14.05.2021

Nicht egal, dass es egal ist

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Foto von Gian Porsius
Israel wird sich nicht daran ausrichten, was in Deutschlands Straßen (oder Redaktionen) gebrüllt und gefordert wird. Überhaupt wird es der Welt in vielen Punkten zunehmend egal, von Klima über Strom bis Einwanderung, was man in Deutschland denkt und tut.
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Ich muss dieser Tag, wenn ich unser Deutschland betrachte, an jenen Mönche denken, von denen man früher mehr hörte als heute, die sich im Protest für oder gegen eine Sache selbst öffentlich verbrannten.

Es ist sehr schmerzhaft und gewiss von tiefem Glauben an die Sache getragen, doch verändert es wirklich etwas? Die Selbsttötenden mögen überzeugt sein, durch ihr Verbrennen die Welt von ihrem Ernst zu überzeugen. In Wahrheit aber betrachten die Passanten diese Leute wohl, und denken bei sich: »Ich bin froh, dass ich nicht der bin!«

Ich fürchte, unser Eindruck davon, was global gesehen wirklich wichtig ist – und was egal ist – könnte verheerend von der tatsächlichen Wichtigkeit und Konsequenzkraft dieser Dinge abweichen (und mit »unser Eindruck« meine ich die öffentliche Debatte, wie sie etwa im Staatsfunk vorgeturnt wird).

Demütigend egal

Es wird aktuell gemeldet, dass China inzwischen mehr sogenannte Treibhausgase produziert als alle übrigen entwickelten Länder (rhg.com, 6.5.2021) – wohlgemerkt als alle übrigen entwickelten Länder zusammengenommen.

Es ist für den Globus und die Weltzukunft demütigend egal, ob das an Landfläche und Einwohnerzahl eher zwergengroße Deutschland sich opfert. In Deutschland wird heute für die Zeit nach der Wahl 2021 ein nationaler wirtschaftlicher Suizid im Namen der Umwelt angekündigt (vergleiche welt.de, 12.5.2021), und er hat genau einen sicheren Gewinner – siehe oben – und auch der wird nicht groß dankbar sein, er nimmt es eher nebenbei mit.

Auf dem Schulhof

Es ist nicht selten nützlich, wenn das Volk davon abgelenkt ist, was ihm angetan wird, und da kommt es gelegen, wenn in Deutschland immer wieder fake-moralische Empörungen angefacht werden, welche weite Teile der Aufmerksamkeit abfackeln wie das Feuer über dem Bohrturm das überschüssige Gas abfackelt.

»Darf der das sagen?«, »Hat er das gesagt?«, »Ist das jetzt schon Rechts oder noch Klartext?«, »Muss der jetzt nicht zurücktreten?« et cetera ad nauseam. – Die deutsche Dummpartei will aktuell sogar einen ihrer wenigen Nichtdummen wegen eines solchen Falles ganz aus der Partei ausschließen (fr.de, 13.5.2021). Es fackelt unsere Aufmerksamkeit ab, es ist in der Sache meist absurd – und es ist für den Rest der Welt egal.

Die deutschen Moraldebatten ähneln verblüffend genau den Gesprächen, die man von pubertierenden Gören auf dem Schulhof hören kann: »Die hat das gesagt!«, »Und dann hat der so gesagt…«, »Nee, das hat die nicht wirklich gesagt, oder?« – und so weiter, bis die Pause vorbei oder gleich die Schule aus ist – und dann auf dem Smartphone bis in die Nachtstunden weiter.

Wird irgendwer auf diesem Planeten seine moralische Meinung ändern, weil sich dieser oder jener Standpunkt in der linksgrün-vulgärprimitiven deutschen Debatte durchgesetzt hat? – Nein, wird er nicht, denn: Es ist egal.

So er- und anregend wir Deutschen unsere »Aufregung des Tages« finden mögen – es ist in größerem Maßstab, zeitlich, welträumlich wie auch politisch in seiner (Nicht-) Konsequenz – inzwischen gründlich egal. – Dass es aber egal ist, das ist für uns, besonders für den Einzelnen, eben definitiv und reichlich nicht egal.

Für Israel (bald) egal

Und dann wäre da natürlich das heutige politische Welt-Thema, der Angriff der Hamas-Terrororganisation auf Israel (siehe etwa auch den Essay vom 13.5.2021).

