08.12.2020

Die Ingenieure ziehen fort

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Christian Wiediger
Jedes Jahr aufs Neue dieselben Meldungen: Zigtausende Hochqualifizierte sind wieder aus Deutschland ausgewandert. Ich glaube fest, dass »das Deutsche« weiterleben wird – doch vielleicht nicht in Deutschland.
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Alle Jahre wieder wird gemeldet, dass es »ein Kommen und Gehen« in Deutschland sei – doch die, die kommen, und die, die gehen, mögen sich weitgehend in der Anzahl der Nasen, Ohren und Füße gleichen, hinsichtlich anderer Eigenschaften sind Unterschiede nur schwer zu leugnen.

Letztes Jahr wurde getitelt: »Hochqualifizierte raus, Niedrigqualifizierte rein« (NZZ, zitiert im Essay vom 6.4.2019).

Dieses Jahr lesen wir: »Hunderttausende Auswanderer – Vor allem die Hochqualifizierten kehren Deutschland den Rücken« (welt.de, 7.12.2020 (hinter Bezahlmauer)) – man bezieht sich auf den neu erschienenen Migrationsbericht 2019.

Etwa ein Viertel (!) der Menschen in Deutschland weist laut des jüngsten Migrationsberichts einen sogenannten »Migrationshintergrund« auf (wobei hier damit auch aufklärungskompatible Kulturen gemeint sind, und es nicht nur Code für Parallelgesellschaft ist).

Im modernen Geist des propagandistischen »Framings« (also der Darstellung eines Sachverhalts zugunsten einer bestimmten politischen Stoßrichtung, meist im Sinne des Machterhalts der Regierung) heißt es auf der Website des »Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge«: »Migrationsbericht 2019: 1,6 Mio. Zugewanderte – Zwei Drittel der Zugewanderten kommen aus Europa«, und »Die humanitäre Zuwanderung nimmt weiter kontinuierlich ab, dafür kommen mehr Menschen nach Deutschland, um hier zu arbeiten oder zu studieren« (bamf.de, 2.12.2020).

Erst im eigentlichen Dokument (bamf.de (PDF)) findet sich, was wirklich hinter den Zahlen steckt. Die »Zuwanderung aus Europa« meint etwa Länder wie Bulgarien (Land mit den EU-weit niedrigsten Einkommen, durchschnittliches Arbeitsentgelt lag 2018 bei etwa 590 Euro pro Monat, so bnr.bg, 5.4.2019) oder Rumänien (was die größte Zuwanderergruppe stellt). Die Propaganda des deutschen Staatsfunks betont zwar seit ehedem, dass sich unter den Zuwanderern viele Fachkräfte befinden sollen (tagesschau.de, 18.9.2019: »Viele sind qualifizierte Fachkräfte, zeigt eine OECD-Studie. Ebenso wie andere Länder profitiert Deutschland von der Einwanderung.«) – die Realität jenseits von Propaganda und Staatsfunk-Nachrichten sieht aber wohl etwas anders aus: Während es tatsächlich qualifizierte Rumänen gibt, fällt durchaus auf, dass etwa im Jahr 2020 aus Rumänien viele billige und willige Erntehelfer eingeflogen wurden (taz.de, 14.4.2020) – und dann wäre da noch die andere Tonlage, in welcher der Begriff »Rumänen« etwa in den Ohren der Bewohner von Berlin-Neukölln schwingt (siehe etwa berliner-zeitung.de, 21.6.2020). Die Herrschaften aber, die zum Studieren nach Deutschland kommen, die werden das noch immer vorhandene Wissen abgreifen – und dann wird Deutschland sich um sie ebenso bewerben müssen wie es sich um andere tatsächliche Fachkräfte aus dem Ausland bewerben muss.

Diesen Fakten zur Einwanderung gegenüber stehen etwa auf Seite 165 des jüngsten Migrationsberichtes einige lapidare Sätze, deren Sprengkraft nicht einmal ansatzweise in der allgemeinen Debatte ausreichend gewürdigt wird. Es wandern nicht nur Menschen nach Deutschland ein, es wandern auch Zigtausende ab, und für die gilt:

Deutsche Abwandernde sind überdurchschnittlich hoch qualifiziert: Während in der deutschen Gesamtbevölkerung nur jeder Vierte über einen akademischen Abschluss verfügt, sind es unter den Abwandernden über drei Viertel. (Migrationsbericht 2019, bamf.de, S. 165)

Gleich in den nächsten Sätzen wird übrigens propagandistisch beschwichtigt, warum diese jungen Leute alle bestimmt zurückkommen werden, ach… – man entwickelt ja als Bürger des Propagandastaates Deutschland eine gewisse Beschwichtigungs-Taubheit.

Nicht alle von uns können »hochqualifizierte Ingenieure« sein – ich bin es auch nicht. Die Realität ist aber, dass das elektronische Gerät, auf welchem ich diesen Text schreibe, sowie jenes, auf welchem Sie diesen Text lesen (beziehungsweise der Drucker, der Ihnen diese Zeilen ausdruckte), und natürlich der Transportweg dieser Worte von mir zu ihnen, allesamt zuerst von hochqualifizierten Ingenieuren entwickelt wurden (und dann in extrem effizienten und präzisen Fabriken in Asien gebaut).

