Im Dritten Gesang der Göttlichen Komödie, in Vers 51, heißt es:
Kein Wort von ihnen; schau und geh vorüber.
– Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie)
Wir wissen, dass die Göttliche Komödie eine Allegorie ist. Der fiktive Erzähler begibt sich, anfänglich vom antiken Dichter Vergil begleitet, zu Fuß auf eine Reise in die Hölle, ins Fegefeuer und schließlich ins Paradies.
Diese drei Teile enthalten zusammen einhundert Gesänge (was in Romanen wohl Kapitel wären), mit insgesamt 14.212 Versen. Der hier zitierte Dritte Gesang des ersten Teils »Hölle« beschreibt also die ersten Momente der Reise.
In diesem Dritten Gesang beginnt der Abstieg in die Hölle, und folglich enthält er auch eines der berühmtesten Zitate aller Zeiten, als Inschrift über der Pforte zur Hölle: »Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren.«
Wir wissen, dass der Erzähler auf seinem Weg durch die verschiedenen Kreise der Hölle auf unterschiedlich Arten von Sündern treffen wird. Es ist eine beißende soziale Kritik für Alighieris Zeit – und eine Beschreibung der Sünder aller Zeiten.
Doch den ersten Menschentypus trifft der Erzähler noch vor der Hölle. Hier, noch vor dem Eingang, lauern die Lauen, die Opportunisten ohne festen Willen.
»Die ohne Lob gelebt und ohne Schande«, die »ohne gegen Gott sich zu empören, ihm nicht treu, sondern unparteiisch waren.«
Deren Wesen und Schicksal ist derart erbärmlich, dass nicht einmal die »tiefe Hölle« sie aufnehmen will. Nicht einmal der Tod hat ihnen Hoffnung zu bieten. Also lungern sie vorm Eingang zur Hölle herum. Dort aber werden sie immerhin von Wespen gestochen und von »ekelhaften Würmern« verschlungen.
Diese elenden Unentschlossenen erinnern mich an einen Bibelvers, der dieses Jahr in meinem Hinterkopf sitzt und Gericht hält über mich. Ich erwähnte ihn bereits in dem Essay »Du hättest getan, was du heute tust« und früher, als ich fragte: »Liebst du dein Land?«
Jenes Gerichtsverfahren lautet:
Ich kenne deine Taten: Du bist weder kalt noch heiß. Ach, wärst du doch kalt oder heiß! Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, werde ich dich aus meinem Mund ausspeien.
– Offenbarung 3:15–16
Vor dem Tor der Hölle da harren sie, gestochen von Wespen, gefressen von Würmern, weder heiß noch kalt und also ausgespuckt.
Soll man ihnen gut zureden? Soll man sie bedauern, dass sie es nicht einmal in den ersten Kreis der Hölle schafften?
»Nein«, sagt Vergil: »Kein Wort von ihnen; schau, und geh vorüber.«
Ich lese diese Zeilen, und mein erster Gedanke ist natürlich: »Okay, na gut! Dann werde ich all die Lauwarmen ignorieren. Kein Wort von ihnen. Kurz schauen und vorübergehen.«
Doch dann höre ich tatsächlich, wie das Gericht in meinem Hinterkopf zu lachen beginnt.
»Du, genau du«, sagt das Gericht, »genau du bist der Lauwarme, der Unentschlossene!«
(Ich werde Hilfe brauchen bei dem Entschluss, endlich entschlossener zu sein.)
Weiterschreiben, Wegner!
Das Schreiben dieser Essays ist nur mir Ihrer Unterstützung möglich. Werden und bleiben Sie Teil meiner Arbeit!
Bitte wählen Sie Ihren freiwilligen Leserbeitrag:
E-Mail-Abo
Lassen Sie sich automatisch benachrichtigen, sobald ich hier etwas Neues veröffentliche! (Gratis, jederzeit abbestellbar.)
Der Essay Psst! Kein Wort von ihnen! von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/psst-kein-wort/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