Aktuell wird etwa berichtet, dass Drohnen iranischer Bauart gegen Israel eingesetzt werden (jpost.com, 14.5.2021), und dass Iran die Hamas finanziert, das ist nun kein Geheimnis (übrigens teils im Austausch gegen Informationen über Israel, so timesofisrael.com, 5.8.2019).

Der Hamas-Angriff auf den Judenstaat scheint in gewissen deutschen Kreisen geradezu »befreiend« zu wirken, als hätte da schon zu lange etwas darauf gewartet, an die Oberfläche durchzubrechen. Brodelnder Antisemitismus und Israelhass quillt aus Ritzen und Accounts, nicht nur in den Communities mit dem im Namen der »Toleranz« importierten Judenhass (siehe auch Essay vom 13.5.2021), sondern auch weiterhin aus den Katakomben von Staatsfunk und linken Parteistiftungen (vergleiche etwa bild.de, 13.5.2021, bild.de, 12.5.2021) – und inzwischen riecht es sogar aus den Ministerien teils etwas streng (vergleiche @dushanwegner, 13.5.2021).

Im Essay »Die Grünen, eine Partei wie ein Affe mit Maschinengewehr«, der von 2019 ist und mir heute weiterhin durchaus relevant scheint, notierte ich: »Der größte Trick«, so heißt es im Film Die üblichen Verdächtigen, »den der Teufel je abzog, war es, die Menschen zu überzeugen, dass er nicht existiere.« (Die entsprechende Filmszene findet sich auf YouTube.)

Heute können wir entsprechend sagen: Der größte Trick, den die geistigen Nachfolger der echten Nazis abzogen, war es, in der Debatte zu etablieren, dass ihre politischen Gegner die neuen »Nazis« seien – und sie selbst die »Guten«.

Israel muss es »egal sein«, ob Deutschland und die deutsche Öffentlichkeit ihm zur Seite steht. Deutschland ist wieder der Nährboden des offenen Judenhasses, doch es ist nicht nur der im Namen der »Toleranz« ins Land gelassene und dann fleißig ignorierte Judenhass – es ist das schwärende Gift jener linken Leute, die sich so trefflich darauf verstehen, all ihre Gegner als »Nazis« zu titulieren.

Dass Deutschland sich in der UN regelmäßig und zuverlässig auf die Seite derer stellt, die Israel lieber heute als morgen vernichtet sähen (vergleiche juedische-allgemeine.de, 24.3.2021, welt.de, 23.4.2021 und viele andere), es hilft Israel natürlich nicht. Doch Israel kann, darf und wird sich nicht davon abhängig machen, ob lupenreine Demokraten wie ein Herr Maas oder ein Herr Heusgen (siehe auch Essay vom 7.11.2018) meinen, im Namen Deutschlands mit Islamisten und Gottesstaatlern paktieren zu müssen.

Israel wäre längst da, wo Demonstranten in Berlin es schon seit Jahren sehen wollen, nämlich im Meer – sprich: ausgelöscht – wenn es sich allzu sehr auf Deutschland verließe.

Der deutsche »Israelknacks« (vergleiche welt.de, 3.1.2013) ist zuerst und wohl auch zuletzt unser Problem, und ein nicht unwesentlicher Teil dieses unseres Problems ist, dass es international gesehen bald schon egal ist.

Gleichheit und Kosten-Nutzen-Abwägung

Das Wort »egal« stammt aus dem Französischen, wo es »gleich« bedeutet. Wir kennen ja die égalité, die Gleichheit.

»Es ist egal« bedeutet, dass das Ergebnis gleich sein wird, ob wir es tun oder nicht. »Es ist mir egal« aber bedeutet, dass beide Ausgänge für mich persönlich keinen emotionalen Unterschied ausmachen. Etwa: »Es ist mir egal, ob in China ein Sack Reis umfällt«, oder: »Es ist mir egal, ob gewisse junge Männer aggressiv werden, denn ich wohne in einer reichen Community weit davon entfernt«, oder auch: »Es ist mir egal, ob Tausende ihren Arbeitsplatz verlieren und der Staat kein Geld mehr hat all die Aufgaben zu finanzieren, denn ich bin wohlstandsverwahrlost aufgewachsen und begreife geistig gar nicht, was meine Worte überhaupt bedeuten (und will aber auch nicht akzeptieren, dass dadurch meine Worte selbst ›egal‹ werden).«

Für den Mönch, der sich selbst verbrennt, ist es selbst natürlich nicht egal, dass und ob er in Flammen aufgeht, aber für die gesamte Sache, für die politische Maßnahme, für die wird es nach aller Erfahrung meist keinen Unterschied machen. Es ergibt höchstens – man verzeihe mir einmal noch den Sarkasmus – ein im wörtlichen wie auch im metaphorischen Sinne wärmendes Gefühl.

