Die Studienlage ist klar, dutzendfach belegt: Je diverser eine Gesellschaft, desto geringer das Vertrauen. Wenn die Menschen aber einander nicht vertrauen, können sie nicht erfolgreich zusammenarbeiten – oder auch nur zusammenleben. Und nu?

Nehmen wir an, ich würde euch diese These vorlegen: Mehr Diversität führt zu geringerem wirtschaftlichen Erfolg und schwächt die Gesellschaft.

Einige Leute würden nicken und »ist doch klar« murmeln.

Andere Leute würden im roboterartigen Reflex brüllen: »Rassismus! Hass! Hetze! Naaaziii!«

Höflichere Varianten der »Rassismus«-Brüllerei wären etwa die Behauptung, es sei »Populismus!« – und die ist hier tatsächlich interessant.

Unzulässiges und Askese

Ich misstraue beidem: den einfachen Erklärungen wie auch den komplizierten.

Alle einfachen Erklärungen stehen ja nicht unberechtigt im Verdacht des Populismus. Im Buch Talking Points erkläre ich, dass »Populismus« – so es überhaupt etwas bedeutet – für unzulässige Vereinfachung eines Sachverhalts steht.

»Das ist populistisch« bedeutet: Das ist eine unzulässige Vereinfachung!

Und tatsächlich sind Szenarien denkbar, in denen besonders demagogische Politiker unzulässig vereinfachen. Im Essay vom 2.2.2024 lege ich ja meine These vor, wonach der sogenannte Sozialismus tatsächlich eine Strategie der Machterlangung ist, die etablierte Wege der Legitimierung von Macht aushebeln soll. Die neuen Methoden der Legitimierung sind aber regelmäßig populistisch in diesem Sinne. (Sozialisten wollen herrschen, weil sie Wohnungsnot durch Enteignung lösen werden. Oder weil durch die von ihnen eingeleitete nationale Askese das Weltklima »gerettet« wird.)

Der psychologische Kern des Populismus ist aber nicht zwingend die Vereinfachung. Der psychologische Mechanismus – die Verführung – des Populismus liegt in der kognitiven Erleichterung. Der Populismus »erlaubt« dir, weniger zu denken.

Doch unzulässige Vereinfachung ist nicht das einzige politische Mittel, dem Plebs anzubieten, nicht oder zumindest weniger denken zu müssen. 2017 beschrieb ich den »Populismus angeblicher Komplexität«, den damals vor allem Merkel einsetzte.

Der Politiker verspricht kognitive Erleichterung, indem er sinngemäß sagt:

Das ist viel zu komplex für euch, ihr Dummerchen. Ich aber bin klug und verstehe es. Vertraut mir also! Gebt mir Macht über euer Leben und Land – und dann kümmert euch nicht weiter.
– fiktiver Lockruf des Populismus angeblicher Komplexität

Ja, ich misstraue beiden!

Ich misstraue dem, der Konflikte viel einfacher darstellt, als sie sind. (»Integration würde total super klappen, wenn nur die Rechten nicht so viel hetzen würden.«, »Wir schalten Atomkraftwerke ab und ersetzen sie durch Windräder. Atomkraft, nein danke!«)

Ich misstraue aber auch täglich mehr dem, der Probleme komplizierter darstellt, als sie sind – vielleicht um so zu verhindern, dass sie diskutiert oder gar gelöst werden.

Wissenschaft hat festgestellt

Simple Behauptung: Verschiedene Menschen unterschiedlicher Kulturen können nicht wirtschaftlich und sozial erfolgreich zusammenleben.

TV-Experten und bezahlte Lügner werden sagen, es sei »kompliziert«, brauche »Integrationsarbeit« (und damit Fördergelder) und so weiter.

Die simple Antwort ist aber wohl: Ist diese Vereinfachung aber auch unzulässig?

Nein. Diese einfache Aussage ist wahr und zulässig, und hier sind Zitate einiger der Studien, die diesen Zusammenhang ganz oder in Teilen belegen.

Ich habe bewusst die Zitate in der Originalsprache Englisch belassen – auch weil alle im Grunde zu einem ähnlichen Ergebnis gelangen.

