Wenn du auf dein (bisheriges) Leben zurückblickst, welche Kategorie von Fehlern schmerzt dich rückblickend am meisten? Was wirst du »zum Schluss« bedauern?

Wenn du auf dein Leben zurückblickst, auf die jüngere Geschichte deiner Familie, deines Volkes, deines Landes, welche Fehler bedauerst du am ärgsten?

Haben die Wunden, die auch Jahre und Jahrzehnte später noch besonders bluten, womöglich etwas gemeinsam?

Ich will euch sagen, welche Art von Fehlern mich rückblickend am meisten schmerzt. Zunächst aber, lasst uns mal Fehler kategorisieren.

Kurze Topologie der Fehler

Fehler gehören einer von zwei Kategorien an – und dann jeweils einer ihrer vielen Unterkategorien und Varianten.

Erstens: Es gibt Fehler, die verzeiht sich der Mensch am ehesten. Man war zum Zeitpunkt ihres Begehens schlecht informiert oder anders beeinträchtigt.

Solche Fehler sind in bestimmtem Licht nicht einmal vollumfänglich Fehler zu nennen. Vielleicht eher Versehen oder Unfall.

Rationales Denken ist eben immer begrenzt, wofür der US-Soziologe in den 1960er-Jahren den Begriff bounded rationality einführte (siehe Wikipedia).

Zweitens: Andere Fehler aber sind nicht auf einen Mangel an Information zurückzuführen, sondern auf einen Überschwang des Gefühls. Die Rationalität wurde ignoriert, unterdrückt oder ausgeblendet (im Englischen existiert dafür das Verb to override).

Manche Schlägerei beginnt mit einem Zuviel an Gefühlen, ähnlich dem deutschen Atomausstieg. (Ja, Politik schürt regelmäßig einen Überschwang an Gefühlen – das ist eine zentrale Aufgabe von Propaganda –, um selbst bei Vorliegen ausführlicher Informationen eine irrationale Entscheidung im Volk akzeptabel werden zu lassen, siehe »Refugees welcome«, Covid-Panik, Kampf gegen Rechts und so weiter.)

Lasst mich auch, zur Illustration und keineswegs erschöpfend, einige Unterkategorien nennen, einige Verästelungen abgehen.

Systematische Denkfehler wie etwa den Bestätigungsfehler (siehe Wikipedia) ordne ich als Variante begrenzter Rationalität ein.

Fehler durch Ideologie oder Gruppendenken ordne ich, wie etwa auch Fehler durch Moralpanik (siehe Wikipedia), unter die Fehler durch emotionalen Überschwang ein, jene berühmten »Handlungen wider besseres Wissen«.

Bei einigen Fehlern wie Handlungen unter Zeitdruck, Stress und anderen Überforderungen – etwa medizinisches Personal unter Zeitdruck –, ließe sich diskutieren, welcher der beiden Kategorien sie angehören. Und man wird wohl auch hier mit unseren Freunden, den Juristen, antworten wollen: Es kommt darauf an.

Aber, äh, was ist es?

Wir haben also die Fehler grob kategorisiert – was aber ist ein Fehler?

Wir könnten zunächst eine direkte, naheliegende Antwort versuchen: Als Fehler bezeichne ich eine Handlung, deren Ergebnis nicht das beabsichtigte oder erwünschte Ergebnis abbildet, und zwar so deutlich, dass dieses Ergebnis einen konkreten, nicht-trivialen Schaden darstellt.

Ist es wirklich so einfach, Fehler zu definieren? Klare Antwort: Jein.

Die definitorische Hauptlast trägt in dieser Erklärung die Formulierung »das beabsichtigte oder erwünschte«.

Es bräuchte den Raum und Umfang mehrerer Bücher, um zu erkunden, wodurch sich ein Ergebnis als beabsichtigt oder erwünscht auszeichnet; hier also nur kursorisch.

Da wäre etwa der Faktor Zeit. Ach, wie oft erzielt eine Handlung kurzfristig durchaus den beabsichtigten und erwünschten Zustand – nur um zu einem späteren Zeitpunkt als grober Fehler eingestuft zu werden.