Zur Ironie der deutschen Lage gehört: Weil uns zu viele Dinge egal waren, die tatsächlich nicht egal sind, werden wir der Welt egal werden. Ob der Antisemitismus gewisser junger Männer oder die tatsächliche Kosten-Nutzung-Abwägung in Fragen der Energie-Politik, es war und ist uns egal – und weil es uns egal war, werden wir der Welt egal sein.

Für uns macht es einen riesigen, ja lebensbestimmenden Unterschied ob wir uns wirtschaftlich selbst umbringen oder nicht – für den weiteren Verlauf von Weltwirtschaft und Planet ist es realistischerweise insgesamt egal.

Es ist für uns als Land und Gesellschaft lebensgefährlich, dass wir unsere Aufmerksamkeit und Chancen mit Bullshit-Debatten verschwenden, statt unsere Gehirne dem Staatsfunk und der Propaganda zu entreißen – für den weiteren Verlauf der Weltgeschichte und Großpolitik ist es, so fürchte ich, schon jetzt recht egal.

Es ist klug und wichtig für Israel, dass es nicht auf Deutschlands Gnade angewiesen ist, sprich: dass Deutschland ihm bald einigermaßen egal sein kann – man hat mit Hamas und Iran genug zu tun – doch dass in Deutschland dieselben Geister wieder erwachen, die einst einen »Judenstaat« so zwingend und dringend notwendig machten, das sollte den Deutschen eigentlich nicht egal sein.

»Mir egal« vs. »ist egal«

Das klitzekleine Problemchen an der »Egal-Frage« ist, dass es oft lediglich nur »uns egal« ist.

Eine Vorstellung kann bei mir kurzfristig wenig emotionalen Unterschied ausmachen (also: »mir egal sein«), die zugrundeliegende Tatsache kann dennoch eine erhebliche Auswirkung auf mein Leben haben!

Es ist nur linksgrüne Ideologie, dass es egal ist, was im Kopf von Migranten vorgeht, selbst wenn diese nach Genozid rufen (während es Linken als dramatisch gefährlich erscheint, was die kleinste Silbe im Nebensatz ihres politischen Gegners bei böswilligster linker Interpretation und Ausdeutung bedeuten könnte) – es ist aber nicht wirklich egal im Wortsinn: Es ergibt für die Zukunft Deutschlands – so es noch überhaupt eine nennenswerte Zukunft gibt – einen sehr spürbaren Unterschied, was die »neuen Mitbürger« denken, ob der elektrische Strom stabil und bezahlbar ist, ob Menschen einen Arbeitsplatz haben, ob die Wirtschaft etwas herstellt und dann auch verkauft, und nicht zuletzt ob unsere Debatten uns dümmer oder klüger werden lassen.

Wenn sie meckern

Weil uns Dinge sehr wichtig waren, die tatsächlich eher unwichtig sind, werden wir, wenn kein Wunder geschieht, selbst bald unwichtig werden.

Weil uns Dinge egal waren, die in Wahrheit ganz und gar nicht egal sind, könnten wir, wenn kein Wunder geschieht, bald der Welt egal sein.

Wenn aber Deutschland der Welt egal sein wird, dann darf das dem Einzelnen nicht egal sein! Dass dem Land Deutschland konsequenzlose Dinge wichtig sind, und wichtige Dinge egal, das ist für dich wichtig, und das sollte dir also nicht egal sein.

Wir erleben heute Geschichte in Echtzeit, und die Lehre dieser Geschichte ist schon jetzt: Zieh die Konsequenzen, die du ziehen musst!

Irgendwelche Verblendeten und Gerngehorsamen werden über dich meckern, wenn du tust, was du zu tun hast, doch das darf dir egal sein.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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