8.1.2021

Es ist ein Spiel

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Austris Augusts
Es fühlt sich dieser Tage an, als sei das alles hier nur ein einziges großes Spiel. Wenn wir aber die Ereignisse um uns her als ein Spiel deuten, was wären die Regeln dieses Spiels? (Und was sollte unser nächster Zug sein?)
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»Panem et circenses« – »Brot und Spiele« – die Formulierung stammt vom römischen Dichter Juvenal, und sie war schon damals, als er sie schrieb, eine Kritik an der Politik und an der praktischen Entmachtung der Bürger. Juvenal war Satirenschreiber, und selbst wer seinen Namen nicht kennt, kennt einige seiner klugen Sentenzen.

»Mens sana in corpore sano« – ein gesunder Geist in einem gesunden Körper!

»Sed quis custodiet ipsos custodes?« – Wer aber soll die Wächter selbst bewachen?

(Randnotiz: Letztens erst führte ich ein Gespräch mit einem ansonsten sehr klugen Herrn, der mir mit vollem Ernst versicherte, er glaube, dass der Mensch sich doch weiterentwickle und nicht in dieser oder jener Evolutionsstufe stehenbleibe, also auch nicht darin stehenbleiben dürfe und deshalb zur Weiterentwicklung anzuhalten sei. Er mochte meine spontane Anmerkung gar nicht, solches Denken sei Grundprämisse totalitärer Systeme, spätestens wenn man eine sprunghafte Fortentwicklung einfordert und bewerkstelligen will, und bevor diese Experimente an der Unmöglichkeit der Umsetzung scheitern, bringen sie viel Leid in die Welt, im notwendigerweise immer brutaler werdenden Versuch, die falsche Prämisse mit Gewalt wahr werden zu lassen, und den Menschen zu zwingen, sich zu dieser oder jener höheren Form zu entwickeln (Randnotiz in der Randnotiz: Der chinesische Totalitarismus könnte tatsächlich funktionieren, denn er ist auf gewisse Weise ein »post-ideologischer Totalitarismus«, vielleicht nicht einmal wirklich »Totalitarismus« zu nennen; er will den Menschen nicht (allzu ernsthaft) auf irgendwelche »höheren Ebenen« heben, er verbietet zuerst und vor allem kritische politische Debatte, und einfach nur etwas verboten zu bekommen, das ist durchaus mit dem Tierischen in uns kompatibel, siehe dressierte Hunde oder die Zustimmung für die Grünen). Jedoch, die tatsächliche Nicht-Evolution des Menschen – zumindest keine innerhalb des relativ kurzen Zeitraums seit Erfindung der Schrift – lässt sich aus einem weiteren Phänomen ablesen: Die Ratschläge der Weisen von vor Tausenden von Jahren sind heute so gültig wie damals. Dass die alten Schriften und Sentenzen noch immer treffen, dass sie auch heute akute Paradoxien ansprechen, dass sie einen Schmerz beschreiben, der uns noch immer in den Knochen zieht, diese ewige Aktualität widerlegt tendenziell die These von einer allzu großen »Evolution« des menschlichen Geistes, zumindest was die letzten paar zigtausend Jahren oder so betrifft. Um ein weiteres und dann auch letztes Mal innerhalb dieser Randnotiz die Grünen zu erwähnen: Ich beschrieb sie 2019 als »eine Partei wie ein Affe mit Maschinengewehr«, und es verspricht denen auch weiterhin Erfolg, dass wir dank moderner Technologie doch wesentlich alle und jeder »wie ein Affe mit Maschinengewehr sind«. – Jetzt aber genug der Randnotiz, zurück zu Brot und Spielen!)

Bei Juvenal steht »Brot und Spiele« für die (wohl erfolgreiche) Praxis und (damit auch berechtigte) Überzeugung des Kaisers, die Wahl des römischen Magistrats zur Formalie zu degradieren, indem das Volk tatsächlich mit Brot (oder Getreide) und Gladiatorenspielen bei Laune und gefügig gehalten wurde. Und wenn wir heute von »Brot und Spielen« reden, dann meinen wir tatsächlich praktisch dasselbe. Wenn nur die Supermärkte genug Brot bereithalten (und Klopapier, warum auch immer), dann sind »die Leute« schon halb zufrieden, und wenn dazu noch die Fußballspiele wieder laufen (wo Superstar-Gladiatoren »Krieg spielen«), und sei es mit Stadionlärm aus der digitalen Konserve, dann ist die wahlrelevante Mehrheit »fast ganz glücklich«.

Jedoch, während der Mensch selbst, entgegen aller Illusionen in jeweils eigener Sache, sich in der Biologie seines Kopfes und damit seines möglichen Geistes nicht allzu merk- und messbar weiterentwickelt, und sich gewiss nicht auf irgendwelche »höheren Ebenen« schwingt, so entwickeln sich doch die Systeme und Strukturen weiter, in welche er eingebettet ist – und auch »Brot und Spiele« haben sich weiterentwickelt.