Vom dritten Glas Whisky bis zum Antrag auf einen Hauskredit: Manchen kurzfristigen Erfolg (betrunken, in einem Haus lebend) bedauern wir später als verheerenden Fehler. Kann eine Handlung also gelungen und doch ein Fehler sein?

Ja, ganze Lebensphilosophien oder sogar Religionen ließen sich damit betreiben, Ereignisse von Fehlern in Erfolge umzudeuten. (Beispiel: »Ich bin keinesfalls auf dämlichste Weise gescheitert – Gott wollte mich prüfen und/oder ich habe dazugelernt!«)

Das bedaure ich

Lebensumstände wechseln. Einsicht und Erfahrung wachsen. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Konsequenzen werden von Möglichkeiten (einer von vielen, so meinen wir) zu Wirklichkeit (der einzigen, soweit wir im Alltag sehen)

Im Lauf der Zeit kann und wird sich verändern, was du einen Fehler nennst und was einen Erfolg.

Und doch, wenn sich eine Handlung sowie ihr Ausgang auch Jahre und Jahrzehnte später, nach einem reifen Leben und reiflichem Bedenken, als Fehler erweist, ja, wenn absehbar ist, dass dies auch in der großen Schlussabrechnung immer noch als Fehler dastehen wird, dann lässt sich doch wohl mit ausreichender Schärfe sagen: Das war ein Fehler, das bedaure ich.

Wahres Bedauern

Nun, nach dieser Vorrede, diesen Prolegomena des Bedauerns, will ich euch sagen, welche Unterkategorie meiner Fehler ich mit dem größten Schmerz bedaure.

(Der Schreiber räuspert sich, atmet tief ein und macht den Rücken gerade – endlich.)

Ich bedaure es, wenn mir Mut und Tatkraft fehlten, den logischen Schlüssen meines Verstandes auch die konsequente Tat folgen zu lassen.

Ich bedaure ein wenig jene bitteren Szenen, diesem oder jenem Lügner mehr als nur die erste Gelegenheit gegeben zu haben – statt nach der ersten die rationale Konsequenz zu ziehen.

Ich bedaure auch »banale« Angelegenheiten wie versäumte Aktiengeschäfte, etwa als ich 2022 im Essay »Der wirklich neue große Sprung« über Facebook/Meta und deren Aktienkurs sprach (er hat sich seitdem vervielfacht) und doch keine Handlung folgen ließ (auch durch den Mangel an praktischer Möglichkeit).

Den ärgsten Schmerz des Bedauerns empfinde ich aber, auf die Besserung von Systemen gehofft zu haben, hinsichtlich derer, rational betrachtet, keine Hoffnung gerechtfertigt war.

Ich weiß aber auch nicht wirklich, was besser hätte sein können als die Hoffnung.

Wie töricht!

Ein guter Teil meiner Essays (bislang 2.363 mit diesem) dokumentiert mein Versagen, den kalt-logischen und rein rationalen Schluss aus den beschriebenen Entwicklungen zu ziehen.

Ich hatte mich ja zwischendurch selbst ermahnt, mich und damit euch! Im Essay »Deutschlands gezählte Tage« zitierte ich Goethe: Töricht, auf Besserung der Toren zu harren!

Und was tat ich?

Ich wartete auf Besserung der Toren.

Wie töricht von mir!

Wie töricht und irrational und bedauernswert.

Und ich würde es wieder tun.

Ich bedaure es. Es war ein tausendfacher Fehler. Und ich würde es wieder tun.

Denn, und das steht noch über Fehlern und Bedauern, ich will ein Mensch sein, der an die Besserung der Toren glaubt. Lieber mit meiner Ratio, aber zur Not (und es ist eine Not) auch gegen die Ratio.

Versteht mich nicht falsch: Ich bedaure jenen Fehler wirklich.

Doch wahr ist auch: Ich wollte nicht in einer Welt leben, in der niemand an meine Besserung glaubt.

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