuer weggesperrt. In den schnellsten unserer Autos wird 250 mal pro Sekunde ein Feuer entfacht (motorsport-total.com, 28.8.2019). Wir haben Normen aufgestellt, damit unser Zuhause nicht wegbrennt (vergleiche DIN 4102). Im Essay »Einem von diesen meinen geringsten Brüdern« erwähnte ich die unter Rettungspersonal und Verbrennungsärzten bekannte Faustregel: »Normal people don’t burn.« – »Normale Menschen brennen nicht.« – Wer heute noch derart verbrennt, dass er entstellt und fürs Leben gekennzeichnet ist, den plagen mit einiger Wahrscheinlichkeit noch ganz andere Probleme.

Nicht die einzige Verwüstung

In Frankreich brannte dieses Wochenende wieder eine Kathedrale. Wir erinnern uns noch an den schmerzhaften Brand der Kathedrale Notre-Dame de Paris am 15. April 2019 . Am 18. Juli 2020 brannte nun die Saint-Pierre-et-Saint-Paul in Nantes, wieder in Frankreich.

Es ist nicht die einzige Verwüstung einer christlichen Kirche im »toleranten« Abendland in der jüngeren Zeit, während wir uns dem jüngsten Tag zu nähern meinen, doch diesmal ist es wieder eine besonders bildstarke, symbolische Kathedrale.

Noch am Tag des Brandes las man den Verdacht, dass es eine Brandstiftung mit drei Brandherden gewesen sein könnte (bild.de, 18.7.2020).

Zyniker raunen, dass wir doch schon wissen, wie die Ermittlungen ausgehen. Wenn sich herausstellt, dass auch nur der Freund des Neffen des Nachbarn eines mutmaßlichen Täters in den letzten Jahren einer nicht-linken Seite sein Facebook-Like gab, wird es zur »rechten« Tat erklärt werden, und man wird es nutzen, um die Grundrechte der Bürger einzuschränken – in allen übrigen möglichen Fällen wird sich die politische Aufmerksamkeit zerlaufen wie Eis am Stiel in brennend heißer Sommersonne.

Auf Twitter schreibt der (verifizierte) »Imam of Peace«:

If I was a Christian President of a Christian nation that witnessed the country’s churches burn one after the other while media and intelligence services covered up for the criminals I would resign and bury myself out of shame. Blame this fire on a mouse. (@ImamofPeace, 18.7.2020)

Meine Übertragung:

Wenn ich der christliche Präsident einer christlichen Nation wäre, welcher Zeuge wird, wie ihre Kirchen eine nach der anderen niederbrennen, während die Medien und Geheimdienste die Kriminellen decken, würde ich zurücktreten und mich aus Scham selbst beerdigen. Gebt die Schuld für dieses Feuer einer Maus. (@ImamofPeace, 18.7.2020, meine Übertragung)

Ich habe Zweifel, ob Ex-Banker Emmanuel »Jupiter« Macron zur Scham befähigt ist – Scham setzt gewisse andere Eigenschaften voraus. Dass man es aber einer Maus anlastet, die drei Feuer gleichzeitig legte, dass traue ich unseren Qualitätspolitikern und ihren Journalisten durchaus zu.

An guten Tagen erhaben

Man schreit von vielen Seiten auf uns ein, man brüllt panisch und man flüstert eindringlich.

Manche »gute alte Zeit« gab es wirklich, etwa jene, als man in Deutschland noch hoffte, es durch Fleiß und Anstand zu sicherem Wohlstand zu bringen. Manch andere »gute alte Zeit« existierte tatsächlich nur in unserer Nostalgie, wie ein Heimweh nach einem Ort, der in Wirklichkeit nirgends zu finden ist als auf den Landkarten in den Buchklappen unserer Romane. Eine solche »gute alte Zeit« ist jene, in der man noch auf Weisheit hörte, statt in künstlicher Empörung wie Funken über Lagerfeuern hierhin und dorthin zu stieben.

Was unterscheidet die alte Weisheit von den Lügen der Propaganda und der Schalheit des Marketings? Vielleicht dies: Die süßen Lügen, welche die Mächtigen in die Blutbahnen der Gesellschaft spritzen, sie funktionieren selbst an guten Tagen kaum, an schlechten Tagen aber sind sie gänzlich nutzlos. Die Weisheit klingt an guten Tagen erhaben und wohlgesetzt, wenn auch etwas fern, an schlechten Tagen aber erweist die Weisheit ihre ganz praktische Nützlichkeit, sie ist das Seil und die Brücke, die uns vor dem Absturz bewahrt.