So aufrichtig Sie und ich sie in Worten zu preisen wissen, all die Handwerker, Feuerwehrleute, Kleinunternehmer und natürlich die sprichwörtlichen Krankenschwestern, so wichtig und gutverdienend auch die Ärzte, Rechtsanwälte und all die sogenannten »Traumberufe« für das Funktionieren einer Gesellschaft sein mögen: die Zukunft wird von Ingenieuren und Programmierern gebaut – und wir befinden uns mitten in dieser Zukunft drin, denn sie hat vor zwei Jahrzehnten begonnen.

Dean Martin sagte einst über jene als »Rat Pack« bezeichnete Gruppe von Bühnenhelden, deren Teil er selbst war, zusammen etwa mit Sammy Davis Jr., Joey Bishop oder natürlich Frank Sinatra: »It’s Frank’s world, we just live in it«; zu Deutsch: »Es ist Franks Welt, wir leben nur darin.« – Ähnlich ließe sich über die Zukunft sagen, und man läge nicht ganz falsch: »Es ist die Welt der Ingenieure (und Programmierer, Technologie- und Medienkonzerne, also aller, welche die neue Technik möglich machen) – wir leben nur darin.« – Und jene, welche diese Welt zu bauen wissen, ziehen Jahr für Jahr zu vielen Tausenden aus dem Land von Merkelismus und Staatsfunk fort.

Deutschlands Ruhm stand auf zwei Beinen: Deutsche Ingenieurskraft und deutsche Kultur. Man trifft weltweit Amerikaner, Asiaten, Afrikaner oder Araber, die vielleicht noch nie einen Fuß auf deutsche Erde setzten, deren Deutsch sich auf »Guten Tag«, »Autobahn« und vielleicht noch »Kindergarten« beschränkt, die jedoch weiterhin in höchsten Tönen von deutscher Ingenieurskunst sprechen oder überraschend ausführlich den deutschen Idealismus erklären können (es ist tatsächlich erstaunlich, wie viele amerikanische Akademiker uns Kant oder Kafka, Heine oder Hesse erklären können).

Jedoch, was selbst Hitler und das Dritte Reich nicht vermochten, das wird unter Merkel und dem Staatsfunk nicht-nur-schleichend zur bitteren Wahrheit: Der Ruf Deutschlands als Heimstatt von hohem und präzisem Denken, als Werkstatt des Intellekts wie der Ingenieurskunst, verblasst – und die Ingenieure fliehen diesmal nicht vor dem Krieg – heute flieht man vor der deutschen Zukunftsvergessenheit.

»Es lebe das heilige Deutschland…«, so sollen die letzten Worte des Nationalisten Graf Stauffenberg gewesen sein, bevor man ihn erschoss. Wir sind keine Nationalisten, wenn auch hoffentlich Patrioten, und wir werden nicht buchstäblich erschossen – unser Land wird erwürgt und ausgeblutet, und damit blutet auch uns das Herz. Was soll also unser letzter Ruf sein?

Ich weiß zunächst nicht zu antworten, und dann wird mir bewusst, dass ich gar keinen Schlachtruf brauche (wenn auch eine Reihe von Lebensregeln), ich ziehe ja in keinen Krieg.

Ich will treu pflegen und weitergeben, was mir von meinen und euren Vätern vererbt wurde – und ich gebe alles in meiner Macht Stehende, auf dass auch meine Kinder zu an- und selbstständigen Bürgern in dieser neuen Welt werden.

Was Deutschland stark, wertvoll und, ja: gut gemacht hat, das wird längst nicht so schnell vergehen, wie die Stellung Deutschlands derzeit verblüht. Ob das Deutsche allerdings notwendigerweise in den Grenzen von Deutschland stattfindet, unterm Regime des Staatsfunks und der SED-Erben-im-Geiste (und manchmal nicht nur im Geiste), diese Frage könnte offener sein als uns heute bewusst ist.

Die Ingenieure wandern aus, zu vielen Tausenden. Seit Jahren wächst die Zahl der Orte außerhalb Deutschlands, auf allen Kontinenten, an denen man mehr Deutsche pro Tag trifft als in immer mehr Stadtteilen Deutschlands.

Ich wette nicht mehr darauf, dass die Zukunft Deutschlands in Deutschland liegt – doch meine Zuversicht wird stärker, dass es weitergehen wird, dass es das Deutsche weiter geben wird – und damit Menschen, die entspannt selbstbewusst von sich sagen: »ich bin Deutscher«.

Ich rede an dieser Stelle nicht normativ, also moralisch im Sinne von »das darf nicht vergehen« – wenn ich dem auch aus ganzem Herzen zustimme. Ich rede deskriptiv, also beschreibend, meine Einschätzung der vorliegenden Wahrscheinlichkeiten abbildend! Ich denke nicht, dass das Deutsche von den bösen Launen des Propagandastaates merkelscher Prägung ganz getötet werden kann.

Wenn deutsche Ingenieure auswandern, werden sie ja nicht weniger deutsch – sie nehmen ihr Deutschsein ja mit – Ähnliches gilt seit jeher auch etwa für deutsche Schriftsteller im Exil.

Es wird weitergehen – es geht ja bereits weiter! – wenn auch nicht immer in den Grenzen, die wir lange Zeit als die unseren betrachtet haben.

Es wird weitergehen. Das, was wir haben, ist zu stark und zu wertvoll, als dass es einfach so verschwinden könnte.

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