Einst waren »Brot und Spiele« eine Ablenkung von der Politik. Heute wirkt die Politik selbst wie ein Spiel. Wenn man heute »Brot und Spiele« sagt, könnte man auch »Brot und Politik« sagen, und es würde womöglich auf dasselbe referieren. Lassen wir doch die Darsteller der aktuellen Corona-Debatte vor unserem geistigen Auge defilieren, all die Experten, Berater und Talkshow-Bewohner! Wirken sie denn nicht zuerst wie Schauspieler auf der Theaterbühne, jeder mit seiner Rolle, und sei dieser der Hofnarr oder der tragische Held.

Politik hatte seit jeher etwas Spielerisches an sich, von den Inszenierungen an den Königs- und Kaiserhöfen aller Zeiten bis zu den TV-Debatten in den Staatsformen, die sich »Demokratie« nennen. Politik hatte immer etwas Spielerisches an sich – doch zuletzt tritt sie uns gegenüber, als wäre sie nur noch Spiel.

Wir könnten uns darüber aufregen, dass die-da-oben sich (nicht nur seit dem »Corona-Theater«) selbst nicht mehr ernst zu nehmen scheinen, dass sie ein Spiel spielen, dass wir uns bald zurückwünschen, die Politiker wären zumindest die finsteren Schachspieler hinter den Kulissen – und nicht wie  verwirrte Spielfiguren, die genauso verloren wie wir über das Spielfeld stolpern.

Ja, wir könnten uns darüber aufregen, doch vielleicht könnten wir auch unseren Blick heben und dieses Spiel eben auch als Spiel betrachten.

Dies alles ist ein Spiel. Nichts hiervon ist eigentlich. (Dass man dran sterben kann, macht es nicht weniger zum Spiel: Am Poker lässt sich trefflich pleite gehen und am russischen Roulette stirbt es sich leicht, und doch sind beides zweifellos Spiele.)

»Der Name, den man nennen kann, ist nicht des Ewigen Name« (mit dem »Ewigen« ist hier das Tao gemeint), heißt es bei Lao Tse, und es ist ein Hinweis darauf, dass die Spielnatur dessen, was wir Realität nennen, tatsächlich die eigentliche Natur ist.

Testen wir die These durch die Gegenthese: Welche dieser Perspektiven wird eher zu guten Entscheidungen führen? Auf der einen Seite das verbissene Festhalten an der Eigentlichkeit des Momentes, die Verzweiflung über die mangelnde Revidierbarkeit jedes auf dem unerbittlichen Zeitstrahl stattfindenden Ereignisses – auf der anderen Seite die Deutung exakt derselben Ereignisse als Spiel, und zugleich uns selbst als den Spielern, die sich leichthändig die Taktiken für den nächsten Spielzug bereitlegen.

Die Ereignisse um uns herum fühlen sich (wahrlich nicht nur mir) täglich mehr wie ein Spiel an, wie etwas Uneigentliches, wie etwas, das potentiell und überraschend schnell in ganz andere Bahnen gelenkt werden kann (und mit einiger Wahrscheinlichkeit auch wird), und viel spricht dafür, dass es auch wirklich ein Spiel ist – jedoch: die Frage ist metaphysisch und für den Aufgeklärten also wahrscheinlich bar praktischer Konsequenz.

Ich schlage vor, dass wir, unabhängig von der Frage, ob es ein Spiel ist, die Dinge versuchsweise eine Zeit lang betrachten und angehen, als wäre alles ein Spiel!

Wer ein Spiel zu spielen beginnt, der lernt zuerst die Regeln. Was sind die wahren Regeln dieses Spiels, nach denen wir wirklich spielen, nach denen mit uns gespielt wird?

Was ist das »offizielle« Ziel des Spieles? Wer wird zum Sieger des Spiels erklärt? Wann sind wir zufrieden damit, wie das Spiel verlaufen ist?

Die-da-oben spielen ein Spiel.

Wäre das Schicksal der Schachbauern denn nicht deutlich erfreulicher, wenn ihnen bewusst wäre, dass sie Teil eines Spieles sind? Das Schachspiel ist ja seit jeher eine reiche Quelle schöner Gleichnisse, und wenn ich eines hinzufügen darf: Der Bauer, der an den anderen Rand des Spielfeldes gelangt, ans »andere Ufer« gewissermaßen, und der so zur freien, mächtigen Dame umgewandelt wird, er ist schlicht eine Figur, welcher bewusst wurde, dass sie Teil eines Spieles ist. (Eine vollständig andere Deutung wäre, dass der zur Damen verwandelte Bauer den »Manchurian Candidate« darstellt (siehe auch Essay vom 14.12.2020), die politische Marionette, die von außen mit Bedeutung aufgeladen wird und dann wild gezogen wird – nur um bald mit dem nächsten umgewandelten Bauern ersetzt zu werden.)

Es ist mein Ernst, dass es seit Jahrzehnten nicht so ernst war wie heute. Und ebenso ernst ist es mir, dass es ernsthaft klug sein könnte, die Dinge wie ein Spiel zu betrachten.

Wenn also, lieber Bürger, dein täglich Brot gesichert ist, dann geh das Spiel an! Es ist unsere Natur, spielen zu wollen, seit Tausenden von Jahren schon!

Es ist ein Spiel, ob es dir gefällt oder nicht, doch das Spiel wird dir weit besser gefallen, wenn du die Regeln lernst, wenn du mitspielst, und wenn du den Mut aufbringst, statt selbst gezogen zu werden endlich auch selbst deine Spielfigur zu ziehen.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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