Eine alte Weisheit, die ich in den letzten Jahren immer wieder mir selbst sage (und dann Ihnen, etwa im Essay »Sind uns Kinder wirklich unterschiedlich wichtig?«), ist jenes weise Gebet des Theologen Reinhold Niebuhr: »Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.«

In welche Kategorie jenes Gebetes gehören die Feuer? Die Kathedralen sind ja nicht das Einzige, das brennt! Wir alle haben noch die Bilder brennender Straßenzüge in den USA vor Augen, die Bilder geköpfter und geschändeter Statuen, blinde, wahnhafte, suizidale Wut, angestachelt von NGOs mit spannenden Geldquellen. Gehören die Feuer in die Kategorie »Dinge, die ich ändern kann«, oder in die Kategorie »Dinge, ich hinzunehmen lernen will«?

Des Feuers Herr

Wir glaubten, die Feuer gebannt zu haben. Wir wähnten, dass Feuer und Explosionen nur noch weit weg passieren, dort wo auf den alten Karten einst »Hic sunt dracones!« geschrieben stand: »Hier sind Drachen!«

Jenseits der Frage nach Täterschaft, ob man diese nun als »totalrechts« oder »ungeklärt, wechseln wir das Thema« einordnen wird, sind brennende Kathedralen ein Symbol für den Westen, an dessen Fundament und tragenden Mauern zynische Kräfte mit sehr viel Geld tausend Feuer legen.

Wir meinten, des Feuers Herr geworden zu sein – und dann kam das Feuer zu uns und über uns. (Popkultur-Fans denken hier vielleicht an Game of Thrones und die schockierenden Bilder, als Daenerys auf ihrem Drachen die Stadt King’s Landing niederbrennt (siehe YouTube) – in der realen Welt zeigte jene brutale fiktive Gewalt, vielen Tausenden von Eltern, warum es eine schlechte Idee ist, in der für Millennials typischen Strohfeuerhaftigkeit ihre Kinder nach Figuren aus laufenden Fantasy-Serien zu benennen; siehe independent.co.uk, 14.5.2019).

Zu kalter Asche

Unsere Vorfahren wussten noch um die Kraft des Feuers, auch um die zerstörerische Kraft der Lügen, welche wie eine tägliche Feuersbrunst in die Herzen und Häuser der Menschen getragen werden.

Wir tun so, als hätten wir das Feuer im Griff, als könnte uns das Zündeln der Mächtigen nichts mehr anhaben – und Millionen merken nicht einmal, wie die Propaganda ihre Seelen zu kalter Asche niederbrennt. Ach, würde das mörderische Feuer der großen Lügen nur halb so weh tun wie das Feuer des kleinsten Streichholzes, dann würde man Abend für Abend ein betäubendes Schmerzensgebrüll in allen Straßen deutscher Vorstädte hören. Aber nein, niemand schreit – falsch, Korrektur: viel zu wenige schreien.

Das Feuer der Lügen, es tötet zuerst das Schmerzzentrum, welches die Lügen schmerzhaft macht – dann und darum tut den Leuten die Propaganda nicht mehr weh.

Die Leute lassen sich vorm Schlafen die Lügen des Tages in die Blutbahn spritzen. Dann gehen sie schlafen. Uns fällt das Lied »Nothing ever happens« ein, darin heißt es: »And ignorant people sleep in their beds, like the doped white mice in the college lab« – »unwissende Menschen schlafen in ihren Betten, wie die betäubten weißen Mäuse im Uni-Labor.«

Unsere Vorfahren wussten noch um die Kraft des Feuers. Wir wähnen, das Feuer gebannt zu haben. Auch das ist eine Lüge.

Gegen das Feuer, welches Holz und die Gardinen verzehrt, hilft brandhemmendes Material nach aktueller Vorschrift. Gegen die Feuer, welche die Seelen und Völker verbrennen, gegen die Flammen linker Lügen und globalistischer Propaganda, gegen all unsere neuen Brände könnten die alten Vorschriften helfen, die wir einst Weisheit nannten.

Wir wähnen, das Feuer gebannt zu haben – wie aber erklären wir uns dann die Flammen?

»Weiterschreiben, Wegner!«

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