Merz beschimpft die Opposition als »in der Tradition« des Holocaust. Er liest vom Blatt ab – das ist geplant, geprüft, gewollt. Hat jemand im System Merz »den Verstand verloren«? Nein – die Wahrheit über diesen Irrsinn ist wohl schlimmer.

Ich schrieb gestern über Merz, ich muss es wieder tun. Ich muss über Merz schreiben, weil seine aktuelle Rhetorik für das Zentrale steht, was mit – ja – den Deutschen heute nicht stimmt.

Merz verunglimpfte die (einzige inhaltliche) Oppositionspartei als »eine Partei, die in der Tradition des schlimmsten Unrechts unseres Landes steht, das es in der Geschichte jemals gegeben hat« (via @jreichelt, 7.6.2026).

Wir müssen uns nicht inhaltlich mit dem Dreck beschäftigen, den der Bundeskanzler gegen die ungeliebten Andersdenkenden werfen will. Es ist Unsere Demokratie, wie sie kreischt und geifert. Tatsächlich interessant sind aber der Kontext, die Implikationen und die Reaktionen.

Der Kontext

In diesen Tagen werden Bürger reihenweise angeklagt, verurteilt und bestraft, wenn sie den Bundeskanzler mit harschen Worten beschreiben. Den Friedrich M. einen »Lügenfritz« zu nennen, vielleicht weil er bewusst Unwahrheiten gesagt haben sollte, stellt in Unsere Demokratie eine Straftat dar und wird entsprechend bestraft (berliner-zeitung.de, 2.6.2026).

Gleichzeitig aber nimmt sich der Kanzler heraus, die Opposition und deren Politiker aufs Übelste zu beschimpfen, ja ihnen die schlimmstmögliche Beschimpfung überhaupt zuteil werden zu lassen.

Unsere Demokratie ist inhaltlich in mancher Hinsicht, wie auch hier, eine Anti-Demokratie.

Denn: In einer echten Demokratie müssen Politiker traditionell extra harte Kritik ertragen (siehe Helmut Kohl), die Würde und Rechte der Bürger, besonders aber der Andersdenkenden, sind besonders geschützt. In Unserer Demokratie ist es andersherum: Der Bürger verliert sein Recht auf Meinungsfreiheit und Kritik an den »Volksvertretern«. Der Politiker dagegen erhält Super-Rechte, dank derer er nach Belieben scharf austeilen kann, ohne einstecken zu müssen.

Die Reaktion

Julian Reichelt kommentierte: »Friedrich Merz dreht nun vollkommen ab und behauptet, die AfD stehe in der Tradition des Holocaust […] Es tut mir leid, aber wer sowas sagt, macht sich verdächtig, schlichtweg den Verstand verloren zu haben.« (via @jreichelt, 7.6.2026)

Ja, wir haben alle gemerkt, wie routiniert Reichelt es vermieden hat, dem Kanzler tatsächlich den Verlust des Verstandes zu attestieren. Reichelt stellt lediglich fest, dass sich der Verdacht aufdrängt.

Doch tut es das wirklich?

Die Implikationen

Merz scheint diese Ungeheuerlichkeit von einem Blatt abzulesen. Er scheint zu lesen, blickt immer wieder aufs Papier. Vermutlich hat ihm jemand auch das aufgeschrieben.

Dieser Tabubruch war aller Erfahrung nach geplant. Vermutlich ist der Text durch mehrere Instanzen gegangen. Und eine Instanz nach der anderen, zuletzt Friedrich Merz selbst, beurteilte diesen Text als akzeptabel, vermutlich sogar als effektiv und klug.

Nein, da hat niemand »schlichtweg den Verstand verloren«. Zumindest nicht in der Form, dass dieser Verlust für das Entstehen und den Vortrag dieser Verunglimpfung kausal allein verantwortlich wäre.

Deren Gewissen ist offenbar völlig anders justiert als meines. Auch tue ich mich schwer, deren im politischen Handeln manifestierte Loyalität (siehe Relevante Strukturen) aus ihrem Amtseid abzuleiten. Doch all das wäre nicht mit »den Verstand verlieren« zu beschreiben.

Es ist ein Systemproblem. Merz und seine Mitarbeiter bilden ein System. Und dieses System ist selbst Teil eines größeren Systems, und dieses wieder …

Das »System Merz« legt wöchentlich weitere rhetorisch-moralische Hemmungen ab. Als wir dachten, Unsere Demokratie könnte nicht schamloser werden, strafte man uns Lügen. (Und bestraft uns weiterhin, wenn wir sie »Lügner« nennen, bloß weil sie erkennbar Unwahres sagen.)

Die Konsequenz

Herr Merz und jeder seiner Zuarbeiter entscheiden sich täglich aufs Neue, weiter Teil des Systems zu sein. Und das ist für mich das eigentlich Gruselige.

Hans-Georg Maaßen kommentiert:

Merz hat nicht den Verstand verloren. Und es war auch keine Entgleisung. Er hat diese ungeheuerliche Lüge, die offensichtlich schriftlich vorformuliert war, gezielt eingesetzt. Er weiß ganz genau, dass die AfD nicht in der Tradition der NSDAP steht und niemals den Holocaust betreiben wird.
Trotzdem sagt er es.
Warum? Weil er mit der Autorität seines Amtes als Bundeskanzler den Bürgern einprägen will: Die AfD ist eine mörderische Gefahr für Deutschland und den Weltfrieden. Merz weiß, dass es Menschen gibt, die seine Worte so verstehen werden, dass eine Regierungsübernahme der AfD notfalls auch mit Gewalt verhindert werden muss.
Das ist ein mittelbarer Aufruf des Bundeskanzlers zur Gewalt gegen die AfD. Der klassische Fall von Volksverhetzung. Herr Merz, Sie tragen ab sofort die politische und strafrechtliche Verantwortung für Gewalttaten gegen Mitglieder und Unterstützer der AfD!
@HGMaassen, 07.06.2026

Ob man Maaßens strafrechtlicher Einordnung folgt, muss jeder selbst beurteilen. Sein erster Punkt aber steht: Nein, niemand im System Merz hat »den Verstand verloren«. Die sind sehr wohl Herren (und Damen) ihrer Sinne.

»Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!«, so sagte Jesus über seine Henker (Lukas 23:34).

Die Leute im System Merz wissen sehr wohl, was sie tun. Die wissen es sehr genau, denn sie haben ja nicht den Verstand verloren. Wird ihnen Vergebung zuteil werden? Kann ihnen Vergebung zuteil werden? Gut, dass es nicht unsere Aufgabe ist, darüber zu urteilen.

Welches dein System ist

Du und ich halten uns ja jeweils für »normal«, sprich: Wir haben nicht »den Verstand verloren« – so wollen wir glauben.

Wir könnten uns irren, denn: Der Mensch, der nicht die realistischen und tatsächlichen Konsequenzen seines Tuns bedenkt oder sie gar aktiv leugnet, dessen Tun könnte von außen betrachtet wirken, als habe er eben doch »den Verstand verloren«.

Und dann noch die persönliche System-Frage: Die Redenschreiber des Herrn Merz wissen vermutlich, welchem System sie angehören, welchem System sie damit dienen und welches System damit ihnen dient.

Die kennen ihr System.

Kannst du mit sicherer Stimme sagen, welches dein System ist?

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