We find a statistically significant negative relationship between ethnic diversity and social trust across all studies.
Ethnic Diversity and Social Trust: A Narrative and Meta-Analytical Review (Dinesen, Schaeffer & Sønderskov, 2020)

New evidence from the US suggests that in ethnically diverse neighbourhoods residents of all races tend to ‘hunker down’. Trust (even of one’s own race) is lower, altruism and community cooperation rarer, friends fewer.
E Pluribus Unum: Diversity and Community in the Twenty-First Century (Putnam, 2007)

Die folgende Studie windet sich auf spektakuläre Weise, die simple Wahrheit in komplizierten Verrenkungen zu verstecken:

Based upon all these results, can one conclude that if one person is (exogenously) moved from a less to a more homogeneous community he or she will trust others more? This is, of course, a very difficult question, but our results are not inconsistent with an affirmative answer.
Who Trusts Others? (Alesina & La Ferrara, 2002)

Die folgende Studie ist wieder aufs Kühlste klar:

In this paper we argue that residential exposure to ethnic diversity reduces social trust.
Ethnic Diversity and Social Trust: Evidence from the Micro-Context (Dinesen & Sønderskov, 2015)

Einige Studien scheinen das Problem mangelnden Vertrauens zu verschieben oder anders zu deuten. »Ethnic Diversity, Poverty and Social Trust in Germany (Gereke, Schaub & Baldassarri, 2018)« etwa sieht das Vertrauensproblem womöglich eher in ökonomischen Unterschieden begründet.

Der Tenor der meisten Studien scheint aber tatsächlich zu sein: Je diverser, desto weniger Vertrauen.

Nach aller Lebenserfahrung wissen wir aber auch: Je weniger Vertrauen, desto weniger ökonomische Kooperation und produktives Zusammenleben.

Hier sind ein paar weitere Studien, wenn euch langweilig sein sollte und ihr es selbst prüfen wollt:

Die meisten dieser Studien kommen zu dem Ergebnis: Auch wenn Szenarien denkbar (und wünschenswert) sind, in denen »diverse« Menschen unterschiedlicher Kulturen (und damit Werte) erfolgreich zusammenleben, ist der Regelfall der, dass mehr Diversität zu weniger Vertrauen führt.

»Ich würde es nicht empfehlen«

Ja, manchmal ist die Wahrheit tatsächlich einfach – auch wenn gewisse Kreise (und die, die sie »motivieren«) sie nicht hören wollen.

»Diversität ist unsere Stärke«, so hört man als Slogan. Doch Studien und Lebenserfahrung sagen etwas sehr anderes (wohl auch für Unternehmenskulturen).

Die logische Regel Transitivität der Implikation besagt: Wenn »A→B« und »B→C«, dann »A→C«.

»A→B« ist in diesem Fall die wissenschaftlich wohlbelegte These, dass mehr Diversität zu weniger Vertrauen führt.

»B→C« ist in diesem Fall die Lebenserfahrung, wonach Menschen nur dann erfolgreich zusammenarbeiten und zusammenleben können, wenn sie einander vertrauen.

Ergo: Wenn mehr (Werte-)Diversität zu weniger Vertrauen führt und weniger Vertrauen zu geringerem wirtschaftlichen und sozialen Erfolg führt, dann führt mehr (Werte-)Diversität zu weniger wirtschaftlichem und sozialem Erfolg.

Helmut Schmidt verankerte diese Erkenntnis auch in der Geschichte:

Die Vorstellung, dass eine moderne Gesellschaft in der Lage sein müsste, sich als multikulturelle Gesellschaft zu etablieren, mit möglichst vielen kulturellen Gruppen, halte ich für abwegig. Man kann aus Deutschland mit immerhin einer tausendjährigen Geschichte seit Otto I. nicht nachträglich einen Schmelztiegel machen.
– Helmut Schmidt, 1992 in Frankfurter Rundschau, zitiert nach Wikiquote

Was also empfiehlt sich zu tun?

Nun, derselbe Helmut Schmidt riet schlicht:

Ich würde es euch nicht empfehlen! Ich würde nicht empfehlen, die Einwanderung aus primitiven Entwicklungsländern zu forcieren.
– Helmut Schmidt bei NZZ-TV, via @CLeiserfluss, 26.10.2025

Manchmal sind Realität und Wahrheit tatsächlich einfach. Und am Ende, siehe das Stadtbild in mancher deutschen Stadt, gewinnt immer die Realität.

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Der Essay Je mehr Diversität, desto weniger Vertrauen von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/je-mehr-diversitaet-desto-weniger-vertrauen/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!